Wirkungslosigkeit und tödliche Vergiftung

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Privatdozent Dr. Christian Schulze zeigt anhand eines Buches, wie das medizinische Wissen im Mittelalter vermittelt worden ist.

Nachrodt-Wiblingwerde - Dass die wohl „größte Medizingestalt des Mittelalters“, gemeint ist Hildegard von Bingen, über die Heilkraft des Dinkels schrieb und hierfür Berühmtheit erlangt hat, dürfte bekannt sein. Doch genauso selbstverständlich fabulierte die Ordensschwester in ihren Abhandlungen auch völlig ironiefrei über Einhörner und wie sie am besten zu fangen seien.

Diese und andere „Anekdoten“ verpackte Dr. Christian Schulze in einen äußerst interessanten Vortrag, zu dem der Heimat- und Verkehrsverein der Gemeinde am Montagabend in die Heimatstube eingeladen hatte. Unter dem Motto „In einer Welt ohne Narkose und Aspirin: Medizin vor 1000 Jahren“ schlug Schulze, der als Privatdozent an der Ruhr-Universität in Bochum lehrt, einen Bogen von der Antike (ca. 500 n.Chr.) bis zum Beginn der Neuzeit (1500 n. Chr.).

Während die Medizin der Antike noch das Gleichgewicht zwischen Diätetik, also einer Art Ernährungslehre, Pharmazie und Chirurgie suchte, verengte sich die Medizin des Mittelalters aus religiösen Gründen vor allem auf die Lehre der Heilkräuter.

Stichwort Narkose: Auch im Mittelalter versuchten sich die Ärzte an Operationen, öffneten Schädel oder führten einen sogenannten „Starstich“ durch. Allerdings geschah dies ohne jegliche Betäubung. „Die Dosierung schmerzstillender Medikamente war immer auch eine Gratwanderung zwischen Wirkungslosigkeit und tödlicher Vergiftung“, so Medizinhistoriker Schulze. Hinzu kamen eine mangelnde Hygiene und die noch nicht bekannten Gefahren durch Bakterien, die durch „schmutziges Besteck“ hervorgerufen wurden. Das Wissen, durch handschriftliche Aufzeichnungen weitergegeben, war darauf begrenzt, was das Auge sehen konnte.

Lupe oder Mikroskop standen nicht zur Verfügung. „Aus diesem Grund dürfen wir unsere modernen Maßstäbe nicht auf die Medizin des Mittelalters übertragen und etwas voraussetzen, was nicht denkbar war“, so Schulze. In diesem Sinne wurde auch über Jahrtausende die Leber als das blutbildende Organ angesehen, ohne das dies jemals hinterfragt worden sei. Stattdessen sei das Gleichgewicht aus Blut, Schleim, gelber und schwarzer Galle und damit die richtige Mischung der Säfte das Maß aller Dinge gewesen. Mit dieser Denkweise räumte Paracelsus dann „relativ radikal“ an der Schwelle zur Neuzeit auf.

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