Neue Pflegeberatung in Nachrodt: So bekommen Bürger Hilfe

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Eine Pflegeberatung gibt es ab sofort in Nachrodt.

Nachrodt-Wiblingwerde –Eine neue Pflegeberatung gibt es ab sofort in Nachrodt. Einmal im Monat steht Simone Kuhl im Amtshaus für Hilfe bereit. Und die kann vielfältig sein.

2,86 Millionen Menschen sind in Deutschland pflegebedürftig. Die meisten von ihnen werden zu Hause betreut. Und fast jeder kann von seiner eigenen Familie erzählen, von den Sorgen um die Eltern, von den Belastungen rund um die Pflege, von Anträgen und Unterlagen, durch die kaum jemand durchblickt. 

Nun gibt es Hilfe. Ab sofort findet an jedem zweiten Donnerstag im Monat eine Pflegeberatung in der Gemeinde statt. Simone Kuhl ist Ansprechpartnerin für alle Anliegen. Die offene Sprechstunde findet immer von 14 bis 16 Uhr im Amtshaus (Zimmer 6) statt. Es ist ein kostenloses Angebot, das vom Märkischen Kreis initiiert wird. 

Die Pflegewahrscheinlichkeit – und das kann berechnet werden – liegt im Jahr 2037 kreisweit bei 22 000 Menschen – darunter werden 383 Menschen aus der Doppelgemeinde sein. Analog dazu gibt es auch Aussagen zu Demenzerkrankungen: Im Jahr 2017 waren 125 Menschen in Nachrodt-Wiblingwerde betroffen, im Jahr 2037 werden es 200 sein. 

Medizinischer Dienst als Angstfaktor

Zahlen und Fakten, die zwar alarmierend sind, aber nichts über die Einzelschicksale aussagen. Denn Pflege kann nicht über einen Kamm geschoren werden. Jeder benötigt andere Dinge. Und genau dabei möchte Simone Kuhl helfen. So kann es beispielsweise um die Unterstützung bei der Antragstellung auf einen Pflegegrad, Hilfe bei der Vorbereitung auf den Begutachtungstermin oder Erklärungen im Wust der Behördenformulare sein. 

„Der Medizinische Dienst hat bei vielen immer noch ein Angstfaktor“, sagt Simone Kuhl. „Es ist toll, dass das so schnell geklappt hat“, sagt Jens-Philipp Olschewski, Fraktionsvorsitzender der CDU, erfreut. Er hatte den Antrag zur Einrichtung einer Pflegeberatung im Sommer vergangenen Jahres im Rat gestellt und begrüßte mit UWG-Fraktionssprecherin Petra Triches, Bürgermeisterin Birgit Tupat und Ordnungsamtsleiter Sebastian Putz nun die neue Pflegeberaterin im Amtshaus. 

Willkommen: Ratsvertreter begrüßen die neue Pflegeberaterin Simone Kuhl (Mitte sitzend)

Simone Kuhl ist gelernte Krankenschwester und als Pflegeberaterin zuständig für Altena, Nachrodt-Wiblingwerde, Herscheid und Plettenberg. Bei der Pflegeberatung kann jeder vorbeikommen. „Es kann in der Sprechstunde durchaus sein, dass wir den Kontakt kurz halten und lieber einen Hausbesuch vereinbaren“, sagt die 41-Jährige. Bedarfe einzuschätzen oder Dinge zu sehen, die vielleicht noch gar nicht so offensichtlich sind, könne für den Bürger wichtig sein.

