Die Drohne und die Erinnerung: Film über Langenstück

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Wolfgang Schröder vor dem Haus seiner Kindheit an der Niemöllerstraße.

Nachrodt-Wiblingwerde - Beim Heimweh träumt sich die Erinnerung wehmütig in die Seele zurück… Welch ein passendes Zitat für Wolfgang Schröder. Der 67-Jährige bummelt durch die Niemöllerstraße. „Da oben bin ich geboren“, zeigt der gebürtige Nachrodter auf ein Fenster im Haus Nummer 9.

Mit seinen vier Brüdern hat er sich ein Zimmer geteilt, auf der Straße gespielt, mit den vielen anderen Kindern aus der Siedlung eine schöne Kindheit verlebt. Heute, viele Jahre später, hat er einen Film über die Werkssiedlung Langenstück gedreht. Mit Hilfe einer Drohne sind herrliche Bilder entstanden, die in einem neunminütigem Streifen verewigt sind, den Wolfgang Schröder auf Facebook gestellt hat.

Im Jahr 1890 beginnt die Film-Geschichte, die mit „Meine Liebe zu Nachrodt“ betitelt werden könnte. Damals gab es am Ort des heutigen Geschehens drei Bauernhöfe, Felder und Wiesen. Die Arbeitersiedlung für die Bergbau- und Hüttengesellschaft Phoenix ist später – von 1904 bis 1913 erbaut worden und gilt heute als charakteristisches Beispiel des Arbeiterwohnungsbaus der Jahrhundertwende mit vielen besonderen Merkmalen: klar gegliederte Straßenräume, die einfache Kubatur der Gebäude mit ihrer auf die städtebauliche Situation abgestimmten Dachlandschaft, die plastischen Putzfassaden mit ihren abgesetzten Natursteinsockeln und die großzügig bemessenen Gartenflächen hinter den Gebäuden.

Siedlung prägte nicht nur die Umgebung

„Durch ihre Lage an einer Berglehne südlich der Lenne ist die Siedlung nach Westen und Osten in besonderem Maße raumprägend“, heißt es über das Langenstück im „Kulturlandschaftlichen Fachbeitrag zur Regionalplanung“.

Die Arbeitersiedlung für die Bergbau- und Hüttengesellschaft Phoenix ist von 1904 bis 1913 erbaut worden.

Prägend war die Siedlung aber noch mehr für die Menschen, die dort lebten. 1905 bezog der Opa von Wolfgang Schröder das Haus an der Niemöllerstraße, drei Jahre später kam der Papa von Wolfgang Schröder dort zur Welt. Im Rückblick, in den Erinnerungen des heute 67-Jährigen, waren die 50er Jahre besonders schön. Als Wolfgang Schröder ein kleiner Junge war, hat sein Vater den Friedhof betreut und auch einen Totenwagen gebaut, mit dem die Särge vom Gemeindehaus zum Friedhof gezogen werden konnten.

Zumindest für die Kinder waren die Jahre unbeschwert. Die Mutter strickte Kleidung, die von einem Sohn zum anderen gegeben wurde. „Noch als sie im Pflegeheim in Hamm war, hat sie davon erzählt“, sagt der Nachrodter, der eigentlich gern wieder in der Siedlung leben würde. „Ich spiele mit dem Gedanken“, schmunzelt er und kann sich noch an jeden einzelnen Namen in seiner früheren Nachbarschaft erinnern. Über Facebook hat er auch einige Wegbegleiter aus Kinderzeiten wiedergefunden. Und ein/zwei Familien wohnen tatsächlich noch am Langenstück.

Mehrere Schicksalsschläge

„Ich bin mehrere Male durch den Tunnel geflogen“, erzählt Wolfgang Schröder und meint die Schicksalsschläge, die er im Laufe seines Lebens erlitten hat. 1994 wurde ein Hirntumor entdeckt, den er „dank eines großartigen Arztes“ überlebt hat. Zehn Jahre später stürzte er mit nassen Füßen eine Steintreppe herunter und lag viele Monate im Koma. Dies, als auch einen schweren Verkehrsunfall, bei dem die Beifahrerin starb, hat er überstanden. „Ich habe mich von oben auf der Trage liegen sehen“, sagt Wolfgang Schröder über Nahtoderfahrungen und es klingt nicht bitter.

Und die Sonne lacht in der Siedlung.

Auch hadert er nicht, dass er heute einen Schwerbehindertenausweis hat, auf einem Ohr nichts hört und auch Diabetiker ist. Vielmehr macht er sich auf den Weg in die Vergangenheit, bestaunt die Siedlung am Langenstück und hofft, vielleicht bald ein Sommerfest an Kindheits-Stelle mit den heutigen Bewohnern auf die Beine stellen zu können.

Im Moment arbeitet er an einem Flyer: Was gibt es für alte Schätze auf dem Dachboden oder im Keller? Was erinnert an früher? Möglicherweise, so hofft Wolfgang Schröder, könnte man ein Fest mit einem Antiquitätenflohmarkt verbinden.

Eine Art Lebensbeschäftigung

„Es ist gerade so etwas wie Lebensbeschäftigung“, meint der heutige Iserlohner, der langsam und mit einem Stock ausgestattet, über die Straßen am Langenstück bummelt. Die Kamera samt Drohne, die die Bilder der Werkssiedlung aus 80 Metern Höhe aufnahm, hat ihm ein Freund geliehen. 

„Zuerst habe ich auf einer Wiese geübt. Aber der Umgang mit der Drohne ist einfach. Es gibt sogar einen Rückholknopf. Wenn man ihn drückt, dann kommt die Drohne zum Ausgangspunkt zurück.“ Ärger mit den Bewohnern vom Langenstück, die Aufnahmen von ihrem Zuhause vielleicht nicht gut gefunden hätten, hat Wolfgang Schröder nach eigenen Erzählungen nicht bekommen. Wohl aber wurde der kleine Nachrodt-Film von einer Facebook-Seite gelöscht, weil eine Frau Bedenken geäußert hatte.

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