Altenpflege: eine Herzensangelegenheit

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Grazyna Kowalski (links), ihre Stellvertreterin Petra Brüser (rechts) und die Auszubildende Marines da Costa Silva möchten sich für den Beruf stark machen, ihn der Öffentlichkeit ohne Jammern, sondern mit Begeisterung präsentieren

Nachrodt-Wiblingwerde - Die Pflegenden sind massiv überfordert. Sie müssen Alten den Popo abputzen, Gebrochenes wegwischen, sind von Miesepetern umzingelt und werden zu allem Überfluss schlecht bezahlt. Ein Knochenjob. Ist der Ruf erst ruiniert, ist der Kampf gegen Klischees und Vorurteile aussichtslos. Oder? „Wir zeigen, dass es ganz anders ist“, sagt Grazyna Kowalski, Pflegedienstleiterin im Pertheshaus. Und: Der Bundesrat hat ein Sofortprogramm für 13000 neue Stellen in der stationären Altenpflege beschlossen. Aber: Der Arbeitsmarkt ist leer gefegt. Wie soll man Menschen finden und begeistern?

Grazyna Kowalski, ihre Stellvertreterin Petra Brüser und die Auszubildende Marines da Costa Silva möchten sich für den Beruf stark machen, ihn der Öffentlichkeit ohne Jammern, sondern mit Begeisterung präsentieren. 20 Jahre alt ist Marines da Costa Silva, die in wenigen Wochen die Prüfungen zur examinierten Pflegefachkraft für Altenpflege ablegt.

 Drei Praktika gehörten zur Ausbildung – in der ambulanten Pflege ebenso wie in der Geriatrie und in der Gerontopsychiatrie. Dass sich rund um den Job viele negative Meinungen ranken, weiß die junge Nachrodterin natürlich nur zu gut. „Bei meiner Familie ist das kein Problem, weil die meisten Altenpfleger sind, aber von außerhalb hört man: ‘Oh, wie kannst du das nur machen’“, erzählt Marines da Costa Silva. Das Hauptproblem sei das Thema Ausscheidungen. „Aber das ist ja nur ein ganz kleiner Teil des Berufes“, erzählt die 20-Jährige. Tatsächlich sei man alles, auch Seelsorger und Friseur.

 „Man benötigt unbedingt eine soziale Ader und viel Herz“, schmunzelt Grazyna Kowalski, die aktuell zwei Auszubildende in ihrem Haus hat. „Ich möchte, dass die Auszubildenden das Beste bekommen, was es gibt, dass sie nicht überfordert werden und dass sie gut angelernt werden. Sie werden bei uns begleitet.“ Verheizt würden die jungen Leute nicht. Die Pflege, das Soziale und die Fachkompetenz sind die drei wichtigsten Bausteine.

 Dass man sich mit Medikamenten auskennen müsse, verstehe sich von selbst. „Und man kann sich kontinuierlich weiterbilden“, schwärmt Petra Brüser. Die 51-Jährige ist auch Praxisanleiterin. Beispiel: Katheter legen. Der Schülern lernt in der Schule die Theorie und vor Ort, wie es „in Echtzeit“ geht. Das gilt natürlich auch für die Insulingabe.

Auch Marines da Costa Silva denkt heute schon an Fortbildungen, ans Weiterkommen. „Richtung Palliativ“, ist sich die 20-Jährige sicher. Das Pertheshaus arbeitet mit der Arche in Lüdenscheid zusammen. Es gibt ein Palliativ-Konzept im Pertheshaus („die Bewohner dürfen hier in Frieden sterben, müssen nicht ins Krankenhaus oder ins Hospiz“). Möglich sind aber auch Weiterbildungen beispielsweise zum Pflegeprozessbeauftragten (individuelle Maßnahmen, wo und wann benötigt der Bewohner Unterstützung), zum Thema Inkontinenz, Wundmanagement („wir haben kein Dekubitus-Problem hier“), zur Hygienefachkraft oder zur Gerontopychiatrischen Fachkraft („bei uns sind 80 Prozent der Mitarbeiter darin geschult“).

„Man muss sich richtig ‘reinhängen“

 Ob man geeignet ist, ob man in dem Beruf aufgehen kann, sollte jeder Interessent, jede Interessentin in einem Praktikum testen. „Wir beobachten die Menschen dabei. Wir suchen die Mitarbeiter, die geeignet sind“, sagt Grazyna Kowalski. Und dann kommen natürlich auch mal nicht schöne Dinge des Jobs. Niemand sei begeistert von Erbrochenem. „Wir gehen dann zu zweit dorthin, dann geht es schneller“, schmunzelt Petra Brüser.

Bei dem aktuellen Arbeitsmarkt ist es natürlich schwieriger, geeignete Kräfte zu finden. „Aber wir haben auch hier im Hause Mitarbeiter, die Pflegeassistenten waren und sich für die Ausbildung entschieden haben“, erzählt die Pflegedienstleiterin. Eine Altersgrenze gebe es nicht wirklich. „Ich habe eine Mitschülerin in meiner Klasse, die 60 ist“, sagt Marines da Costa Silva. Warum nicht?

Bis jetzt wurden alle Auszubildenden im Pertheshaus übernommen – wenn sie das Examen schaffen. „Man muss sich schon richtig ‘reinhängen“, findet Marines da Costa Silva. Mit der Einstellung, ‘Altenpflege, das ist nur Waschen’ gehe es nun gar nicht. „Wir müssen auch alle Erkrankungen kennen.“ Professionell arbeiten und dem alten Menschen vermitteln, dass er nicht allein gelassen wird: Das ist das A und O.

 „Ein fünfminütiges Gespräch ist oft mehr wert als jedes Medikament“, weiß Grazyna Kowalski. „Wir möchten andere überzeugen, den Beruf zu ergreifen“, erklären die Frauen – und sagen gleichzeitig, dass Altenpflege natürlich nicht nur in weibliche Hände gehöre.

 „Immer mehr Männer haben das aber auch schon erkannt. Es ist ein zukunftssicherer Beruf.“ Und man könne überall anfangen: im Krankenhaus, im Hospiz, in der ambulanten Pflege, im Altersheim. Marines da Costa Silva möchte gern im Pertheshaus bleiben, in dem sie sich mehr als wohl fühlt. Dass Altersheime ebenso unter den vielen Vorurteilen zu leiden haben wie der Beruf des Altenpflegers, hat nach Ansicht der engagierten Frauen mit den früheren Einrichtungen zu tun. Satt, sauber und abgeschoben.

 „Man kennt die Neuen gar nicht. Heute ist es das Zuhause der Menschen“, erzählt Petra Brüser. Am Anfang sei es schwer, sich einzulassen. Für 48 Bewohner sind 16 Mitarbeiter da, gearbeitet wird in Früh-, Spät- und Nachtschicht. „Die Politik könnte mehr machen, aber wir sind hier im Pertheshaus ganz gut besetzt“, sagt Petra Brüser.

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