Auf dem Steinstück: Bauausschuss schickt Bebauungsplanänderung auf die Reise

Berg rauf, Berg runter: Vielen fällt es zu schwer

+
Auf dem Steinstück: Bauausschuss schickt Bebauungsplanänderung auf die Reise

Nachrodt-Wiblingwerde - Und so ist das, wenn man zwischen den Stühlen sitzt. Man kann es einfach nicht allen Recht machen. Die Mitglieder des Planungs- und Bauausschusses haben genau dies erfahren müssen.

Die zentrale Frage: Soll das Parken auf den Grundstücken Auf dem Steinstück grundsätzlich erlaubt werden? Dann muss eine Bebauungsplanänderung für den „Obstfelder Stall-Hardt“ vorbereitet werden. 

Genau dafür sprachen sich die Kommunalpolitiker schließlich einstimmig aus. Nach reiflicher Überlegung. Und nach einer Ortsbegehung. Doch damit sind nicht alle glücklich. 

Ausschlaggebend waren verschiedene Anträge auf Sondergenehmigungen, die schon seit Jahren durch „die Gemeinde geistern.“ Einige wurden abgelehnt, andere wurden genehmigt. Letztere eigentlich immer aus gesundheitlichen Gründen. 

Nachbar habe mit Dienstaufsichtsbeschwerde gedroht

Doch die Nachbarn waren sich augenscheinlich darüber nicht immer grün. Nach einer Knie-Operation, so erzählt eine Anwohnerin direkt vor ihrer Haustür, habe sie für ein paar Wochen eine Sondergenehmigung zum Parken bekommen. Da habe der Nachbar mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gedroht. 

Dass die Fronten verhärtet sind, wurde vor Ort weniger, dann aber in der anschließenden Bauausschuss-Sitzung mehr als deutlich. „Wer gesund gehen kann, kann auch die Straße hochgehen“, argumentierte ein Anwohner vom Steinstück, der kein gutes Haar an einer möglichen Bebauungsplanänderung lassen wollte. 

Die Siedlung sei autofrei gedacht und genau deshalb würden auch viele dort wohnen. „Seit vier, fünf Jahren gibt es aber einen enormen Verkehr“, so der Nachrodter, der in seinem Vorgarten auch zukünftig kein Auto sehen möchte, und am allerliebsten zu der Wohnsituation der 70er Jahre zurückkehren würde. 

"Einige Anlieger überbewerten ihre Rechte erheblich"

„Einige Anlieger überbewerten ihre Rechte erheblich“, meinte er – und schlug harte Sanktionen gegen den Verkehr im Wohngebiet vor. Zudem beklagte er, dass die Sitzungsvorlage den Stellplatz-Antrag seines Nachbarns mit einer Änderung des Bebauungsplanes vermische. 

Ein anderer Anwohner hatte triftige Gründe, dringend einen Stellplatz an seinem Haus einrichten zu können. Seine Tochter ist an Diabetes Typ 1 erkrankt. „Sie ist körperlich nicht in der Lage, den Berg rauf und runter zu gehen“, so der Vater, der händeringend eine Sondergenehmigung benötigt. 

Berg rauf, Berg runter. Genau dies fällt einigen Anwohnern mehr als schwer. „Für meinen Mann ist es eine Zumutung, den Berg hinauf zu laufen. Er kommt halb tot oben an“, so eine Anwohnerin. Ein bisschen verzweifelt klang das Ehepaar, das die Hoffnung auf Änderung der Situation nach eigenen Angaben schon fast aufgegeben hat. 

Übrigens: Nach einer Befragung der Eigentümer „Auf dem Steinstück“, ob das Parken auf den Grundstücken ermöglicht werden soll, hatten von 34 angeschriebenen Haushalten 26 geantwortet. 17 Eigentümer sind für das Parken, zehn sind dagegen, einer enthält sich. 

„Die Situation muss grundsätzlich geklärt werden“, so Susanne Jakoby, Fraktionsvorsitzende der SPD. „Ich kann nicht beurteilen, ob jemand den Berg raufgehen kann oder nicht.“ Die persönlichen Situationen zu bewerten, sei für die außenstehenden Kommunalpolitiker mehr als schwierig, wenn nicht gar unmöglich. 

Fahrausweis für die Anwohner

Fakt ist: Verkehr gibt es nach Ansicht aller Beteiligten aktuell schon reichlich im Wohngebiet. Matthias Lohmann (SPD) schlug vor, einen Fahrausweis für die Anwohner auszugeben, Lars Wygoda, Fraktionsvorsitzender der CDU, fand es zum einen wichtig, dass nicht „Hinz und Kunz“ dort durchfahren darf, merkte aber auch an, dass die Anwohner ihre Besucher auf die Parkplätze außerhalb aufmerksam machen müssen. 

Hans-Joachim Hohage (UWG) wollte direkt eine Bebauungsplanänderung auf die Reise schicken. Und diese soll jetzt etwa so aussehen: Nicht drei oder vier Fahrzeuge pro Familie, sondern nur ein Auto soll künftig dort abgestellt werden können, wo es der Platz erlaubt. 

Also nicht im Garten, sondern nur vor den Hauseingängen. Das ist nicht überall möglich. Zudem sollen Spielstraßen mit Schrittgeschwindigkeit am Standort ausgewiesen werden. Ziel ist, die Härtefälle abzumildern und gleichzeitig nicht jede Situation neu bewerten zu müssen.

Unser Kommentar zum Thema

Autofreie Zone? - So wenig Mitgefühl ist beeindruckend

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Diese neue Mentalität des Umgangs miteinander schreit wirklich zum Himmel. Ja es stimmt: Das Baugebiet „Obstfelder Stall-Hard“ wurde einst autofrei konzipiert. 

Und ja: Auch deshalb sind viele Menschen dort hingezogen. Doch heute, 40 Jahre später, sind es vielfach nicht mehr die „jungen Hüpfer“, die dort wohnen. 

Viele Menschen können die steilen Wege nicht mehr bewältigen. Sollen sie deshalb wegziehen, weil sie eingeschränkt sind? Einigen würde das wohl gut in den Kram passen. 

Und die junge Familie, die eine kranke Tochter hat? Soll sie auch das Haus verkaufen, weil der Nachbar aus seinem Küchenfenster nicht auf ein Auto gucken möchte? 

„Wer gehen kann, kann auch den Berg hinauf“, war ein Argument eines Eigentümers. So wenig Mitgefühl ist schon beeindruckend. 

Die Entscheidung, eine Bebauungsplanänderung auf den Weg zu bringen, ist richtig und wichtig: ein Auto auf einem Stellplatz vor der Tür. Dann gelten für alle die gleichen Rechte, es müssen keine Sondergenehmigungen kompliziert beantragt und von Unbeteiligten entschieden werden. 

Zukunftsträchtig gedacht: Man löst die Probleme von morgen eben nicht mit den Antworten von gestern.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare