Gemeinde ist vorbereitet / Keine Sammelunterkünfte mehr / „Neue Einrichtungsgegenstände sind günstiger“

Neue Flüchtlinge, andere „Strategie“

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Birgit Schulte-Pinto ist Sozialarbeiterin der Gemeinde – und mit einer wöchentlichen 19,5 Stunden-Stelle für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig. Für die neuen Flüchtlinge hat sie auch neue Informationsmappen zusammengestellt.

Nachrodt-Wiblingwerde - Ab Anfang September werden wieder Flüchtlinge der Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde zugewiesen – wochenweise fünf, insgesamt etwa 25 Personen. Anders als vor zwei Jahren, als die Welle schlicht über die Gemeinde schwappte, ist man heute vorbereitet. 

Und einiges soll anders laufen, auch beim Thema Spenden. Das große Problem: Die Häuser an der Hagener Straße 114/116 sind abgerissen, das Haus Hagener Straße 150 ist unbewohnbar. Sammelunterkünfte gibt es nicht mehr.

„Die Voraussetzungen sind andere. 2015 wurden die Menschen einfach durchgewunken. Sie kamen hier an und hatten noch keinen Antrag auf Asyl gestellt. Wir mussten bei Null anfangen und ein dreiviertel Jahr warten, bis die Menschen überhaupt registriert waren“, sagt Birgit Schulte-Pinto, Sozialarbeiterin der Gemeinde – und mit einer wöchentlichen 19,5 Stunden-Stelle für die Betreuung der Flüchtlinge zuständig.

Diesmal wird es so sein, dass alle Flüchtlinge, die zugewiesen werden, einen Asylantrag gestellt haben. So gilt „nur“ noch das Warten auf den Bescheid. 

Bei Bleiberecht Jobcenter zuständig 

Wenn die Flüchtlinge ein Bleiberecht bekommen, ist die Gemeinde aus der Verantwortung und das Jobcenter zuständig. 

Es gibt die Anerkennung als Asylsuchender mit Aufenthaltsrecht (für ein Jahr oder für drei Jahre), die Nicht-Anerkennung als Flüchtling, aber Duldung aus humanitären Gründen, und die Ablehnung des Asylbegehrens. 

Abgelehnt wurden bisher etwa 20 Prozent von insgesamt 150 Flüchtlingen. Fast alle sind ins Klageverfahren gegangen. „Wir haben mehrere afghanische Familien, bei denen unterschiedlich entschieden wurde. Wir haben Fälle, die abgelehnt, und andere, die geduldet wurden. Das fühlt sich für mich willkürlich an. Denn wenn die Vorgeschichten und die Herkunftsorte vergleichbar sind, verstehe ich das nicht“, sagt Birgit Schulte-Pinto. 

Aus welchen Ländern die neuen Flüchtlinge kommen, ist nicht bekannt. Auch nicht, wie viele Familien dabei sind. „Eben weil die Sammelunterkünfte nicht vorhanden sind, wäre es für uns leichter, wenn wir Familien zugewiesen bekommen würden. Aber das wollen alle“, sagt Birgit Schulte-Pinto. 

Nun müsse man gucken, wer zusammen leben könne. Manche Nationalität können nicht unter einem Dach sein. „Das größte Problem ist die Religion. Die einen wollen kein Schweinefleisch essen und wollen nicht, dass auf dem Herd dies gekocht wird. Andere essen viel Fisch und wieder andere finden das ekelig.“ 

"Wir müssen es entrümpeln"

Aktuell werden vier Wohnungen vorbereitet. „Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass es wenig Sinn macht, dort alles reinzustellen, was gespendet wird. Denn wenn die Flüchtlinge die Wohnungen verlassen, weil sie ein Recht auf eine eigene Wohnung haben, wollen sie die Sachen nicht mehr. Sie bekommen dann Geld vom Jobcenter für ihre Einrichtung. Dann bleibt alles in den Wohnungen zurück. Und wir müssen es entrümpeln.“ 

Aus diesem Grund hat sich die Gemeinde für eine neue Strategie entschieden. Die Flüchtlinge bekommen eine einfache Einrichtung mit allem, was man braucht: ein Bett, einen Kleiderschrank, einen Tisch, Stühle, Küchenausstattung mit Kühlschrank, Herd, Spüle, Waschmaschine, Handtücher, Putzzeug usw. 

„Sie kommen quasi in eine spärliche, funktionelle Wohnung“, sagt Ordnungsamtsleiter Sebastian Putz. Die Einrichtungsgegenstände sind neu. „Weil es günstiger ist“, erklärt der Ordnungsamtsleiter. Und so hat die Gemeinde beispielsweise bei preiswerten Angeboten für Kühlschränke zugeschlagen. 

Allein der Energieverbrauch mache sich bezahlt. „Wir haben Familien gehabt, die haben Stromkosten von 600 Euro im Monat produziert“, erzählt Birgit Schute-Pinto. 

Für Einrichtung bisher 3000 Euro ausgegeben

Für die Einrichtung von zehn Personen wurden bisher etwa 3000 Euro ausgegeben. „Und wenn die Flüchtlinge ihre eigene Wohnung beziehen, bekommen sie von uns das Angebot, Herd oder Kühlschrank zu erwerben. Das machen sie dann auch. Dann bekommen sie die Original-Quittung dazu. 

Der Riesenvorteil ist auch, dass wir uns die Gegenstände liefern lassen. Wir müssen den Bauhof nicht losschicken. Die Kosten werden immer vergessen. Allein die Stunde Personal plus Auto, da habe ich den neuen Kühlschrank schon bezahlt“, sagt Ordnungsamtsleiter Sebastian Putz und bittet um Verständnis für die neue Vorgehensweise. 

Dabei wollen weder er noch Birgit Schulte-Pinto die vielen Spender vergraulen. „Man kann nur Respekt zollen, was die Spendenflut betrifft. Und wir sind immer für Spenden offen und nehmen die auch gern an. Benötigt werden dringend Töpfe, Pfannen (nur Edelstahl, nicht beschichtet) und Besteck.“ 

Nagelneue Informationsmappen

Wenn die neuen Flüchtlinge kommen, werden sie auch mit nagelneuen Informationsmappen versorgt. Ein Stadtplan von Nachrodt-Wiblingwerde ist dabei – mit Hinweisen, wo man einkaufen kann, wo das Amtshaus, wo der Arzt ist – auch in arabischer Sprache. 

Wenn die Flüchtlinge ankommen, werden Termine mit den Verantwortlichen der Kleiderkammer gemacht. Zudem möchte Birgit Schulte Pinto eine Veranstaltung für die Neuankömmlinge anbieten – eine Art Begrüßungsabend, bei dem es viele Informationen gibt. Dafür haben bereits Flüchtlinge, die schon länger in der Gemeinde leben, ihre Unterstützung zugesagt und auch das Dolmetschen angeboten. 

Mit einer E-Mail hat sich Birgit Schulte an den Flüchtlingskreis gewandt, denn die neuen Mitbürger benötigen Paten, die Hilfestellungen leisten.

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