Froh gelaunt in den Tod

Marlies Boshe-Plois hat in der Vers- und Geschichtensammlung ihrer Schwiegermutter geblättert und nachgelesen, wie sie über den Großen Krieg gedacht hat. - Fotos: Bröer

NACHRODT-WIBLINGWERDE - In diesem Sommer jährt sich der Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, den der amerikanische Historiker George F. Kennan als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat, zum 100. Mal. Grund genug also, einmal in alten, am besten noch im Original erhaltenen Schriftstücken zu stöbern. Das tat auch Marlies Boshe-Plois aus Brenscheid. Und sie wurde fündig.

Marlies Boshe-Plois fand die schon recht „angestaubte“ Kopie eines Feldpostbriefes, den ihr Großvater Anton Tuschen schrieb. Das Original des Briefes befindet sich in Familienbesitz. Tuschen war Kriegsteilnehmer und wurde am 8. März 1873 in einem Vorort von Marsberg im Hochsauerland geboren. Er erlernte den Beruf des Schäfers den er bis zum Einzug an die Front auch ausübte. Der Inhalt seines Briefes lässt unzweifelhaft erkennen, dass er – wie fast alle anderen Kriegsteilnehmer auch - stolz darauf war, in den Krieg ziehen zu dürfen.

„Lass ich in diesem Kampf mein Leben, nehmt dieses Wort als tröstlich’ Rat, freudig hab’ ich es gegeben, für Euch und für Deutschland“. Die Euphorie, die sich in diesem Zitat ausdrückt, war charakteristisch für die damalige Zeit. Für den „Friedensstifter“ und „obersten Kriegsherrn“, den Kaiser, zog man in die Schlacht, ungeachtet der Gefährdung des Lebens und der Gesundheit. Doch ob die Soldaten letztlich wirklich so stolz für das Vaterland starben?

Anton Tuschen schrieb seinen Brief am 6. Dezember 1914 in Frankreich, im Schützengraben, wie sich aus den Zeilen ergibt. Der Dreck dort sei unvorstellbar gewesen. Doch trotz erlittener Verletzungen zog es Tuschen auch noch an die russische Front. Dort jedoch fiel er am 1. Februar 1915. In seiner Heimatstadt Marsberg wurde in späteren Zeiten ein Denkmal errichtet, welches an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges erinnern sollte. Nur Tuschens Name fehlte, und er fehlt bis heute. Seine Familie, der diese Tatsache sehr suspekt vorkam, forschte nach und kam dabei zu einem Ergebnis, welches – gelinde ausgedrückt - Entsetzen auslöste: Marsberg war zu Beginn des 20. Jahrhunderts erzkatholisch. Tuschen aber heiratete vor Kriegsbeginn eine Protestantin. Aus diesem Grunde wurde ihm die Ehre verwehrt, unter den örtlichen Kriegsteilnehmern namentlich genannt zu werden.

Ein weiteres Originalexponat liegt Marlies Boshe-Plois vor. Es handelt sich dabei um eine Art Vers- und Geschichtensammlung, die ihre Schwiegermutter Christine Bischoff verfasst hat. 1897 geboren, arbeitete sie ab 1916 in der Textilfabrik der Gebrüder Laurenz im münsterländischen Ochtrup. Dieses Unternehmen unterhielt für ledige Arbeiterinnen ein Hospiz, in dem auch Christine Bischoff wohnte. Dort verfasste sie dann in ihrer freien Zeit Gedichte und Geschichten. Sie drehten sich größtenteils um den „Großen Krieg“, wie der dahin umfassendste Krieg der Geschichte damals genannt wurde. Auch aus diesen Zeilen ergibt sich eine Verherrlichung der damaligen Kriegsjahre. So steht dort sinngemäß geschrieben, dass die Frau sich um „Herd und Hof“ zu kümmern habe, während der Ehemann in ehrenwertem Einsatz für Familie und Vaterland an der Front kämpfte – und möglicherweise auch sein Leben ließ.

Ein weiteres Originalschriftstück befindet sich in Händen von Marlies Boshe-Plois, nur weiß niemand mehr, wie es dort hingekommen sein sollte. Der Verfasser der Zeilen jedenfalls ist der Familie Boshe-Plois völlig unbekannt. Aus der Unterschrift, die nur noch zum Teil lesbar ist, könnte man den Namen „Rudolf Besler“ entziffern. Er berichtet in seinem Brief von seinen Erlebnisse an der Front. Ein schwerer Schuss habe ihn getroffen. Aber das werde er „mannhaft tragen“, denn jeder müsse sein Scherflein zum Sieg des Vaterlandes beitragen und man gehe mit Freude in den Kampf gegen den Feind.

„Das alles war ganz schlimm“, resümiert Marlies Boshe-Plois 100 Jahre nach der militärischen Auseinandersetzung unter 40 Staaten, bei der 70 Millionen Menschen unter Waffen standen. Schlimm sei vor allem gewesen, dass die damaligen Kriegsteilnehmer nicht nur mit Freude an die Front gezogen seien. Sie hätten es sogar als Ehre und mit großem Stolz hingenommen, in den Kriegsjahren für das Vaterland zu fallen. Davon zeugen heute noch die unzähligen Mahnmale, die an die Gefallenen erinnern. „Sie haben ihre Ruhe verdient, denn sie ließen möglicherweise auch durch eine falsch verstandene Ehre ihr Leben - nicht nur für ihr Vaterland, auch für ihre Familien“, sinniert Marlies Boshe-Plois. Und das solle auch nach 100 Jahren noch respektiert werden. - Hartwig Bröer

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