Traum vom Bauernhof

Gegen alle Widerstände: Junges Paar übernimmt große Landwirtschaft

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Glücklich mit ihrem neuen Leben: Dominick Hannuschke und Sarah Krämer auf ihrem Bauernhof in Wiblingwerde.

Gegen alle Widerstände und viele Skeptiker hat ein junges Paar den Schritt gewagt: Es übernahm im Sauerland eine große Landwirtschaft - und lebt den eigenen Traum.

  • Ein junges Paar in Nachrodt-Wiblingwerde (NRW) hat einen Landwirtschaftsbetrieb übernommen.
  • Es widerlegte seine Kritiker.
  • "Es ist unser eigenes Ding, unser Leben."

Nachrodt-Wiblingwerde - „So ein Spinner.“ „Das hält der doch im Leben nicht durch.“ „Das Projekt ist zum Scheitern verurteilt.“ „Wie kann man in solchen Zeiten so etwas machen?“ Die Stimmen der Kritiker waren laut. 

Doch Dominick Hannuschke und Sarah Krämer haben sich nicht einschüchtern lassen – und leben seit knapp einem Jahr ihren Traum vom eigenen Bauernhof in Wiblingwerde. „Schon als Kind habe ich von einem Bauernhof geträumt – allerdings war meine Vorstellung ein wenig anders“, erzählt Sarah Krämer und schmunzelt. 

350 Tiere: eine große Nummer

Die 29-Jährige sitzt in der Küche des Bauernhofs und lässt den Blick aus dem Fenster schweifen: „Damals war mein Traum ein Hof mit Ponys, Hunden, Kaninchen und allem, was es sonst noch so gibt. Das ist jetzt halt ein paar Nummern größer.“ 

Die tägliche Stallarbeit beginnt morgens um 5 Uhr für Dominick Hannuschke. Vor 19 Uhr gibt es keinen Feierabend für ihn und seine Partnerin.

Rund 350 Tiere leben auf dem Bauernhof. Mit Romantik hat das wenig zu tun. „Es ist viel Arbeit, aber es ist genau das, was ich immer in meinem Leben erreichen wollte“, erzählt Dominick Hannuschke. 

Schon als Kind habe er jede freie Minute auf einem Hof in seinem Heimatdorf Elspe geholfen. „Mit 14 war mir klar, was ich wollte. Aber jetzt musste ich erst einmal meine Eltern überzeugen“, erinnert sich der 27-Jährige. 

Gerade seine Mutter sei zunächst gar nicht begeistert gewesen. Einen Landwirt gab es in der Familie nicht. Der Bezug fehlte. 

Lehrjahre in innovativen Betrieben

Doch Dominick Hannuschke ließ sich nicht von seinem Weg abbringen und verfolgte seinen Traum ehrgeizig und geradlinig. „Schon in der Ausbildung habe ich darauf geachtet, auf großen, innovativen Betrieben zu arbeiten. Selbst in der freien Zeit war ich immer irgendwo auf dem Hof.“ 

Es folgten Auslandserfahrungen in den USA und die Meisterschule. „Mein Traum war immer ein eigener Hof. Aber in Deutschland ist es unüblich, einem Fremden seinen Hof zu geben. Entweder werden sie an Erben überschrieben oder aufgegeben.“ 

Fütterungszeit: Um die Versorgung der Kühe kümmert sich Sarah Krämer

Hannuschke hatte seinen Traum fast aufgeben, als 2016 plötzlich sein Handy klingelte. Am anderen Ende Günter Buttighoffer. „Er fragte mich, ob ich nicht Interesse an seinem Hof hätte“, erinnert sich Dominick Hannuschke. 

Und so kam er 2016 erstmals nach Wiblingwerde. „Der erste Eindruck war schon überwältigend. Das war ein gewaltiger und topmoderner Hof. Aber es waren natürlich noch mehr Bewerber da.“ 

Junger Landwirt überzeugt Routinier

Als junger Landwirt, frisch von der Meisterschule, machte sich Hannuschke nicht allzu große Hoffnungen. Doch am Ende konnte er den erfahrenen Landwirt überzeugen. „Es hat einfach gepasst. Wir waren uns vom Züchterdenken und von den Vorstellungen recht ähnlich, und ich war flexibel“, erinnert sich Hannuschke. 

