1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Nachrodt-Wiblingwerde

Mieter völlig unschuldig in der Kälte: Vermieter reagiert auf nichts

Erstellt:

Von: Susanne Fischer-Bolz

Kommentare

Das ist Lotte, der Hund von Sandra Mundry, die in der Kampstraße 8 wohnt. Sie schaltet den Heizlüfter nur im Notfall ein.
Das ist Lotte, der Hund von Sandra Mundry, die in der Kampstraße 8 wohnt. Sie schaltet den Heizlüfter nur im Notfall ein. © Fischer-Bolz, Susanne

Es ist lausig kalt. Gerade mal 17 Grad in den Wohnungen. Bernd Bussler hat eine Wolldecke vor den Durchgang vom Wohnzimmer zur Küche gehängt. Die Mieter an der Kampstraße sitzen völlig unschuldig in der Kälte, während der Vermieter abgetaucht ist.

Nachrodt-Wiblingwerde – Die Mieter der Kampstraße 8 lassen die Jacken an, versuchen nicht an das Morgen zu denken. Sie haben weder warmes Wasser noch eine funktionierende Heizung. Sie baden aus, was ihr Vermieter ihnen eingebrockt hat, in dem er die Nebenkosten nicht an die Stadtwerke weiterleitete (wir berichteten). Völlig unschuldig müssen sie in einer Situation ausharren, während der Vermieter Edwin Nieuwenhout aus Gronau sämtliche gerichtlichen Anordnungen offenbar an sich abprallen lässt.

Krank von der Situation

„Ich traue mich nicht zu lüften“, sagt Sandra Mundry. Die Altenpflegerin sucht dringend nach einer neuen Wohnung. Am liebsten irgendwo in Iserlohn, „bloß nicht in Nachrodt.“ Die 49-Jährige ist erkältet, krank von der Situation. Sie hofft auf eine andere Wohnung, bezahlbar, „aber mit erlaubter Hundehaltung und Balkon. Und ich habe keinen Wohnberechtigungsschein. Es ist leider nicht so einfach.“ Dass es jetzt ein paar Tage etwas wärmer ist, hilft nur sehr kurzfristig etwas. Sandra Mundry hat einen kleinen Heizlüfter in ihrem Wohnzimmer. Sie will ihn aufgrund der befürchteten Stromrechnung nicht ständig laufen lassen.

Bernd Bussler mit einem kleinen Heizlüfter und seinem Boxer.
Bernd Bussler mit einem kleinen Heizlüfter und seinem Boxer. © Fischer-Bolz, Susanne

„Es ist so unfair“, findet die Mieterin. Und ihr Vermieter? Auch auf weitere Anfragen der Redaktion reagiert Edwin Nieuwenhout nicht. „Wir müssten einen Bus mieten und alle zusammen nach Gronau fahren und beim ihm duschen. Und er soll eine Woche bei uns ausharren“, findet Sandra Mundry. So sieht es auch Bernd Bussler, der ebenso verzweifelt ist. „Ich möchte gern in Nachrodt bleiben“, erzählt er – „schon wegen meiner Mutter.“ Auch er hat einen kleinen Heizlüfter, den er im Notfall einschaltet. Zu den Mietparteien im Haus gehören viele Kleinkinder. Da kann man die Wohnung nicht komplett auskühlen lassen.

„Wir hoffen, er geht in den Knast“

Zum untergetauchten Vermieter Edwin Nieuwenhout haben alle Bewohner der Kampstraße 8 eine sehr deutliche Meinung: „Wir hoffen, er geht in den Knast.“ Rechtlich hat sich tatsächlich noch nicht viel getan. Rechtsanwalt Armin Speckmann konnte eine einstweiligen Verfügung beim Amtsgericht Altena erwirken und hat nun beantragt, dem Vermieter ein tägliches Ordnungsgeld aufzuerlegen, bis die Gasversorgung wieder hergestellt ist. „Bevor das Gericht aber dazu entscheidet, hat sie der Gegenseite die Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben“, so der Rechtsanwalt. Er geht allerdings nicht davon aus, dass sich der Vermieter äußern wird.

Keine Hilfe

Und jetzt? Praktische Hilfe ist unterdessen kaum zu erwarten. Das Gas bleibt abgedreht. Die Stadtwerke Iserlohn können die Karte der Barmherzigkeit nicht ausspielen. „Wenn wir Barmherzigkeit walten lassen würden, was wir wirklich gerne tun würden, dann würde man dieses Geld, was wir dann ausgeben, auf alle anderen Kunden umlegen müssen. Fängt man mit einem Immobilieninvestor an, der sich hier gerade einen schlanken Fuß macht, dann werden andere folgen“, sagt Peter Grabowsky, Leiter des Vertriebs bei den Stadtwerken. Er ergänzt: „Wir sind kein Privatunternehmen, das irgendwelche Aktionäre befriedigt, wir gehören der Bevölkerung. Und der würden wir in die Tasche greifen. Gerade, wenn es um Babys und Kinder geht, dann haben wir einen Standard-Prozess. Wir schalten das Ordnungsamt und das Jugendamt ein. Sie gucken nach Ersatzwohnungen, sodass dann die Mieter ausziehen können und auf gar keinen Fall im Kalten sitzen müssen.“

Es gibt keine Wohnungen mehr

Das Problem: Es gibt keine Ersatzwohnungen in Nachrodt. Rechtsanwalt Armin Speckmann könnte versuchen, einige im Nachrodter Feld unterzubringen. „Aber dann kommen sie ja vom Regen in die Traufe“, sagt er. Das Ordnungsamt in Person von Sebastian Putz hofft darauf, dass sich die Mieter der Kampstraße auch selber bemühen, neue Wohnungen zu finden.

„Es ist menschlich eine Katastrophe“

„Das Einzige, was ich machen kann, ist den Wohnraum für unbewohnbar zu erklären“, sagt der Ordnungsamtsleiter. Dann hätten die Mieter das Recht, auch Hotelzimmer zu nehmen und diese dem Vermieter in Rechnung zu stellen. „Denn Wohnraum haben wir nicht mehr. Wir haben noch eine Wohnung als Obdachlosenunterkunft für zwei Personen. Die Hagener 114/116 existiert nicht mehr, die Hagener Straße 150 existiert nicht mehr. In Nachrodt-Wiblingwerde habe ich keinen Wohnraum, den ich zur Verfügung stellen könnte“, erklärt Sebastian Putz bedauernd und sagt:. „Wir verstehen die Not, wir verstehen die Angst und es ist menschlich eine absolute Katastrophe. Aber mehr, als den Wohnraum für unbewohnbar zu erklären, kann ich nicht tun. Und ob ich damit den Menschen helfe, glaube ich tatsächlich nicht.“

Auch interessant

Kommentare