Inklusion: Einfache Wahrheiten gibt es nicht

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Klassenlehrerin Thenia Molochidis (rechts) und Förderschul-Lehrerin Andrea Karthäuser (Mitte) im Gespräch mit Susanne Fischer-Bolz, Redakteurin beim Altenaer Kreisblatt.

Nachrodt-Wiblingwerde - Lehrer sind überfordert und für die Anforderungen nicht ausgebildet. Die Klassen sind zu groß, um nicht behinderten und behinderten Kindern gleichermaßen gerecht zu werden. Niveauverlust. Stress. Sorgen.

Wer in den vergangenen Wochen die Debatten verfolgte, konnte nur zu einem einzigen Schluss kommen, der auch in die Welt posaunt wurde: Die Inklusion ist gescheitert. Das Altenaer Kreisblatt traf sich mit Menschen, die das doch anders beurteilen, – mit Sekundarschulrektor Oliver Held, Thenia Molochidis, Klassenlehrerin der 5a, Förderschul-Lehrerin Andrea Karthäuser und Kristina Ohlhoff, Mutter eines Jungen mit Handicap.

„Einfache und hundertprozentig gültige Wahrheiten gibt es auch bei diesem Thema nicht“, sagt Oliver Held und betont: „Man muss immer gucken, was für jedes Kind das Beste ist.“

Lernen, mit den anderen umzugehen

Aber was bedeutet Inklusion? „Für mich ist ein Miteinander. In der Gesellschaft müssen wir alle miteinander klar kommen. Und es ist für beide Seiten, für Kinder mit und ohne Förderbedarf, wichtig zu lernen, mit den anderen umzugehen. Man sollte als Eltern die Entscheidung für eine Regelschule oder eine Förderschule treffen dürfen“, sagt Kristina Ohlhoff und betrachtet die Schließung von immer mehr Förderschulen mit Sorge.

Die Zahl der Förderschulen ist in NRW seit 2002 von 726 auf 571 gesunken. „Ganz erschreckend. Es ist auch nicht jedes Kind gemacht für die Regelschule und benötigt Dinge, die wir hier nicht leisten können“, sagt Förderschul-Lehrerin Andrea Karthäuser. „Es gibt Kinder, die einen noch kleineren Rahmen benötigen und eine feste Bezugsperson.“

Tom gehört nicht dazu. Tom ist elf Jahre alt und besucht die fünfte Klasse der Sekundarschule. Er hat mit vier weiteren Kindern in seiner Klasse den Förderbedarf Lernen. „Tom fühlt sich wohl“, erzählt seine Mama, die die Sekundarschule mit Bedacht ausgewählt hat: „Jede Klasse hat zwei Klassenlehrer und ich hatte gehört, dass die Kinder individuell gefördert werden.“

Tom wird nicht ausgegrenzt

Toms Problematik hatte sich schon in der ersten Klasse abgezeichnet. „Das ganze Programm Lernen ist für ihn schwierig. Er nimmt die Dinge anders wahr“, erzählt Kristina Ohlhoff. „Wir hatten eine tolle Grundschullehrerin, die uns unterstützt hat, so dass wir in der zweiten Klasse einen Förderantrag gestellt haben.“

Mobbing kenne ihr Sohn nicht aus der Schule. Weder aus der Grundschule noch aus der Sekundarschule. Er werde auch nicht ausgegrenzt. „Es sind auch nicht nur die Förderkinder zusammen, sondern es vermischt sich“, freut sich die Mama über viel Miteinander. „Die Kinder sehen, dass er nicht so gut lesen kann, dafür ist er gut im Sport.“ Tom habe auch nicht immer das Gefühl, der Schlechteste zu sein.

Drei Förderschullehrerinnen unterrichten an der Sekundarschule. Es gibt insgesamt 25 Kinder mit Handicaps – sechs Förderschüler können in jedem Jahrgang aufgenommen werden. „Ich bin komplett an diesem Standort Nachrodt, die Kollegin, die mich hier unterstützt, ist auch noch an einer Förderschule tätig“, sagt Förderschul-Lehrerin Andrea Karthäuser.

Optimale Zusammensetzung der Klassen

„Wir achten darauf, dass es von der Zusammensetzung gute Förderbedingungen ergibt, dass die Kinder, die die gleiche Unterstützung brauchen, möglichst auch zusammen in einer Klasse sind“, erzählt Oliver Held, der zum Thema Forsa-Umfrage nur den Kopf schüttelt. Danach empfinden die Lehrer in Nordrhein-Westfalen die Umsetzung der Inklusion als größtes Problem ihrer Arbeit. 41 Prozent nannten die Aufgabe, Schüler mit und ohne Behinderungen gemeinsam zu unterrichten, als größte Belastung im Schulalltag.

