Missbrauch: Aussage der Pflegetochter glaubwürdig

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Ist die Aussage der heute 15-Jährigen, die angab, von ihrem Pflegevater in Nachrodt-Wiblingwerde missbraucht worden zu sein, glaubhaft oder nicht? Mit dieser Fragestellung befasste sich am Donnerstag die 1. Große Strafkammer am Landgericht Hagen.

Zentrales Thema der Sitzung war das Gutachten einer Diplom-Psychologin aus Dortmund, die durch umfangreiche Untersuchungen der Frage nachgegangen war, ob das Mädchen bewusst oder unbewusst gelogen oder unter Umständen auch andere Erlebnisse auf das Verhältnis zu ihrem Pflegevater übertragen haben könnte. Die heute 15-Jährige soll in ihrer Pflegefamilie, die zum Zeitpunkt des mutmaßlichen Missbrauchs noch in Nachrodt-Wiblingwerde lebte, wenigstens fünf Mal von ihrem Pflegevater, einem 57-jährigen Mann, der heute in Hagen lebt, missbraucht worden sein. Das Mädchen hatte des öfteren im Bett des Angeklagten geschlafen, wo er sie dann gezwungen haben soll, ihn beispielsweise mit der Hand zu befriedigen oder sich von ihm im Intimbereich anfassen zu lassen. Im Familienurlaub soll es gegen die Zahlung von fünf Euro zu ähnlichen Übergriffen gekommen sein. Auch die Nichte der Nachbarin und weitere Kinder soll der 57-Jährige sexuell belästigt haben, so der Vorwurf.

Die Gutachterin sprach in ihren Ausführungen von einem durchweg liebevollen Verhältnis zwischen Pflegetochter und Pflegevater. Sie sei nach den Aussagen verschiedener Zeugen seine „Prinzessin“ gewesen, habe alles gedurft, Grenzen habe ihr eher die Pflegemutter gesetzt. Der 57-Jährige sei die zentrale Bezugsperson für das Mädchen gewesen, nachdem das Jugendamt es wegen Vernachlässigung von seiner leiblichen Mutter getrennt hatte. Zwar habe das Mädchen öfters einmal Lügengeschichten erzählt, aber das Zeug zu einer konsequenten Falschaussage habe sie in ihrem Verhalten und Aussagen nicht gezeigt, fasste die Gutachterin ihre Ergebnisse zusammen und befand die Aussage des Mädchens, die im Wesentlichen die Vorwürfe der Anklage untermauerte, zusammen: „Ihre Aussage hat eine hohe Authentizität, sie berichtete von dem, wovon sie glaubt, es erlebt zu haben. Sie zeigte auch keine übermäßigen Belastungstendenzen.“ Es gebe bislang auch keine Erkenntnisse zu anderen ähnlich gelagerten Erfahrungen, die die 15-Jährige dann auf ihren Vater übertragen haben könnte, auch wenn sie eine gewisse Distanzlosigkeit und sexualisiertes Verhalten gezeigt habe.

Der Prozess gegen den 57-Jährigen wird sich noch bis ins neue Jahr hinziehen, da das Gericht auch noch ein psychiatrisches Gutachten für den Angeklagten benötigt. Dessen Therapeut hatte ausgesagt, sein Patient leide unter Depressionen und nehme Medikamente, die unter Umständen zu einer verminderten Schuldfähigkeit geführt haben könnten. ▪ GrAn

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