Schläge und brutale Tritte ohne Grund?

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Nachts um 5 Uhr ist das verschlafene kleine Dorf auf dem Berg normalerweise noch friedlicher als sonst. Doch am 6. November 2011 war in Wiblingwerde alles anders:

Zwei Autos fuhren mit hoher Geschwindigkeit durch den Dorfkern, blendeten einen Passanten und hielten an. Fünf bis zehn Männer entstiegen den beiden Fahrzeugen und schlugen sofort auf das 34-jährige Opfer ein, das zu Boden ging und durch brutale Tritte schwer verletzt wurde.

Anschließend versuchten die Täter, das Opfer in einen Kofferraum zu verfrachten. Doch seine Entführung konnte der 34-Jährige verhindern, indem er mit einem Bein das Schließen des Kofferraums verhinderte und herauskletterte. Im Krankenhaus diagnostizierten die Ärzte ein Schädel-Hirn-Trauma ersten Grades, also eine schwere Gehirnerschütterung, eine Prellung der linken Augenhöhle, zahlreiche Blutergüsse und eine Prellung des Brustkorbes.

In seiner verzweifelten Lage hatte das Opfer sich ein einziges Gesicht gemerkt. Dieser 26-Jährige aus Wiblingwerde stand deshalb unter dringendem Tatverdacht, und am Donnerstag musste er sich im Amtsgericht Altena wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Außer der entsprechenden Erinnerungsspur des Opfers deutete allerdings nichts darauf hin, dass der 26-Jährige tatsächlich zugetreten hatte. „An diesen ganzen Tätlichkeiten war ich nicht beteiligt“, versicherte er vor Gericht. Auch zu den Insassen der beiden Fahrzeuge konnte er nichts sagen: „Ich kenne die ganzen Leute nicht und weiß nicht, was es damit auf sich hat.“ Der Beschuldigte war zum Tatzeitpunkt allerdings am Ort des Geschehens: „Wir setzten uns auf die Treppe vor der Pizzeria, um das Schauspiel zu beobachten.“ Zahlreiche Zeugen bestätigten, dass der 26-Jährige dort tatsächlich mit einem Freund gesessen – oder auch gelegen – hatte. Sie versicherten auch, dass der Beschuldigte viel zu betrunken gewesen sei, um an einer derart zielgerichteten Kommandoaktion teilzunehmen. Schon auf dem Vereinsfest, das fast alle Zeugen und das Opfer in jener Nacht besucht hatten, sei der 26-Jährige eingeschlafen. „Reibereien“ habe es auf diesem Fest gegeben, bestätigten einige Zeugen. Doch niemand konnte sagen, in welchem Zusammenhang mit dem Überfall diese Konflikte stehen sollten. Niemand auch konnte irgendwelche Angaben zu den Personen in den beiden Fahrzeugen machen. Die Angaben über ihre Anzahl schwankten zwischen fünf und zehn. Und auch der 34-Jährige hatte keinerlei Vorstellung, warum er so zielgerichtet zum Opfer eines Überfalls wurde. Handelte es sich möglicherweise um eine Verwechslung? Oder war gar „die Mafia“ im Spiel, wie ein Zeuge eine von vielen Spekulationen wiedergab.

Angesichts der Beweislage musste selbst Dr. Martin Müller, Anwalt des Geschädigten, eingestehen, dass sein Mandant sich möglicherweise geirrt habe. Staatsanwalt und Verteidiger Armin Speckmann zogen die Konsequenzen und forderten einen Freispruch für den 26-Jährigen. Richter Dirk Reckschmidt folgte diesen Anträgen: „Es gibt keinen Grund, warum der Angeklagte nochmal reingetreten haben soll.“ Eine Beziehung des Beschuldigten zu den Männern in den Autos sei in keiner Weise erkennbar. Gleichzeitig musste der Richter feststellen, dass die entscheidende Frage nach deren Identität trotz der 14 Zeugen nicht hatte geklärt werden können: „Was Ihnen passiert ist – da wäre es uns lieber, wir könnten das aufklären“, bedauerte er gegenüber dem Opfer das insgesamt unbefriedigende Verhandlungsergebnis. Immerhin war der Beschuldigte entlastet worden.  - Thomas Krumm

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