Strom aus der Windkugel

Um seine Erfindung zu testen und weiter zu entwickeln, hat Marko Mittelbach für einen Tag sogar einen Windkanal an der Uni Stuttgart gemietet. Jetzt ist der 36-jährige Veserder mit dem Ergebnis zufrieden.

NACHRODT-WIBLINGWERDE - Eine fünfstellige Summe hat Marko Mittelbach sprichwörtlich in den Wind gesetzt. Der 36-jährige Techniker aus Veserde hat mit viel Ausdauer und Einsatz eine innovative Windkraftanlage entwickelt, die sich demnächst nicht nur auf seinem eigenen Haus drehen soll.

Die Idee, eine Art Windrad zu entwickeln, das auf dem Dach eines Einfamilienhauses errichtet werden kann, um die Bewohner mit selbst produziertem Strom zu versorgen, kam Mittelbach vor gut drei Jahren. Und sie ließ ihn nicht wieder los. Von Anfang an, hatte der gelernte Werkzeugmacher und Werkzeugkonstrukteur das Ziel, dieses Projekt möglichst professionell anzugehen. Auch deshalb gründete er das Einzelunternehmen „Mittelbach Windenergie“. Der Veserder wusste, dass er für sein Vorhaben professionelle Unterstützung benötigen würde und „wollte nicht als Hobbybastler auftreten“.

Trotzdem tüftelte Mittelbach zunächst mit Material aus dem Baumarkt, nachdem er seine Windkraftanlage am Computer konstruiert und den Betrieb simuliert hatte. Aus fünf Rotorblättern sollte eine Art aufgeschnittene Kugel entstehen, die sich im Wind drehen und damit einen Generator antreiben sollte, der schließlich den Strom erzeugt. Die Verwirklichung dieser Idee nahm mit der Zeit immer professionellere Züge an. Mit CNC-unterstützten Maschinen fertigte Mittelbach zunächst die Formen für die Rotorblätter, die er aus glasfaserverstärktem Kunststoff anfertigte. „Am ersten Rotorblatt habe ich monatelang geschliffen, auch nachts im Keller, während meine Frau schlief“, erinnert sich der 36-Jährige, dass er sein Projekt anfangs noch beinahe heimlich vorangetrieben hat. „Ich habe kaum jemandem etwas davon erzählt, denn ich wollte unabhängig bleiben, mich in meinen Ideen nicht von anderen beeinflussen lassen“, sagt er. Denn die Idee, eine Windkraftanlage nach dem Widerstandsprinzip zu bauen, war und ist in der Fachwelt nicht besonders populär. Große wie kleine Windräder arbeiten nach dem Auftriebsprinzip, das aber für Mittelbach nicht infrage kam, weil diese Anlagen relativ viel Lärm verursachen.

Mittelbachs Ziel war es, einen möglichst leichten Rotor von gleichzeitig hoher Festigkeit zu bauen. „Das wäre natürlich mit Kohlenstofffasern möglich gewesen, hätte aber ein Vielfaches gekostet“, erzählt er. Irgendwann hatte der Tüftler das richtige Verfahren für die Herstellung der Rotorblätter gefunden: Er fertigte zwei Hälften aus mehreren Lagen Gewebe und Kunstharz-Härter-Gemisch an, die er dann mit Polyurethan-Hartschaum ausfüllte. Was sich einfach anhört, war nach Mittelbachs Darstellung Präzisionsarbeit, die dazu noch in Sekundenschnelle erledigt werden musste.

Als der Rotor schließlich fertig war, ging es an die Optimierung. Für einen Tag mietete Mittelbach an der Uni Stuttgart einen Windkanal, um den optimalen Einsatz der Anlage bei verschiedenen Windgeschwindigkeiten zu testen. Mit den dabei ermittelten Rotorkennwerten machte er sich auf die Suche nach einem geeigneten Generator. Doch der Markt gab kein Modell her, das den Anforderungen genügte. „Nach langer Suche habe ich dann einen Hersteller gefunden, der mir einen passenen Generator gebaut hat“, berichtet Mittelbach. Immerhin konnte er auf einen handelsüblichen Wechselrichter zurückgreifen, der den erzeugten Gleichstrom in Wechselstrom umwandelt.

Ein größeres Hindernis auf dem Weg zur Genehmigung der etwa 60 Kilogramm schweren Anlage stellte noch der Nachweis dar, dass der Rotor nicht zu viel Lärm verursacht. Mittelbach musste das Verfahren zur Messung der Geräuschimmission zunächst selbst entwickeln, um schließlich nachweisen zu können: „Man hört nichts!“ Der im Durchmesser einen Meter große Rotor verhält sich im Wind wie eine Kugel. Wenn er läuft und Strom produziert, hört man daneben sogar die Vögel zwitschern.

Nach 2000 Arbeitsstunden will Mittelbach den Prototyp der Anlage noch im Oktober auf seinem eigenen Haus an der Hohenlimburger Straße installieren. „Jetzt muss sich die Anlage im rauen Leben beweisen“, ist er gespannt und erhofft sich einen Jahresertrag von 2000 Kilowattstunden Strom.

Ob seine Erfindung anschließend auch in die Serienfertigung gehen kann, steht noch in den Sternen. Zwar liegen dem Tüftler bereits drei Anfragen vor, aber zunächst möchte er seine Erfindung selbst ausgiebig testen. Doch sicherheitshalber hat sich Mittelbach das Design seiner Rotorkugel europaweit patentieren lassen. Und eine ungefähre Vorstellung davon, was Käufer auf den Tisch legen müssten, hat er auch schon. Die Summe liegt im höheren vierstelligen Bereich. „Nach zehn bis zwölf Jahren sollte sich die Anlage aber amortisiert haben“, glaubt Mittelbach. Schnelles Geld lässt sich damit also nicht verdienen. „Das ist, wie bei der Fotovoltaik vor 20 Jahren, interessant für Pioniere“, denkt der Erfinder der „Windkugel“ in größeren Zeitdimensionen. - Volker Griese

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