„Man kann nicht immer der Gute sein“

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Ordnungsamtsleiter Sebastian Putz ist seit 100 Tagen im Amt.

Nachrodt-Wiblingwerde -  „Der Gaul hat uns ganz schön auf Trab gehalten“, lacht Sebastian Putz und erinnert sich gern an das Pferd, das sich am Dümpel verlaufen hatte und das er mit Polizeihauptkommissar Reinhard Raffenberg wieder auf die Weide beförderte. Amüsante Situationen gab es schon viele in seiner jetzt 100-tägigen Amtszeit als Ordnungsamtsleiter. Wenn das Wörtchen „Aber“ nicht wäre. Denn „everybody’s darling“ kann er nicht sein. Und will er auch nicht sein.

 Ins kalte, fast schon eiskalte Wasser fiel Sebastian Putz, als er in die großen Fußstapfen von Axel Boshamer trat. „Ich hatte nie Angst davor und jetzt ist das Wasser schon wärmer“, erzählt der 34-Jährige, der den Fachbereich 2 mit „Sicherheit und Ordnung, Bürgerservice und Standesamt“ leitet.

Theoretisch – und praktisch – gehört dazu eigentlich alles: vom Wogen glätten bei Beschwerden über Lärmbelästigungen, über das Vorgehen gegen Falschparker bis zur Situationsklärung bei Vorfällen mit beißenden Hunden oder auch ordnungsbehördliche Bestattungen. „Das macht mich betroffen und traurig“, sagt Sebastian Putz zu den Momenten, wenn Verstorbene keine Angehörigen haben und eine Bestattung vom Ordnungsamt organisiert werden muss. „Dann fängt man an zu ermitteln, sucht auch in den persönlichen Dingen. In einem Fall war der Verstorbene sogar noch im Zimmer.“ Spurlos vorbei geht das nicht an ihm. „Vieles nehme ich dann mit nach Hause.“

Unterstützung bekommt Sebastian Putz von seinen Kollegen: von Dirk Recker, der am 6. Dezember seinen letzten Arbeitstag im Amtshaus hat, von Ortrud Itzigehl und Mark Wille. Und das eine oder andere Mal müssen auch unbequeme Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen, die die Bürger dann auf die Palme bringen.

Wie beim Martinszug. „Es gibt Gesetze, an die wir uns halten müssen“, sagt Sebastian Putz, dem es „auch in der Seele wehgetan hat, dass die Traditionsveranstaltung nicht wie all die Jahrzehnte zuvor hat stattfinden können.“ Doch Sicherheit geht vor. Der Märkische Kreis hatte keine Genehmigung für die Nutzung der B236 erteilt. Die Wut richtete sich aber eher auf die Leute vor Ort. Während früher niemand an Weihnachtsmarkt-Attentate, terroristische Anschläge oder an ein Amoklauf an Schulen gedacht hat, geht heute kaum etwas ohne Sicherheitskonzept und amtliche Genehmigung. Die Auflagen werden immer strenger und die Gesetze müssen umgesetzt werden – auch in Nachrodt-Wiblingwerde. „Ich glaube zwar nicht an einen terrorostischen Hintergrund hier, aber dass ein ungeduldiger Autofahrer in die Menge rasen könnte, ist durchaus vorstellbar.“

 Und so ist Sebastian Putz in den Augen der Bürger nicht immer „der Gute“. Das war im Fachbereich 3, Bauen und Planen, dann schon eher der Fall, „wenn etwas kaputt war und wir uns gekümmert haben, war alles in Ordnung.“ So gar nichts in Ordnung ist, wenn Menschen ausgewiesen werden. Wenn Mitarbeiter des Kreises sehr früh morgens an der Tür klingeln und Mütter, Väter und Kinder, die keine Aufenthaltsgenehmigung haben, zwangsweise abschieben. Auch dann ist das Ordnungsamt das eine oder andere Mal dabei. Menschliche Dramen muss man auch ertragen können. Das Mitgefühl möchte sich Sebastian Putz immer erhalten, auch wenn das Handeln dann nach dem Gesetz erfolgt.

Das ist auch im Kleinen schon so, wenn der Ordnungsamtsleiter weiß, dass ein älterer Herr nur seine Einkäufe in die Wohnung transportieren möchte und deshalb auf der Sperrfläche für die Feuerwehr an der Kampstraße parkt. Aber absolutes Halteverbot ist absolutes Halteverbot. Und gilt für alle.

Auch wildes Camping ist verboten. Als ein junges Paar aus Holland seine Zelte im Wald zwischen Opperhusen und Wiblingwerde aufschlug, „stapfte“ Sebastian Putz durchs Dickicht, um den jungen Leuten, die kein Deutsch verstanden, mit Händen und Füßen zu erklären, dass sie dort nicht bleiben könnten. „Es regnete wie aus Kübeln und meine Hose und Schuhe sahen furchtbar aus. Ich musste danach in eine Sitzung. Aber ich glaube, es hat keiner gemerkt“, lacht der sympathische Ordnungsamtsleiter, der jetzt übrigens auch einen Standesbeamten-Lehrgang beginnt.

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