Böhland: Abschied nach 38 Jahren

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Monika (links) und Rudi Böhland mit Tochter Nicole und Anja Pingel (rechts).

Nachrodt-Wiblingwerde -  Die Metzgerei Böhland schließt. Nach 38 Jahren verabschieden sich Rudi und Monika Böhland in den Ruhestand. Am 29. Juni ist der allerletzte Öffnungstag. „Wir möchten uns bei allen Kunden bedanken“, sagt der 66-jährige Metzger-Meister. Einen Nachfolger gibt es nicht – außer, es passiert noch ein kleines Wunder. Der Abschied fällt allen Beteiligten schwer. Und auch Rudi Böhland meint: „Das wird ein bisschen komisch.“

Freude an der Arbeit lässt das Werk trefflich geraten – sagt ein altes Sprichwort, das zu Rudi und Monika Böhland so hervorragend passt. Seit 38 Jahren sind die beiden immer ab 4 Uhr morgens im Geschäft an der Altenaer Straße 6. Gegen 19 Uhr ist Feierabend. Lange Tage für das Paar, das von Tochter Nicole und Verkäuferin Anja Pingel unterstützt wird. 95 Prozent seiner Waren stellt der Metzger selbst her. Das wissen die Kunden. Das schätzen sie. „Morgens wird nicht viel geredet“, schmunzelt Rudi Böhland, der 1974 seine Meisterprüfung gemacht hat. Heute, 45 Jahre später, geht ein erfülltes Berufsleben zu Ende. „Ich würde den Beruf immer wieder wählen“, sagt der 66-Jährige und fügt schmunzelnd hinzu: „Auch, wenn man damit nicht reich werden kann.“

„Die Arbeit wird nicht leichter“

 Tatsächlich hat er in all den Jahren nicht einmal krank gefeiert. „Toi, toi, toi“, lacht Rudi Böhland. Nur einmal hatte er sich ordentlich in den Finger geschnitten. Ans Aufhören dachte der Metzger übrigens eigentlich nie. „Aber die Arbeit wird nicht leichter. Und so haben wir im vergangenen Jahr das erste Mal über den Ruhestand gesprochen.“ Am liebsten wäre ihm, wenn er einen Nachfolger finden könnte, den er zwei Mal die Woche gern unterstützen würde. „Aber das will ja heute keiner mehr machen“, sieht der Metzger weit und breit niemanden, der ihn „beerben will“.

Mit diesem Gerät werden die Schweinehälften bearbeitet.

Die Metzgerei-„Landschaft“ hat sich in Deutschland allerorts verändert. Als Monika und Rudi Böhland ihr Geschäft in Nachrodt eröffneten, gab es noch vier Metzgereien in der Gemeinde. Jetzt schließt die letzte. Die Zahl der Fleischerbetriebe in Nordrhein-Westfalen ist laut Handwerkskammer Düsseldorf zwischen 1967 und 2016 von ehemals 9893 Betrieben auf 1829 Betriebe geschrumpft. Die Einkaufsgewohnheiten haben sich verändert. Und die Supermarkt-Konkurrenz macht den Betrieben zu schaffen.

Sortiment erweitert

 „Die Leute müssen ja auch rechnen“, ist Rudi Böhland ganz realistisch. Er setzt dagegen mit Qualität und mit dem Herz am Puls der Zeit. Rudi und Monika Böhland haben sich all die Jahre den aktuellen Gegebenheiten angepasst, haben investiert, den Laden umgebaut, das Sortiment auch beispielsweise um Erbsensuppen und Linsensuppen erweitert. „Früher wurde viel mehr selbst gekocht. Das hat sich schon verändert.“ Wer sich nicht mehr an den Herd stellen möchte, bekommt auch etwas frisches Fertiges: Frikadellen sind heiß begehrt, aber auch der Leberkäse. Von der Fleischwurst, für die viele Kunden extra kommen, ganz zu schweigen. Bis vor 20 Jahren hatte Rudi Böhland auch ein eigenes Schlachthaus. „Aber dann wurden die Auflagen dafür zu groß“, erzählt er. Dass sein Fleisch aus der Region kommt („nicht weiter als 50 Kilometer“) versteht sich für ihn von selbst. Und die Kunden freut es. Die Vielfältigkeit ist es, die Rudi Böhland so sehr an seinem Beruf liebt. Und leid geworden ist er weder seinen Beruf noch das Fleisch selbst. „Ich esse alles“, lacht Rudi Böhland. Seine Monika liebt indes eindeutig Rouladen mit durchwachsenem Speck besonders gern.

 "Ein bisschen Bammel haben wir doch davor"

 Jetzt naht also der verdiente Ruhestand. Darauf freut sich das Paar, und lässt alles auf sich zukommen. „Ein bisschen Bammel haben wir doch davor“, gibt Rudi Böhland zu. „Vielleicht kann ich meine Frau fürs Fahrradfahren begeistern.“ Außerdem macht das Paar gern Urlaub an der Nordsee. Zeit für viele Hobbys hat es bisher nie gegeben. Das darf sich nun ändern.

Was passiert mit den Maschinen?

Wenn das Geschäft geschlossen ist, geht es aber erst einmal ans Ausräumen. Rudi und Monika Böhland wohnen in Altena – ein zweiter Hausstand ist aber durchaus auch in Nachrodt. Der Pachtvertrag läuft aus. Was aus den vielen Fleischerei-Maschinen wird, steht noch in den Sternen. „Hoffentlich muss das alles nicht verschrottet werden“, sieht Rudi Böhland Teile seines Lebenswerkes verschwinden. Noch möchte er die Hoffnung nicht aufgeben, dass vielleicht jemand in Nachrodt einsteigt, dort eventuell eine Filiale eröffnet. Die Lage jedenfalls an der B236 ist genial.

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