Physiotherapeuten verzweifelt: Geschäft bricht wegen Coronavirus'ein

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Die Physiotherapeutinnen Nicole Pazdzior (links) und Renate Kullmann-Bragulla in ihrer geöffneten Praxis. Sie haben sich auf die Arbeit in Corona-Zeiten eingestellt und vorbereitet.

Nachrodt-Wiblingwerde – Es wächst die Verzweiflung der Physiotherapeuten. Die Patienten kommen nicht, sind verunsichert, besorgt oder wissen gar nicht, dass die Praxis geöffnet ist.

Andere dürfen nicht behandelt werden – im Altersheim beispielsweise. Und so sind die Physiotherapeuten in diesen Tagen diejenigen, die zwar arbeiten dürfen und sollen, aber oftmals nicht können und komplett in der Luft hängen. Es geht um ihre Existenz. 

Das gilt auch für die Praxis für Physiotherapie von Renate Kullmann-Bragulla in Opperhusen. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel verkündete, dass auch alle Massagepraxen schließen, haben dies augenscheinlich viele Menschen gleichgesetzt mit Physiotherapie. 

„Sie hätte vielleicht Massagesalons sagen sollen“, so Renate Kullmann-Bragulla. Denn die Physiotherapeuten sind systemrelevant, sie gehören ausdrücklich zum Kern der Gesundheitsversorgung wie Krankenhäuser, Ärzte und Apotheker auch. Sie dürfen verordnete, medizinisch notwendige Leistungen erbringen. 

Weniger als die Hälfte an Patienten

Das nützt in der Realität gerade allerdings wenig. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sind die Behandlungen um mehr als 50 Prozent eingebrochen. So hatte das Team beispielsweise an einem Tag im März 2019 57 Patienten und jetzt 25. 

Können die staatlichen Hilfen, die jetzt angeboten werden, helfen? „Wir müssen nachweisen, dass wir zurzeit weniger Einnahmen haben. Das können wir aber nicht, weil wir jetzt die Behandlungen von Januar, Februar und März abrechnen. Der große Einbruch wird also im Mai/ Juni kommen, wenn dann auch die nächsten Steuervorauszahlungen fällig werden“, sagt Renate Kullmann-Bragulla, die jetzt Kurzarbeit beantragen wird. 

Insgesamt hat sie sechs Mitarbeiterinnen, um die sie sich sorgt. Aber ihr Blick gilt auch besonders den Patienten. „Was uns auch Bauchschmerzen bereitet, sind die Leute in den Pflegeeinrichtungen, die über Wochen gar nicht mehr behandelt werden“, so Renate Kullmann-Bragulla. Zwei Physiotherapeutinnen sind dienstags und donnerstags im Pertheshaus und im Nachrodter Hof. „Natürlich geht es ihnen da gut, aber über die Situation der Beweglichkeit habe ich keine Info. Und es geht auch um die Lymphdrainagen, die sehr wichtig sind.“  Zudem fällt die ehrenamtliche Gymnastikgruppe für die älteren Herrschaften aus. 

Rundum-Desinfektion

Drei Behandlungsräume gibt es in der Praxis am Eschenweg 3. Davon ist einer aktuell immer leer, um die Rundum-Desinfektionen inklusive Türklinken und Fensterbänke vornehmen zu können. „Wir desinfizieren sonst auch nach jedem Patienten, aber nicht so extrem wie jetzt“, erzählt Renate Kullmann-Bragulla. Behandelt wird mit FFP3-Masken und Handschuhen. 

Die Patienten können also kommen. „Ein Patient hat beim Gesundheitsamt angerufen, um zu fragen, ob die Praxen geöffnet sind. Da hat man ihm sehr rüde gesagt, er möchte bitte auflegen und sie nicht mit so einem Mist belästigen“, erzählt die Nachrodter Physiotherapeutin. Die Patienten sollen sich am besten direkt mit den Praxen in Verbindung setzen. 

Fernbehandlung möglich

Übrigens: Eine Fernbehandlung gibt es auch. „Wenn ein Patient beispielsweise mit Rückenproblemen hier gewesen ist und nur eine Sichtkontrolle beim Üben benötigt, kann er dies zu Hause machen“, sagt Renate Kullmann-Bragulla und setzt auf Online-Kontakt. 

Außerdem gibt es fünf Videos auf ihrer Homepage – für die Mobilisation von Schulter und Nacken beispielsweise. Persönlich kommen sollten aber unter anderem alle, die Lymphdrainage bekommen oder die frisch Operierten (Knie, Hüfte), die gerade nicht in die Reha können. „Die Situation beim Einkaufen ist sicher gefährlicher als bei uns“, so die Physiotherapeutin.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im MK finden Siein unserem Ticker.

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