Die Zeit des Übergangs wurde vorbereitet. Zunächst stellte Buttighoffer ihn 2017 ein. Im Mai wurde eine GbR gegründet, am 1. Oktober übernahmen er und seine Freundin den Hof. „Wir sind Günter sehr dankbar. Er hat das super gemacht. Er war da, wenn wir ihn gebraucht haben. Aber er hat uns unser Ding machen lassen. Wir konnten uns probieren und unsere eigenen kleinen Fehler machen“, erzählt der Landwirt. 

"Das hätte man auch einfacher haben können"

Die beiden lieben ihr Leben auf dem Bauernhof, doch sie geben auch zu, dass die Landwirtschaftswelt weit ab von Romantik ist. „Natürlich haben wir Momente, in denen wir sagen, das hätte man auch einfacher haben können, oder zwei Nummern kleiner wäre auch schön“, sagt Dominick Hannuschke. 

Direkt zu Beginn mussten die Beiden beispielsweise mit zwei Dürrejahren kämpfen, zudem gab es noch keine Mitarbeiter. „Aber wir sind Lösungsfinder und keine Aufgeber“, betont der 27-Jährige. 

Inzwischen hat sich ein gutes Team aus weiteren jungen Leuten gefunden. Dennoch sind die Tage für das Paar lang. „Am Sonntag machen wir nur das Nötigste – und selbst das sind sechs bis acht Stunden. In der Woche beginnen wir um 5 Uhr mit dem Melken und sind vor 19 Uhr nicht im Haus“, erzählt Sarah Krämer, die zudem noch eine Teilzeitstelle hat und im Bereich Integration in Gummersbach arbeitet.

Nur 30 Euro für ein Kalb

 „Nein, mich stört die Arbeit nicht. Es ist unser eigenes Ding, unser Leben. Da steckt man gerne alles rein“, sagt Sarah Krämer. Dennoch kann sie sich nicht an allen Stellen mit der Landwirtschaft arrangieren. „Natürlich würde ich die Kühe gerne bis zum Ende auf dem Hof behalten und das Kalb, das ich mühsam aufziehe, hier ein Leben lang auf der Wiese sehen. Aber das geht halt nicht“, erklärt Krämer. 

Das ganze Team gibt täglich alles, damit es den Tieren gut geht. Sie stecken Zeit, Herzblut und Geld in die Tiere. „Ich kümmere mich beispielsweise um die Kälber, tränke sie und helfe ihnen, wenn sie krank sind. Ich stecke da so viel hinein, und am Ende gibt es für ein Kalb 30 Euro. So ist die Gesellschaft. Hauptsache billig. Die Wertschätzung fehlt und keiner sieht die Arbeit dahinter“, sagt Krämer. 

Spagat zwischen Tierwohl und Wirtschaftlichkeit

Und in ihrer Stimme klingt Enttäuschung mit. Ihr Partner sieht das ähnlich: „Natürlich werden die Kühe hier keine 20 Jahre alt. Aber es liegt doch in unserer Verantwortung, wie wir das gestalten. Eine Kuh, die in ihrem Leben 140.000 Liter Milch gegeben hat, hat so viel Geld verdient, dass ich doch nicht auch noch an ihrem Tod verdienen muss. Die darf hier auf dem Hof in ruhiger Atmosphäre sterben und wird eingeschläfert.“ 

Der Spagat zwischen Tierwohl, Ethik und Wirtschaftlichkeit ist für Dominick Hannuschke und Sarah Krämer ein täglicher Kampf. „Die Tiere, die hier sind, haben ein schönes Leben. Das ist sicher – auch wenn wir gewiss an einigen Stellen gerne anders arbeiten würden, aber das geht halt nicht."

Buttighoffer, Kreischef der Landwirte, mahnt immer wieder: Bauern kämpfen um ihre Existenz

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