Zwei unterschiedliche Sichtweisen einer Keilerei

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Die „Höchststrafe“ erwartete alle Prozessbeteiligten im Amtsgericht Altena: „Die Zeugen haben übereinstimmend jeder was anderes gesagt“, fasste Richter Dirk Reckschmidt eine Verhandlung über ein Ereignis in Nachrodt zusammen, die das ihr gesetzte Maß weit überschritten hatte.

Ein Ergebnis gab es noch nicht, weil ein Zeuge dem Termin unentschuldigt ferngeblieben war und weitere gehört werden sollen.

Von der Auseinandersetzung erzählten der Angeklagte und sein mutmaßliches Opfer zwei völlig verschiedene Versionen, von denen nach üblichem Verständnis nur eine wahr sein kann. Am 20. Juli 2012 klingelte es an der Haustür des 50-jährigen Geschädigten. „Ich bin an die Tür gegangen, und dann hat mir der Angeklagte direkt ins Gesicht geschlagen“, behauptete der Geschädigte. „Meine Brille ging zu Boden, drei Männer kamen in die Wohnung, und alle drei haben auf mich eingetreten.“ Finstere Drohungen sollte der Angeklagte dabei ausgestoßen haben: „Ich mach’ dich alle!“, „Ich hau’ dir die Fresse platt!“ und Ähnliches. Mithilfe von Verteidiger Ralf Lengelsen, der sich einen sanften Schwitzkasten gefallen ließ, machte der 50-Jährige deutlich, wie ihn der Angeklagte im Würgegriff gehabt und es dabei noch geschafft habe, nach ihm zu treten.

Tatsächlich gab es Gemeinsamkeiten, zwischen dieser Aussage und der des Angeklagten: Er bestätigte, dass er und später auch zwei seiner Mitarbeiter an jenem Tag an jener Haustür waren und dass er den 50-Jährigen im Schwitzkasten hatte. Damit endeten die Gemeinsamkeiten allerdings: „Der war nur am Schimpfen und fragte ‚Was willst du denn hier?’ Dann hat er mich geschlagen.“ Der Geschädigte terrorisiere die Hausgemeinschaft einschließlich seiner Familienangehörigen, handele mit Drogen, misshandele seine eigene Lebensgefährtin und besitze Waffen. Letztere Vorwürfe betrafen allerdings nicht direkt die Frage, wer wen an jenem 20. Juli verdroschen hatte.

Angesichts recht konträrer Erlebnisse mussten die Zeugen ran: „Drei Mann auf einen – das finde ich eigentlich unfair“, positionierte sich eine 54-jährige Nachbarin, die gute Sicht auf das Geschehen gehabt hatte. „Die drei sind sofort auf ihn drauf. Sie haben ihm in den Bauch getreten, die Brille ging zu Bruch – sie haben ihn total zusammengeschlagen und getreten.“ Diese Aussage, die auch die Tochter der Zeugin bestätigte, war von bestrickender Klarheit. Sie hatte nur einen Schönheitsfehler: Die Zeugin hatte weiße Arbeitskleidung an den Männern wahrgenommen. Einer von ihnen trug als Zeuge aber vor, dass in ihrem Gewerbe schwarze Kleidung üblich sei und sie diese auch getragen hätten. Weitere Zeugenaussagen trugen viel Informatives über das Gegeneinanderleben in jenem Haus bei – gerichtlich Verwertbares über das Geschehen am 20. Juli waren aber Mangelware. So verhängte Richter Reckschmidt schließlich eine Ordnungsstrafe von 150 Euro – wahlweise drei Tage Haft - gegen einen säumigen Zeugen und vertagte die Sitzung, um noch weitere Zeugen zu laden. - Thomas Krumm

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