In der Gemeinde wird der Platz für Flüchtlinge knapp

Bürgermeisterin Birgit Tupat und ihr Fachbereichsleiter Axel Boshamer blicken mit Sorge auf die Zahlen: Der anhaltende Flüchtlingszustrom verursacht hohe Kosten. Foto: Machelett

Nachrodt-Wiblingwerde - „Wir gehen davon aus, dass wir weiter Zuweisungen erhalten werden. Die Zahl der Flüchtlinge steigt enorm. Es sind bereits jetzt mehr als doppelt so viele wie noch im vergangenen Jahr“, erklärt Axel Boshamer, zuständiger Fachbereichsleiter im Amtshaus.

Das Budget, das die Gemeinde für Flüchtlinge eingeplant hat, ist längst gesprengt. Statt der ursprünglich eingeplanten 80 000 Euro stehen nun bereits 110 000 Euro zu Buche. Bürgermeisterin Birgit Tupat und Axel Boshamer gehen davon aus, dass die Kosten im nächsten Jahr sogar noch weiter steigen werden. 140 000 Euro sind im Haushaltsplan für das Jahr 2015 für Flüchtlinge eingeplant. Immerhin haben jetzt auch Bund und Land reagiert und die Mittel für die Unterbringung von Flüchtlingen erhöht. Darauf hat am Mittwoch der SPD-Landtagsabgeordnete Michael Scheffler hingewiesen: „Die Gemeinde Nachrodt-Wiblingwerde bekommt durch die Erhöhung der Flüchtlingspauschale des Landes eine Summe in Höhe von 16 870 Euro. Zusammen mit den zusätzlichen Bundesmitteln sind das insgesamt 39 645 Euro.“

Ob der Gemeinde das entscheidend weiterhilft? Besonders hoch sind die Sozialhilfe- und Krankenkosten. „Viele Flüchtlinge sind traumatisiert. Sie haben in ihrer Heimat alles verloren und auf der Flucht Schreckliches erlebt. Sie brauchen psychologische Betreuung. Und die kostet eben“, erklärt Tupat. Zudem müsse die Einrichtung des Übergangswohnheims instand gehalten werden. „Dort ist immer mal wieder etwas kaputt. Vor allem mit aufgebrochenen Türen haben wir zu tun“, so die Bürgermeisterin.

Um der Flüchtlingsflut gewachsen zu sein, wird derzeit auch das Obdachlosenheim an der Hagener Straße hergerichtet. Unter anderem wurden neue Wände eingezogen, um aus zwei Zimmern drei zu machen. 25 weitere Menschen könnten dort Platz finden. „Damit sind wir aber langsam an der Kapazitätsgrenze angelangt. Dann müssten wir vermutlich die Baugenossenschaft mit ins Boot holen“, denkt Tupat darüber nach, Wohnungen für Flüchtlinge anzumieten.

Begeistert ist die Verwaltungschefin vom Miteinander zwischen Flüchtlingen und Anwohnern. „Das ist alles äußerst friedlich. Wir haben wirklich gar keine Probleme mit Aggressionen.“ Im Gegenteil: Die Nachbarn der Flüchtlinge seien sogar hilfsbereit. Beispielsweise habe eine Frau aus der Klingestraße Gardinen gespendet, damit die Fenster der Flüchtlingsunterkunft nicht mehr so trostlos aussehen. „Die Willkommenskultur, mit der wir Flüchtlinge mit oft schrecklichen Erfahrungen und schweren Traumatisierungen vor Ort aufnehmen, ist sehr wichtig“, sagt auch der SPD-Landtagsabgeordnete Michael Scheffler.

Doch es gibt auch Probleme: „Ein großes Problem für die Flüchtlinge ist die Langeweile. Viele der Menschen würden gerne arbeiten, aber das dürfen sie nicht“, sagt Tupat. Sie könne sich gut vorstellen, dass sich Ehrenamtler dort engagieren. In Nachbarstädten gibt es beispielsweise Handarbeitsgruppen oder Spieltreffs für Kinder. „Wer Interesse daran hat, kann sich gerne bei uns melden. Gemeinsam würden wir dann überlegen, wo wir einen Raum finden, in dem so etwas möglich wäre“, sagt Tupat. Engagieren würden sich bereits die Kirchengemeinden und die islamische Gemeinde. Scheu vor Sprachbarrieren müssten Interessierte nicht haben. Viele Flüchtlinge sprechen Deutsch oder Englisch. Und wenn nicht, ist immer ein anderer Bewohner dort, der übersetzen kann.

Ein solches Engagement wäre auch deswegen wünschenswert, weil in der Gemeinde vor allem Einzelpersonen untergebracht werden. Sie kennen bei ihrer Ankunft niemanden und sind oft einsam. „Wir haben einen Antrag an die Bezirksregierung gestellt, dass wir keine Familien mehr zugewiesen bekommen. Dafür haben wir als kleine Kommune einfach nicht die Strukturen“, erklärt Boshamer die Situation. Es fehle beispielsweise ein Kinderarzt. - Lydia Machelett

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