Große Bürde für Kinderbeteuer

Lockerungen gehen zu weit: Vorgaben für Tagesmutter und Kita kaum umsetzbar

+
Tagesmutter Kirsten Steinecke kann derzeit nicht alle Kinder gemeinsam betreuen. Sie möchte sich immer nur um jeweils ein Kind kümmern.

Nachrodt-Wiblingwerde - Sie würde liebend gern wieder ganz normal arbeiten, Kinder betreuen, sie gemeinsam spielen und lachen sehen. „Aber tatsächlich habe ich den schwarzen Peter. Ich muss mich vor den Eltern rechtfertigen“, sagt Tagesmutter Kirsten Steinecke. Tagespflege für Kinder ab zwei Jahren ist zwar ab dem heutigen Donnerstag wieder erlaubt. Aber nur, wenn es wirklich nötig ist.

Die umfangreichen Informationen, die Kirsten Steinecke vom Jugendamt bekommen hat, machen für sie auch deutlich, dass „die Eltern weiterhin schauen sollen, die Arbeitszeiten mit dem Partner so zu legen, dass die Kinder zu Hause betreut werden können“. 

Es sei noch lange nicht alles gut. „Mir persönlich gehen die Lockerungen zu weit. Ich betreue die Kinder nur einzeln“, hat Kirsten Steinecke entschieden. Zwei von den vier Kindern, um die sich die Wiblingwerderin kümmert, kommen jetzt getrennt jeweils an zwei Tagen in der Woche. Beide sind zwei Jahre alt. Ihre alleinerziehenden Mütter arbeiten in systemrelevanten Berufen. „Ich habe eng mit den Müttern abgesprochen, was möglich ist.“ Für die Tagesmutter ist es wichtig, die Verantwortung tragen zu können

Die Situation empfindet Kirsten Steinecke als chaotisch. Alle Verantwortlichen würden ständig neue Informationen bekommen. „Alle machen super Jobs in dieser Zeit und sind sicher froh, wenn die Tagesmütter wieder ihre Arbeit aufnehmen“, sagt Kirsten Steinecke, die noch auf Rückmeldung vom Jugendamt wartet, um ihr Vorgehen abzusprechen. Die Vermeidung der engen Kontakte soll im Vordergrund stehen. „Und nach jeder Betreuung desinfiziere ich alles, was der Zwerg angefasst hat.“

Die Kinder einzeln zu betreuen ist in den Kitas nicht möglich. Dort kämpft man mit den Vorschriften an allen Ecken und Enden. Ab heute gibt es grünes Licht für Kitakinder, die im letzten Jahr vor ihrer Einschulung noch besonderen oder sprachlichen Förderbedarf haben. Auch Vorschulkinder aus 

Hartz-IV-Familien können dann wieder in die Kitas kommen. Alle Kinder mit Behinderungen sind ebenfalls wieder zugelassen.

In der Awo-Kita an der Geschwister-Scholl-Straße sind 18 Mädchen und Jungen bislang in der Notbetreuung. Jetzt kommen fünf weitere mit besonderem Förderbedarf hinzu. Und am 28. Mai werden weitere 13 Vorschulkinder in der Einrichtung begrüßt. Wie das unter Einhaltung der Hygienevorschriften zu stemmen sein wird, bereitet den Verantwortlichen Kopfzerbrechen

„Im Moment haben wir vier Gruppen. Ich versuche sie so klein wie möglich zu halten“, sagt Leiterin Katrin Bormann. Die Eltern dürfen die Kita nicht betreten. Jede Gruppe hat einen eigenen Eingang. „Da haben wir glücklicherweise viele Möglichkeiten.“ In der Einrichtung gibt es Stoppschilder und Pfeile zur Orientierung. Es darf immer nur eine Person in den Waschraum. „Teilweise haben wir Flatterband, um zu verdeutlichen, wo man gar nicht hindarf“, erzählt Katrin Bormann. Die Kinder würden ganz gut damit  zurechtkommen. „Es ist alles anders, und vielen fällt der Anfang schwer“, so die Leiterin. Die Erzieherinnen tragen keinen Mundschutz, sondern Visiere, damit die Gesichter und die Mimik für die Kinder zu erkennen sind.

Wenn am heutigen Donnerstag die nächsten Kinder kommen, wird die Organisation immer schwieriger. „Meine Arbeit besteht darin permanent zu planen. Von heute auf morgen kann wieder alles anders sein. Wir holen die Leute langsam, aber sicher aus dem Homeoffice, haben aber auch welche mit Vorerkrankungen. Es darf eigentlich keiner krank werden. Es ist auf Messers Schneide“, gibt Bormann zu.

Die Lockerungen kommen auch nach Ansicht von Katrin Bormann zu früh. „Auf der einen Seite bekommt man eine Liste von Vorschriften, die alle eingehalten werden sollen, auf der anderen Seite schickt man immer mehr Kinder in die Kita. Wir versuchen das Bestmögliche. Aber die Hälfte der Vorschriften kann man streichen, weil sie nicht umsetzbar sind. Die Kinder sind einfach zu jung“, sagt Katrin Bormann, die es auch persönlich als Mutter merkwürdig findet, dass ihre beiden Mädchen als Vorschulkinder die Kita ab dem 28. Mai wieder ganz normal besuchen dürfen, während ihr Sohn in der ersten Klasse einmal in der Woche zwei Stunden Schule hat. „Je älter die Kinder sind, desto besser kann man es doch machen. Was man den Kindergärten aufbürdet, ist schon heftig.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare