Er starb, bevor die Niere kam

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Bettina Thum erzählt über das Schicksal ihres Bruders, der vergeblich auf ein Spenderorgan wartete.

Nachrodt-Wiblingwerde – Aktuell warten in Deutschland mehr als 9000 Menschen auf ein Spenderorgan. Mit Abstand am dringendsten gebraucht werden Nieren. Acht Jahre dauert die Wartezeit im Durchschnitt – für Matthias Thum war dies zu lange. Er verstarb während er auf die Organspende wartete – mit 51 Jahren.

 Im Interview erzählt seine Schwester Bettina Thum aus Nachrodt nicht nur über die Leidenszeit.  

Was ist passiert? 

Bettina Thum: Mein Bruder hatte Gelbsucht bekommen. Dadurch wurde die Niere extrem geschwächt, bis sie nur noch eine Teilleistung einer funktionstüchtigen Niere erbrachte. Nach der Diagnose im Krankenhaus Hellersen, hat es ein ungefähr ein Dreivierteljahr gedauert, bis er auf die Warteliste für eine Spenderniere kam. Jeden Tag musste er an die Dialyse. Das ging ungefähr zwei Jahre gut. Aber da die Dialyse und die Medikamente auch die anderen Organe geschwächt und angegriffen haben, starb er schließlich an Herzversagen.

Hat er während der Zeit bei Ihnen gewohnt? 

Während er auf seine Niere gewartet hat, wohnte er bei mir und meinen Kindern. 25 Jahre hat er als Dialysepfleger in Hellersen gearbeitet. Er wusste genau, was auf ihn zu kam. Er wollte aber nicht immer zur Dialyse fahren, weshalb sein Chef ihm die Heimdialyse ermöglichte. Um ihm zu helfen, habe ich dann auch gelernt, wie das funktioniert. Und jeden Monat kamen 36 Kartons mit Flüssigkeiten. Dafür habe ich dann den Keller leegeräumt. 

Wie war das für Sie? 

Es war schon eine hohe Belastung. 

War ihr Bruder auf Ihre Hilfe angewiesen? 

Mein Bruder war alleinstehend und konnte nicht allein leben. Hätte ich ihm nicht geholfen, wäre er sicher ins Pflegeheim gekommen. Ich wollte aber nicht, dass er mit 48 Jahren ins Pflegeheim kommt, also habe ich ihn bei uns aufgenommen.

 Konnte er bei Ihnen zu Hause am alltäglichen Leben teilnehmen?

 Ja, auf jeden Fall. Er hat für uns immer gekocht, ist auch mit den Kindern rausgegangen und ist auch etwas aufgeblüht. Es war tagesabhängig. Sein Zustand wurde aber immer schlechter. Nach etwa zwei Jahren kam er wieder ins Krankenhaus. Er wurde ins künstliche Koma versetzt und ist nicht mehr wach geworden. Der Körper war voller Wasser. 

Man hört oft, dass Verwandte Nieren spenden können. Hätten Sie ihm eine Niere spenden können? 

Die Ärzte haben mich untersucht, aber es ging aus gesundheitlichen Gründen nicht. Ich hätte ihm natürlich eine Niere gespendet, wenn es irgendwie gegangen wäre. Mit einer Niere hätte ich gut leben können.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie realisiert haben, dass er kein Spenderorgan bekommt? 

Man hofft immer auf eine Spenderniere, aber da andere Organe meines Bruders auch Schaden davon trugen, habe ich mich nie darauf fokussiert, dass er eine Niere braucht, sondern eher, dass es ihm den Umständen entsprechend gut geht.

 Obwohl Sie diese schlimme Erfahrung gemacht haben, haben Sie selbst keinen Organspendeausweis. Warum nicht?

 Ich verdränge das. Da ist ein Thema, mit dem ich mich besonders nach den Erlebnissen nicht gern beschäftige. Wer packt schon gerne das Thema Tod an? Es müsste auch viel mehr Aufklärung geben.

 Der Bundestag hat mehrheitlich für eine Neuregelung der Organspende gestimmt. 432 Abgeordnete votierten für den Entwurf einer Gruppe um Grünen-Chefin Annalena Baerbock, nachdem die Menschen in Zukunft stärker zu einer Entscheidung über die Organspendefrage bewegt werden sollen. Die von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vorgesehene Widerspruchslösung hatte zuvor die Mehrheit verfehlt. Eine richtige Entscheidung?

 Schwer zu sagen. Ich finde, dass es in erster Linie um Aufklärungsarbeit gehen sollte – am besten schon für Jugendliche in der Schule. Dann würde vielleicht auch mehr passieren. Und man muss das immer mal wieder mal auf den Tisch bringen – auch zu Hause. Am besten bei völliger Gesundheit. Die Politiker rollen das für mich falsch auf. Erst sollte es Infos geben, bevor sie sich mit Gesetzesänderungen befassen. Man muss kleine Schritte gehen, um etwas zu erreichen. 

Was gibt es Ihrer Meinung nach für Hauptbedenken bei Organspenden? Was hält Leute davon ab, einen Organspendeausweis zu beantragen?

 Viele Leute glauben, dass die Ärzte eher weniger Maßnahmen unternehmen, um denjenigen mit Organspendeausweis zu retten, weil eben dieser anderen das Leben rettet. Außerdem besteht die Angst bei einigen, dass sie sich von einem Organspender nicht mehr verabschieden können, und dass man ihn besser nicht mehr sehen sollte. Um über diese Ängste, die vor allem junge Leute haben, aufzuklären, sollte das Thema verstärkt zum Beispiel auch an Schulen aufgegriffen werden.

Hintergrund

Acht europäische Länder haben sich im sogenannten Eurotransplant-System zusammengeschlossen. Die Stiftung organisiert die Vergabe von Spenderorganen über Ländergrenzen hinweg. Außer Deutschland sind Belgien, Kroatien, Luxemburg, die Niederlande, Österreich, Ungarn und Slowenien Mitglied bei Eurotransplant. In allen anderen Eurotransplant-Ländern außer Deutschland gilt die Widerspruchsregel. Nach Entnahme müssen Spenderorgane innerhalb weniger Stunden transplantiert werden. Auf der zentralen Warteliste stehen derzeit rund 14000 Patienten. Jedes Jahr werden etwa 7000 Organe über Eurotransplant vermittelt. Deutschland erhält mehr Organe als es zur Verfügung stellt. Rund 20 europäische Staaten haben die Widerspruchslösung eingeführt. Jeder Bürger, der nicht ausdrücklich widerspricht, ist damit ein potenzieller Organspender.

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