Auch Nachrodter zogen naiv in den Krieg

Heimatpfleger Karl-Kurt Heering hat die alten Schulchroniken einmal mühsam von Hand kopiert. Diese Unterlagen leisten ihm bei seinen Forschungen zur Ortsgeschichte heute wertvolle Dienste. Foto: Hornemann

Nachrodt-Wiblingwerde - Die alten Schulchroniken sind Gold wert für Karl-Kurt Heering. Es gibt keine Dokumente, die dem Heimatpfleger detailliertere Informationen über historische Ereignisse auf Gemeindegrund liefern. So ist auch der Kriegsbeginn 1914 schriftlich festgehalten worden. Aus dem Material hat Heering einen Vortrag zusammengestellt, den er am 1. September in der Wiblingwerder Heimatstube präsentieren wird.

Vor genau 100 Jahren an diesem Datum hatten die Nachrodt-Wiblingwerder bereits die ersten Gefallenen zu betrauern. Sie waren 14 Tage nach Kriegsbeginn im Feld gestorben, ihre Namen stehen noch in den Kirchenregistern.

Wie die daheimgebliebene Bevölkerung mit der veränderten Lebenssituation umgegangen ist, haben Menschen wie Lehrer Berg aufgeschrieben. Denn auch auf den Schulbetrieb wirkte sich der Krieg aus: Kinder mussten Brennmaterial sammeln und Handschuhe und Strümpfe stricken. Lehrer Berg ging auch in die Nachrodter Ortschaft Phönix, um sich mit den dort ansässigen Menschen zu unterhalten. Auch das schrieb er nieder.

„Schulchroniken gingen damals noch weit über die Grenzen des Schulalltags hinaus“, erklärt Karl-Kurt Heering. Insbesondere die der zweiten Nachrodter Schule, die am Ortsausgang in Richtung Letmathe lag, sind äußerst ausführlich gehalten. „Später war dort die Zahnarztpraxis Atali ansässig“, so Heering.

Jene Aufzeichnungen hat der Heimatpfleger genutzt, um einen dokumentarischen Vortrag zum Ersten Weltkrieg zu gestalten. Hermann Boshe-Plois, 2. Vorsitzender des Heimat- und Verkehrsvereins, hat ihm dazu weiteres Material geliefert. Im Archiv befinden sich noch Original-Briefe von jungen Soldaten, die an ihre Familien in der Heimat geschrieben haben. Einer zietiert das Volksgedicht „Ich hatte einen Kameraden“. Ein anderer berichtet seiner Mutter von einem Schutzbrief, den jeder Soldat bei sich zu tragen habe, weil das Schriftstück wie ein Talisman vor Verwundungen durch die Waffe schützen sollte. Karl-Kurt Heering will seinen Vortrag auflockern, indem er solche Schriftstücke nicht selbst vorliest, sondern anderen Menschen in die Hand gibt.

Natürlich könnte er einen abendfüllenden Frontalvortrag gestalten, aber das möchte der Heimatpfleger aus Rennerde gar nicht. „Mein Bestreben ist es, die Ereignisse noch einmal ins Bewusstsein zu rücken. Vielleicht auch einer jüngeren Generation, die mit Krieg gar nicht mehr in Berührung gekommen ist.“

Die Recherchen zu seinem Vortrag haben Karl-Kurt Heering wieder verdeutlicht, in welch glücklichen Zeiten die Bevölkerung in Deutschland heute lebt. „Wir haben nicht nur Frieden, sondern auch ein Informationszeitalter“, so der Referent. Er hat beim Durchblättern der Aufzeichnungen festgestellt, wie naiv und unwissend die Bürger den Kriegsbeginn wahrgenommen haben müssen. „Viele haben geglaubt, es sei schnell wieder vorbei. Und das war keine Nachrodt-Wiblingwerder Denkweise, sondern eine bundesweite“, erklärt Heering.

Am 1. September sind nicht nur Mitglieder des Heimat und Verkehrsvereins eingeladen, sich ein Bild vom Nachrodt-Wiblingwerde im Jahr 1914 zu machen. Alle Interessierten können um 19 Uhr in die Heimatstube kommen, lauschen und das historische Archivmaterial sichten.

Die alten Schulchroniken beherbergen natürlich noch mehr. Karl-Kurt Heering hat sie vor 30 Jahren einmal in mühevoller Arbeit handschriftlich kopiert. Alle hat er leider nicht bekommen. Nach der Wiblingwerder Schulchronik wird bis heute gesucht... - Ina Hornemann

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