Entlastungen für Pflegende

Bernd Flüs, Geschäftsstellenleiter der AOK, riet den Frauen, die örtlichen Hilfsangebote zu nutzen. - Fotos: Hornemann

Nachrodt-Wiblingwerde -   Die Altenaer Infrastrukturen für pflegende Angehörige sind auch für alle Nachrodt-Wiblingwerder gedacht. Das betonte Bernd Flüs, Geschäftsstellenleiter der Altenaer AOK, am Mittwoch vor 25 Zuhörerinnen bei der Frauenhilfe Wiblingwerde. Jenen Menschen, die ihren erkrankten Verwandten im Alltag zur Seite stehen, soll das Pflegestärkungsgesetz I eine Erleichterung sein.

Es ist nicht nur ein Szenario, das Bernd Flüs im evangelischen Gemeindehaus aufzeichnet: Die pflegende Ehefrau stürzt, bricht sich ein Bein und muss ins Krankenhaus. Sie muss womöglich Verhinderungspflege für ihren Mann in Anspruch nehmen. Die wird aktuell nur vier Wochen im Jahr von der Pflegeversicherung getragen. Bis zu 1550 Euro stehen dafür zur Verfügung. 1612 Euro werden es ab 2015 sein. Zudem kann die Verhinderungspflege auf bis zu sechs Wochen ausgedehnt werden und lässt sich mit dem neuen Pflegestärkungsgesetz auch mit der Kurzzeitpflege verrechnen, die vier Wochen stationäre Betreuung vorsieht. Bis zu acht Wochen Entlastung im Jahr können so bei der Krankenkasse beantragt werden.

Eine große Hürde, die Familien von Demenzkranken nehmen müssen, ist die Beurteilung durch den medizinischen Dienst: Auch bei weit fortgeschrittener Krankheit sind die Betroffenen oft noch in der Lage, Waschlappen, Gabel und Zahnbürste selbst anzuwenden. „Dass diese Menschen dabei ständig angeleitet oder betreut werden müssen, wird zur Zeit nicht berücksichtigt bei der Beurteilung“, so Flüs. So stehen Familien mit höchst betreuungsbedürftigen Angehörigen oft ohne Pflegestufe da und können keine Hilfen beantragen - das soll sich mit dem neuen Gesetz ändern.

„Das hätte schon viel früher passieren müssen“, findet Bernd Flüs, der sich im Altenaer Netzwerk Demenz engagiert. Das bietet donnerstags eine entlastende Betreuungsmöglichkeit in der Altenaer Innenstadt an. Die Kosten dafür können demnächst bei der Pflegeversicherung geltend gemacht werden.

Um nach Unfall oder Krankheit lange in den eigenen vier Wänden bleiben zu können, braucht es manchmal Umbaumaßnahmen, damit zum Beispiel ein Rollstuhl durch die Badezimmertür passt. Statt bislang 2500 Euro zahlt die Pflegeversicherung ab 2015 bis zu 4000 Euro dazu. Für Pflegehilfsittel wie Einweghandschuhe oder Desinfektionszeug wird ab 2015 40 statt bislang 31 Euro gezahlt.

Hilfen zu beantragen soll für Bürger weniger bürokratisch werden. Ihrer Rechte seien sich viele Menschen gar nicht bewusst, weiß Bernd Flüs und zückt dann gern das aktuelle Sozialgesetzbuch: „Hier steht drin, was Ihnen zusteht. Und damit Sie das alles verstehen, hat der Märkische Kreis unter anderem eine Pflegeberatung, die Sie jederzeit in Anspruch nehmen können“, richtete der Referent das Wort an die Frauen.

Das Pflegestärkungsgesetz I sei erst der Anfang: Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe plant eine weitere Reform, die unter anderem die Abschaffung der Pflegestufen vorsieht. „Bis zur Umsetzung können aber noch Jahre vergehen“, ahnt Bernd Flüs. Sein wichtigster Tipp: „Bleiben Sie mit allen Leistungsträgern im Gespräch!“ - Von Ina Hornemann

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