Schimmel: "Ich muss mich ja schämen"

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Otto Mattke in seinem Bad. Auf der Suche nach der Feuchtigkeit wurde ein Loch gestemmt.

Nachrodt-Wiblingwerde - Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genau so töten wie mit einer Axt. Kurz und kleingehauen ist zwar nichts. Und doch sind die Zustände in der Wohnung an der Freiherr-vom-Stein-Straße 5 eine mittlere Katastrophe. Nässe. Schimmel. Ein riesiges Loch im Bad. Trotzdem möchte Otto Mattke nicht ausziehen. Er möchte, dass die Probleme behoben werden. Jetzt scheint Hilfe in Sicht.

„Ich wohne seit 13 Jahren hier“, erzählt Otto Mattke. Die Wohnung im ersten Obergeschoss ist 67 Quadratmeter groß. Dreieinhalb Zimmer. Das Wohnzimmer ist okay – doch in den anderen Zimmern muss man sich die Haare raufen.

Gebaut wurden die Wohnungen im Nachrodter Feld 1965. Böse Zungen behaupten, dass seit dieser Zeit wenig passiert ist. „Beim letzten Besuch von Vertretern der Wohnungsverwaltung Adler Wohnen erfuhr ich, dass der Verwalter auch mittlerweile der Besitzer ist“, erzählt Otto Mattke.

Die Probleme in der Wohnung fingen, so sagt er, bereits beim Einzug an. „Im Kinderzimmer war Nässe.“ Der Schaden wurde „mit irgendwelchen Mitteln behoben und dann ging es auch lange Zeit gut.“ Bis sich Feuchtigkeit von außen am Badezimmerfenster zeigte. „Aber innen war nichts“. Der Mitmieter oben hatte eine Verstopfung – das Badewannenwasser floss nicht mehr ab.

„Richtig nachgeforscht wurde nicht. Letztlich ist die Nässe viel später bei mir im Bad gelandet, Decke und Wand wurden schwarz.“ Der Schimmel kam und blieb. Und wurde immer schlimmer. „Ich traue mich schon gar nicht mehr, jemanden in die Wohnung zu lassen. Ich muss mich ja schämen“, sagt Otto Mattke. Schön ist tatsächlich anders. In den Räumen herrscht fast baulicher Notstand. Nachdem sich die Schimmelproblematik vom kleinen Fleck sehr schnell zum Drama fraß „mit richtigen Pilzen drauf“, kam im März vergangenen Jahres ein Trockentechniker ins Haus. „Danach konnte man praktisch stehen bleiben. Von März 2016 bis Ende des Jahres habe ich das dreimal weggemacht.“

Die Empfehlungen, wie man richtig Lüften soll, haben Otto Mattke auch keinen Schritt weitergebracht. „Ich bin mittlerweile so verunsichert. Eigentlich ist es scheißegal, wie ich lüfte. Es gibt hier ein grundsätzliches Problem.“ Die Handwerker sind schon ein- und ausgegangen. Ohne nachhaltigen Erfolg. Und mit purem Stückwerk, wie Otto Mattke findet. Mal hier ein bisschen, mal da ein bisschen.

Die Mitmieter haben ebenfalls Feuchtigkeitsprobleme. Sagt Otto Mattke. Auch in den anderen Häusern. Aber jeder koche lieber sein eigenes Süppchen. Auch gebe es unterschiedliche Mietverträge und unterschiedliche Nebenkostenabrechnungen. „Einige halten hier den Ball flach. Was hier abgeht, versteht man nicht. Auf der Straße schimpfen alle, aber nur hinter vorgehaltener Hand.“

Viele hätten Angst. Angst vor Kündigung. Angst, keine bessere Wohnung zu finden. Angst, mögliche Prozesskosten nicht bezahlen zu können. Und, und und. Otto Mattke hat das Gefühl, keinen Rückhalt zu bekommen.

„Irgendwie pokert man mit mir“, sagt der Nachrodter. Jetzt waren zwei Mitarbeiter der Adler Wohnungsverwaltung zu Gast. „Sie kamen aber erst, nachdem ich mich mit unserem Ordnungsamt in Verbindung gesetzt habe“, erzählt Otto Mattke. „Man hat das alles hier besichtigt. Es sei gar keine Frage. Hier müsse dringend etwas passieren. Und man könne mir nicht zumuten, hier zu wohnen. Alles müsse raus. Sie haben mir Offerten vom Feinsten gemacht. Aber nur so lange, wie sie hier drin waren.“ Sodann wurden Otto Mattke mehrere Alternativwohnungen angeboten. Aus seiner Sicht wäre er aber vom Regen in die Traufe gekommen.

 „In eine angebotene Wohnung möchte ich wegen des Umfeldes nicht. In den anderen ist auch Schimmel, eine Wohnung war dabei, in der auch meine Lebensgefährtin schon gewohnt hat. Da habe ich zwei Jahre auch Schimmel weggemacht.“ Alle Optionen waren nach Ansicht von Otto Mattke unbrauchbar. Die Vorwürfe an die Verwalter: Leerstehende Wohnungen würden immer nur geschminkt, würden schön aussehen, aber das Dilemma passiere nach wenigen Monaten.

Ausziehen möchte Otto Mattke eigentlich nicht. Er möchte angekommen sein. Und jetzt? Auf der Suche nach der Feuchtigkeit wurde ein Loch ins Bad gestemmt – dort, wo die Wasserleitung liegt. „Dieses Loch habe ich seit sechs Wochen.“ Übrigens: Dass sein Föhn explodiert ist, könnte eine Nebengeschichte werden. „Ich sitze hier auf einem Pulverfass“, sagt der 60-Jährige zum elektrischen Problem „im ganzen Haus.“ Es gebe eine marode Elektrik. „Im Schaltkasten oxidiert alles, ist marode, ist nicht mehr zulässig.“

Nach Auskunft von Rolf-Dieter Grass, Pressesprecher der Adler Real Estate mit Sitz im Berlin hat Otto Mattke das Schimmelproblem in seiner Wohnung nicht zu verantworten. Die Feuchtigkeit sei ursächlich von der Wohnung über ihm gekommen. Dieser Schaden sei behoben.

„Wir haben eine Firma beauftragt, die von Herr Mattke allerdings nicht reingelassen wurde“, sagt Rolf-Dieter Grass. „Es ist bedauerlich, wenn wir Anstrengungen unternehmen, und Termine nicht eingehalten werden.“ Aktuell habe man Otto Mattke einen neuen Termin vorgeschlagen, an dem auch ein Vertreter des Gesundheitsamtes und ein Sachverständiger zur weiteren Begutachtung der Schimmelproblematik teilnehmen sollen.

„Wir sind aber auf die Kooperation des Mieters angewiesen“, so Rolf-Dieter Grass. Man wolle Otto Mattke natürlich nicht vergrätzen, sondern gemeinsam einen Weg finden. „Wir möchten auch nicht, dass die Mieter unglücklich oder krank werden. Die Wohnung soll nun sehr bald so hergerichtet werden, dass „Herr Mattke dort auch gut leben kann.“

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