Jüngster ist 23, der älteste 79

Gemeinderat zu alt und zu männlich? So sieht es in Nachrodt-Wiblingwerde aus

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Der Rat der Gemeinde hat eine sehr gut durchmischte Altersstruktur.

Nachrodt-Wiblingwerde - Die Kommunal-Parlamente in NRW sind überaltert und werden von Männern dominiert, sagt eine Umfrage. So sieht es in Nachrodt-Wiblingwerde aus.

Der Jüngste ist Aykut Aggül. Er ist 23. Der Älteste ist Peter Herbel. Er ist 79. Dazwischen gibt es die „ganze Altersspanne“. Und so können sich die Mitglieder des Rates der Gemeinde gelassen in der aktuellen Debatte zurücklehnen. Sie sind nicht „vergreist“. Überdurchschnittlich alt sind die Stadträte in Olpe, Medebach und Bestwig – heißt es in einer Auswertung des WDR. Allerdings: „93 Prozent sind dort älter als 40.“ Was dann das „Drama“ doch relativiert.

„Die Kommunalparlamente in NRW sind überaltert und werden von Männern dominiert“. In Südwestfalen, vor allem im Sauerland, sei der Trend besonders stark ausgeprägt. Und: Nur ein Drittel ist weiblich. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Lars Holtkamp warnt davor, dass „die Interessen von jüngeren Bürgern und Frauen nicht berücksichtigt werden.“

„Frauen ticken einfach anders“

„Wir können uns nur bemühen, dass gute Kräfte in den Rat kommen“, sagt Ulrich Gülicher. Für den CDU-Ratsherrn ist die Frage des Alters unerheblich. „Jugend ist keine Frage der besonderen Klasse. Es gibt gute Alte und gute Junge.“ So sieht es auch seine Fraktionskollegin Kathrin Püschel: „Es kommt auf die Mischung an. Und 40 ist wohl keineswegs alt, wenn man schaut, dass auch viel Ältere heute geistig fit und engagiert sind. Wir machen doch keinen Hochleistungssport.“

Kathrin Püschel, die mit Marion Kreuder-Rathmann die „Frauen-Power“ in der CDU bildet, würde es grundsätzlich begrüßen, wenn mehr Frauen im Rat wären – „bei Problemlösungen haben wir einfach eine andere Denkweise, wir ticken nun mal unterschiedlich.“ Um mehr jüngere Menschen zu begeistern, müsste das Interesse ihrer Meinung nach schon in der Schule geweckt werden.

Mit den Ratsfrauen Sonja Hammerschmidt, Petra Triches, Christiane Lange und Annegret Klatt ist die UWG geradezu eine Vorzeigefraktion. Die Männer – Hans-Jürgen Hohage und Walter Voß – sind in der Unterzahl. „Man kann sich einbringen und bekommt viel mit, was in der Gemeinde läuft“, ist die Fraktionssprecherin Petra Triches sehr angetan von der Kommunalpolitik. „Wir möchten, dass die Gemeinde attraktiv bleibt.“ Petra Triches denkt, dass junge Leute nicht weniger interessiert sind, aber erst einmal im Beruf Fuß fassen müssen und wollen. „Auch bei uns müssen viele lange arbeiten. Und wenn eine Sitzung um 17 Uhr beginnt, dann ist es für viele nicht möglich, dabei zu sein.“

Ohne Frauen nützt keine Quote

Die von vielen Seiten geforderte Frauenquote hat die SPD bereits. „Aber wenn wir keine Frauen haben, nützt die Quote nichts“, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Gerd Schröder. Und so halten Birgit Hirt und Rita Joergens aktuell allein die „weibliche“ Stellung.

Ob Frau oder Mann, alt oder jung: Grundsätzlich, so sagt Gerd Schröder, wäre es wünschenswert, wenn der Rat auch die Struktur der Bevölkerung widerspiegeln würde. „Und das ist in der Tat nicht der Fall.“ Man müsse sich nicht wundern, wenn junge Leute unpolitisch oder andere Wege gehen würden, wenn man sich allein die vergangenen sechs Monate in der Bundespolitik anschauen würde. „Da ist ein sehr schlechtes Bild abgegeben worden.“ Dass die große Politik Auswirkungen auf die „kleine“ vor Ort hat, sei durchaus nicht von der Hand zu weisen.

Im Nachwuchsbereich sieht es dennoch gar nicht schlecht aus: SPD-Ratsherr Aykut Aggül ist gerade mal 23. „Ich sehe mich als frischen Wind im Rat der Gemeinde“, schmunzelt er. „Mein Ziel ist es, besonders die jüngeren Bürger zu erreichen. Eine lebendige und saubere Gemeinde, in der man eine Zukunft hat, sein eigenes Haus bauen oder eine vernünftige Wohnung mieten kann, schöne Spiel- und Ruheplätze hat und seine Freizeit gut verbringen kann, das wünsche ich mir“, sagt der junge Mann, der sich erst etwas unsicher im Rat gefühlt hat. „Jetzt aber fühle ich mich voll akzeptiert. Man muss aber dafür was tun, damit man ernst genommen wird.“ Aykut Aggül wünscht sich, dass sich Gleichaltrige in der Kommunalpolitik engagieren. „Dazu haben aber nur die wenigsten in meinem Alter Lust. Um junge Menschen für Politik zu begeistern, müssten die Parteien offener auf die jungen Menschen zugehen.“

Da stimmt ihm Peter Herbel zu, der seit 1975 im Rat der Gemeinde ist. „Man benötigt junge Leute, die sich für so eine Aufgabe interessieren.“ Doch wer die Fähigkeiten habe und auch in seinem Beruf zwölf und 14 Stunden-Tage leisten müsse, könne sich nicht auch noch voll in die Kommunalpolitik einarbeiten. „Politik ist auch in weiten Feldern uninteressant geworden. Einige wenige ziehen die Fäden, andere gucken mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Das ist im Kleinen wie im Großen so.“ Früher, so sagt Peter Herbel, hätten die Leute mit Leidenschaft diskutiert, heute sei es oft „oberflächliches Gelaber.“

Früher war uns das ja auch wurscht

Das möchte Hans-Jürgen Hohage so nicht unterschreiben. Seit 1989 ist er mit Unterbrechungen im Rat. Es ist, so sagt er (wie auch für Peter Herbel), seine letzte Legislaturperiode. „Man muss auch wissen, wann es gut ist. Ich fühle mich nicht zu alt, aber es sollen Jüngere nachkommen.“ Nur: Diese seien nur schwer zu interessieren. „Man muss ja nur zurückdenken. Früher war uns das ja auch wurscht. Das Interesse am Mitgestalten wächst erst später.“ Positiv findet der UWG-Ratsherr, dass es kaum Hick- Hack und viele einstimmige Beschlüsse gibt. „Es gibt natürlich Leute im Rat, die glauben, alles zu wissen. Das ist Quatsch. Man kann überall eine Meinung haben, aber bei der Themenvielfalt und Komplexität nicht alles wissen."

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