Thenia Molochidis, Oliver Held und Kristina Ohlhoff.

„Inklusion ist keine Belastung. Natürlich werden wir vor neue Herausforderungen gestellt. Aber jeder Lehrer hat in der Ausbildung gelernt, individuell zu fördern und auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Und das tun wir mit Hilfe der Sonderpädagogen“, sagt Klassenlehrerin Thenia Molochidis. Natürlich wäre es schön, „wenn wir eine feste Sonderpädagogin für jede Klasse hätten. Das wäre für die Kinder und die Lehrer gut. Aber wir haben hier einen guten Austausch, wir sprechen den Unterricht ab.“

Inklusion ist auch eine Frage der Haltung. Nicht nur. Aber auch. Das findet Oliver Held. „Das merkt man bei uns an der Schule. Die Haltung der Kollegen und Kolleginnen stimmt. Auf der anderen Seite brauchen wir die Expertise der Förderschullehrer, aber die sind zum Glück auch da. Die Aufgabe der Förderschullehrer ist nicht nur zu unterrichten, sondern auch zu beraten und dabei zu helfen, wie man mit bestimmten Handicaps als Lehrer besser fertig wird.“

Zu wenige Lehrer

So himmelblau, wie es anhört, möchte es Oliver Held nicht darstellen, denn es gibt einfach zu wenig Lehrer. „Was aber auch damit zusammenhängt, dass die Landesregierung sehr viele Stellen geschaffen hat, die nicht alle besetzt werden konnten. Man braucht nicht nur die Stellen, sondern die Lehrer, die darauf passen, und da hakt es im Moment einfach.“ Soll heißen: es knirscht durchaus. „Bei uns kommt noch hinzu, dass wir eine Ganztagsschule sind. Auch da gibt es ein bisschen mehr Druck auf die Kollegen, die bezahlte und unbezahlte Überstunden machen, um das System am Laufen zu halten. Man kann die Lehrer, die wir haben, auch nicht teilen.“

Nicht einfacher wird die Situation, wenn man die Wahlfreiheit der Eltern für eine Regel- oder Förderschule beibehalten möchte. „Die beiden Systeme muss man mit Lehrern ausstatten, so dass sie auch arbeiten können.“

Das größte Problem sind also schlicht die Resourcen. Denn das Klima stimme für Inklusion an der Sekundarschule. Förderschul-Lehrerin Andrea Karthäuser ist an anderen Schulen auch mal vor Wände gelaufen. „Hier habe ich das Gefühl, dass nicht nur die Schulleitung hinter der Inklusion steht, sondern dass ich jeden im Kollegium ansprechen kann. Da fühlt man sich einfach aufgehobener.“ Ob es eine Rolle spielt, dass es an der Sekundarschule ein recht junges Kollegium gibt, hält Oliver Held für wahrscheinlich. „Die Leute, die ihre erste Stelle angetreten haben, die haben auch eine andere Haltung und Ausbildung als jemand, der schon 55 ist und 30 Jahre etwas anderes gemacht hat, als jetzt von ihm erwartet wird.“

Recht auf Unterricht an einer Regelschule

Seit dem Schuljahr 2014/15 haben behinderte Kinder das Recht auf Unterricht in Regelschulen. Von fast 128.000 Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf werden in diesem Schuljahr laut Schulministerium 42 Prozent in der Primar- und der Sekundarstufe 1 unterrichtet.

Für alle Kinder ist es nicht das Heil aller Dinge. Und auch an der Sekundarschule gab es Mädchen und Jungen mit Förderbedarf, die dann wieder die Schule verlassen haben. „Die Eltern machen sich viele Gedanken“, sagt Förderschul-Lehrerin Andrea Karthäuser und kann das oft genannte Vorurteil, Eltern würden eher ihre Wünsche als das Wohl der Kinder in den Vordergrund stellen, nicht bestätigen.

„Wenn man das Beste für sein Kind möchte, dann holt man sich Rat. Ich würde heute nicht hier sitzen, wenn ich ein Problem damit hätte, dass mein Kind ein Förderkind ist“, sagt Kristina Ohlhoff. Damit jeder gut lernen kann, alle gefördert werden, auch die begabten Kinder, gibt es unter anderem unterschiedliche Lernmaterialien, manche sind sogar bereits auf drei verschiedenen Niveaus in den Schulbüchern. Ab Klasse 7 gibt es Grund- und Erweiterungskurse.

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