„Jede Beerdigung ist ein Verlustgeschäft“ / Viele Einzelschicksale

Wut, Tränen, Verzweiflung über Friedhofs-Schließung

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Nachdem der Andrang so groß wurde, wechselte das Geschehen vom Gemeindehaus in die Kirche.

Nachrodt-Wiblingwerde - Wut, Tränen, Verzweiflung: Die geplante Schließung des evangelischen Friedhofs an der Wiblingwerder Straße erhitzt die Gemüter. Knapp 200 Nachrodter waren am Dienstagabend gekommen, um sich über die Pläne zu informieren und den Sorgen, Ängsten sowie dem Ärger Luft zu machen.

Eigentlich hätte die Versammlung im Gemeindehaus stattfinden sollen. Doch schnell war dies grenzenlos überfüllt und so wechselte man spontan in die Kirche. 

Wie aufgeheizt die Stimmung war, wurde bereits zu Beginn deutlich. Superintendentin Martina Espelöer wollte die Gemeindeversammlung mit einer kleinen Andacht beginnen und wurde bereits nach den ersten Sätzen harsch unterbrochen: „Wir wollen wissen, was mit unserem Friedhof ist. Wir brauchen keine langen Vorreden. Kommen Sie auf den Punkt.“ So verkürzte Espelöer die Begrüßung. 

Entscheidung fiel im Juni 2016

„Die Tatsache, warum wir heute hier sitzen, beruht auf einem Grundsatzbeschluss, den das Presbyterium am 20. Juni 2016 getroffen hat“, erklärte die Superintendentin, die den Abend moderierte. Bereits jetzt ging ein Raunen durch das Publikum. „Das ist mehr als ein Jahr her. Und sie halten es erst jetzt für nötig, uns zu informieren?“, kam direkt ein Zwischenruf. 

Nüchtern präsentierte Volker Schöbel, Geschäftsführer des evangelischen Kreiskirchenamtes Iserlohn-Lüdenscheid, zunächst die Fakten. Es sei das erste Mal, dass er sich im Laufe seiner Amtszeit mit einer Friedhofsschließung beschäftigen müsste. Er könne aber vergewissern, dass es sich alle Beteiligten, sprich Presbyterium, Kreissynodalvorstand und Landeskirche, nicht leicht gemacht hätten. 

Das Hauptproblem liege in der Finanzierung. Die erfolge durch einen Gebührenhaushalt. Dass heiße, es dürften beispielsweise keine Mittel aus Kirchensteuern oder ähnlichem in die Finanzierung einfließen. 

Hinzu komme das veränderte Verhalten bei Bestattungen. Friedwälder, Urnengräber und Seebestattungen würden für immer weniger Beerdigungen sorgen. „Der Friedhof war ursprünglich für 50 Bestattungen im Jahr konzipiert. Die wurden jedoch nie erreicht. 2016 waren es gerade einmal 16“, erklärte Schöbel. Zudem bleibe der Friedhof immer ein Friedhof. So werde man ihn bis mindestens 2063 erhalten. 

"Der Friedhof ist ungepflegt"

Weit kam er mit seinen Ausführungen nicht. Immer mehr Besucher meldeten sich zu Wort. „Der Friedhof ist ungepflegt“. „Ich habe in diesem Jahr meine beiden Eltern dort beerdigt, das kostete 6000 Euro. Rechne ich das auf 16 Beerdigungen, komme ich auf 48000 Euro. Und da sind die sonstigen Kosten, die für uns anfallen noch nicht mit drin. Und ganz ehrlich: Der Friedhof ist so ungepflegt, da kann ich mir nur schwer vorstellen, dass so viel Geld dort benötigt wird“, kam scharfe Kritik aus dem Publikum. 

Tatsächlich sei aber jede Beerdigung ein Verlustgeschäft, wie Pastor Wolfgang Kube betonte. Das liege vor allem an der speziellen Topografie des Friedhofs am Hang. Die Frage, wie die katholische Gemeinde und die Wiblingwerder das stemmen, konnte nicht im Detail geklärt werden. Schöbel geht davon aus, dass vor allem ehrenamtliches Engagement dazu beitrage. 

„Aber wie kann eine Beerdigung auf dem katholischen Friedhof so viel günstiger sein? Es sind doch die gleichen Dienstleister und die haben ja offensichtlich nicht die Probleme“, kam eine weitere Frage aus dem Publikum. Trotz mehrfacher Nachfrage wurden keine genauen Zahlen offen gelegt. 

„Sie bekommen Ihr Geld zurück“ 

Offen blieben viele Fragen. Zum Beispiel, was mit bereits gekauften Wahlurnengräbern passiert. „Wir haben im vergangenen Jahr eine Vierer- Grabstätte gekauft. Dort liegt bereits meine Mutter. Ihr Lebensgefährte und wir Kinder sollen da mit hin. Was passiert damit jetzt und vor allem, wie konnten Sie uns diese verkaufen, wenn Sie im vergangenen Jahr schon von der Problematik wussten?“ 

Eines von vielen Einzelschicksalen an diesem Abend. „Wir werden es natürlich ermöglichen, dass Ehepartner dort beerdigt werden. Bei Kindern müssen wir sagen: Derzeit sieht das der Beschluss nicht vor. Auch bei nicht eingetragenen Partnerschaften ist das unklar. Aber Sie bekommen Ihr Geld zurück“, so Schöbel.

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