Unterstützung, an die kaum einer denkt

 „Wenn sich Betroffene melden, geht es oft darum, dass ihnen verschiedene Dinge im Alltag immer schwerer fallen. Und manchmal gibt es Unterstützungsmöglichkeiten, an die noch nicht gedacht wurde. Es gibt auch die Möglichkeit, Leistungen miteinander zu kombinieren“, sagt Simone Kuhl und ergänzt: „Aber wenn man sich nicht jeden Tag damit beschäftigt, sind oft auch die Begrifflichkeiten schwierig.“ 

Kurzzeitpflege, Verhinderungspflege: Der Laie steigt schnell aus oder ist verwirrt, ebenso bei den vielen Fördermöglichkeiten, wie für Umbauarbeiten im Bad beispielsweise. „Jeder möchte so lange wie möglich zu Hause bleiben. Und man kann heutzutage zu Hause viel auf die Beine stellen, wenn man Hilfen rechtzeitig mit ins Boot nimmt“, sagt Simone Kuhl, die auch Kontakte mit Pflegediensten oder Haushaltshilfen vermitteln kann. Gerade, wenn zu Pflegende nach dem Krankenhausaufenthalt nach Hause kommen, gibt es „verständlicherweise den Wunsch, dass 24 Stunden jemand da ist, der aufpasst“. 

Emotionales Thema

Da gilt es, die Angst zu nehmen und eine fachliche Einschätzung zu treffen, was wirklich gebraucht wird. Pflege ist ein emotionales Thema. Und es gibt nicht selten die Aussage: „Wenn es nicht mehr geht, gehe ich ins Heim.“ Aber was heißt das konkret? „Wenn jemand immer jemanden benötigt, der nach dem Rechten schaut, der eine Struktur vorgibt, die man zu Hause nicht 24 Stunden abdecken kann, dann kann eine Einrichtung durchaus eine Option sein. 

Oder wenn jemand in der dritten Etage wohnt, nicht mehr rauskommt und sich eingesperrt fühlt, dann kann ein Altenpflegeheim auch durchaus eine Alternative sein. Aber manchmal weiß man nicht, was auch noch möglich ist. Kann man durch den Einsatz eines Treppenlifters die Situation vielleicht verändern?“, sagt Simone Kuhl. 

So früh wie möglich beraten lassen

Doch nicht nur die zu Pflegenden, auch die Angehörigen sind im Blick der Pflegeberatung. „Es gibt Gesprächskreise für pflegende Angehörige. Die werden wachsen müssen“, sagt die Krankenschwester. In der Nähe gibt es noch keine. Gleichzeitig sei es wichtig, dass man eine Beratung so früh wie möglich in Anspruch nehme, „damit man gucken kann, wie man vielleicht Pflege und Beruf miteinander vereinbaren kann“. Für Angehörige sei es oft wichtig, weiterhin berufstätig sein zu können. 

„Häufig muss man Angehörige in der Beratung auch ermutigen, dass sie ihr eigenes Leben weiter planen dürfen“, sagt Simone Kuhl, wohl wissend, dass „der Papa natürlich gepflegt wird. Viele tun es, ohne über ihre eigenen Beweggründe nachzudenken. Erwartet man das? Gab es vielleicht mal in der Vergangenheit das Versprechen: Papa du kommst nie ins Heim? Wenn man bei völliger Gesundheit Dinge verspricht und merkt dann in der Krankheit, dass man es nicht schafft, dann fühlt man sich an so einem Versprechen sehr gebunden“, weiß die Pflegeberaterin. 

Aus Versprechen lösen

„Es dauert manchmal ganz lange, Angehörigen bewusst zu machen, dass sie sich aus so einem Versprechen auch wieder lösen können.“ Ein sehr komplexes Thema mit psychosozialen Aspekten. Apropos Beruf und Pflege: „Wir gehen auch auf Betriebe zu, um ihnen zu zeigen, wie sie ihre Mitarbeiter unterstützen können“, sagt Torsten Sauer, Sachgebietsleiter der Gesundheits- und Pflegeplanung des Märkischen Kreises. 

Jeder Zehnte im Job, so sagt eine Studie, pflegt einen Angehörigen. Deshalb gibt es auch ausgebildete Pflegelotsen im Unternehmen – mittlerweile 40 im Märkischen Kreis.

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