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Lennehalle wird abgerissen: Nach Kyrill fahrlässig gehandelt?

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Von: Susanne Fischer-Bolz

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Der Abriss ist beschlossene Sache. Die Entscheidung im Rat nur noch Formsache.
Der Abriss ist beschlossene Sache. Die Entscheidung im Rat nur noch Formsache. © Fischer-Bolz, Susanne

Beschlossen und verkündet: Die Lennehalle wird abgerissen, die traditionsreiche Sport- und Veranstaltungshalle am Holensiepen dem Erdboden gleich gemacht. Doch wer hat das Problem verschuldet? Und kann man denjenigen haftbar machen?

Nachrodt-Wiblingwerde – Nachdem der Sportausschuss seine Zustimmung gegeben hatte, nickte auch der Bauausschuss am Dienstagabend das Vorhaben ab. Die Entscheidung des Rates ist damit nur noch Formsache. Allerdings: Im Bauausschuss kam – endlich – das zur Sprache, was alle wissen wollten: Wurde nach Orkan Kyrill, der im Januar 2007 über das Sauerland hinweg zog, beim Aufbau des neuen Daches grob fahrlässig gehandelt? „Kann man noch an denjenigen ran, der das damals offenbar nicht richtig gemacht hat? Oder sind die Schäden nicht so, dass man jemandem etwas vorwerfen kann“, fragte Sonja Hammerschmidt (UWG). Sie bezeichnete die Lennehalle als Herzstück der Gemeinde, ohne die sich viele ein Leben in Nachrodt nicht vorstellen könnten.

„Das können nur Juristen klären“

„Das kann eigentlich nur von Juristen geklärt werden“, meinte Architekt Andreas Kisker, der den Bau des neuen Feuerwehrgerätehaus plant. Offenbar ein heißes Eisen – auch für Ingenieur Holger Selve und Rainer Hempel vom Ingenieurbüro für Tragwerksplanung und Baukonstruktion Schriever und Partner. Im Gespräch mit dem AK drückte es Selve so aus: „Nachdem bei Kyrill das Dach weggeflogen war, hatte man einen Schaden, der offenbar versicherungstechnisch nicht dazu berechtigte, nach dem Motto ,aus alt macht neu’ zu handeln. Es musste im Rahmen dessen, was beschädigt worden war, aufgebaut werden. Ich bekomme also das, was ich hatte. Es hatte keiner schlecht gefunden, was man hatte. Das finden nur wir heute schlecht.“ Der fraktionslose Ratsherr Matthias Lohmann versuchte in der Sitzung zu besänftigen: „Es wurden vom Sachverständigen damals keine Mängel verdeckt, sondern nicht entdeckt. Das ist ein riesiger Unterschied.“

Lennehalle als „Beweisstück“

Und nun? Ein juristisches Gutachten einzufordern, würde Jahre dauern. Und so lange würde die Lennehalle als Beweisstück stehen bleiben. Eine Zeitverzögerung, die man sich schon allein aufgrund des notwendigen Neubaus des Feuerwehrgerätehauses nicht leisten kann, wie Tanja Edelhoff (CDU) zu bedenken gab. So bleibt, so sehen es alle, nur der Abriss der Lennehalle, die übrigens mit einem großen Festprogramm einst im Juni 1977 eingeweiht wurde – mit Autogrammstunden von Olympiasiegern und Weltrekordlern.

Erst kommt das Feuerwehrgerätehaus

Theoretisch, so erklärte Ingenieur Holger Selve, sei es kein Problem, schnell eine neue Lennehalle zu bauen. Die CDU hatte im Sportausschuss eine Zeitschiene angefragt, um die Sportler nicht Ewigkeiten warten zu lassen. Doch zunächst wird das neue Feuerwehrgerätehaus am jetzigen Standort der Lennehalle gebaut. Dieses Thema ging überraschenderweise im Bauausschuss ohne besondere Diskussionen über die Bühne. Ein Jahr Bauzeit ist realistisch.

Sonja Hammerschmidt (UWG, vorn, Zweite von rechts) fragte das, was alle wissen wollten: Kann man diejenigen, die nach Kyrill an der Lennehalle fahrlässig gehandelt haben, zur Rechenschaft ziehen?
Sonja Hammerschmidt (UWG, vorn, Zweite von rechts) fragte das, was alle wissen wollten: Kann man diejenigen, die nach Kyrill an der Lennehalle fahrlässig gehandelt haben, zur Rechenschaft ziehen? © Fischer-Bolz, Susanne

Die neue Lennehalle könnte in der Zeit, in der die Feuerwehr gebaut wird, bereits geplant werden. Und alle Teile könnten vorgefertigt werden. „Das lässt sich parallel machen. Die Rohbauzeit würde dann vielleicht nur drei Wochen dauern“, so Holger Selve. Es sei eine Frage des Konzepts und der Größe. Bei den Ausbauarbeiten müsse man etwa mit drei, vier Monaten rechnen. Obwohl eigentlich noch nicht Thema, wollten die Bauausschussmitglieder sehr wohl wissen, wie die neue Lennehalle denn aussehen könnte. Platz ist nämlich nur für eine Zweifach-Sporthalle, zwei Drittel der jetzigen Größe, allerdings mit ausreichend Platz für alle Sportarten und auch für Veranstaltungen geeignet. Größe und Ausstattung der neuen Lennehalle werden irgendwann auf der Tagesordnung stehen.

Ronny Sachse sorgt sich um Förderung

Ronny Sachse (SPD) sorgt sich unterdessen um die Förderung für den Sozialtrakt der Lennehalle. Immerhin geht es um 1 365 750 Euro. Genehmigt vom Bund für den Anbau an die alte Lennehalle, gibt es offenbar die Zusage, das Geld auch für denselben Zweck beim Neubau einsetzen zu können. „Die Mittel müssen aber bis zum 31. Dezember 2024 verbaut sein. Wenn wir jetzt eineinhalb Jahre für die Feuerwache einplanen, müssten wir innerhalb von sechs Monaten die neue Lennehalle fertig gebaut haben. Das ist doch nicht zu schaffen“, so Sachse. Bauamtsleiterin Natascha Handschak ist mit dem Projektträger im Gespräch und hat die Zusage per E-Mail vorliegen, dass bei einem verzögerten Bau eine Verlängerung von ein bis zwei Jahren möglich ist.

Die Titelseite zum Festprogramm für die Einweihung der Lennehalle 1977. Eine Woche wurde gefeiert.
Die Titelseite zum Festprogramm für die Einweihung der Lennehalle 1977. Eine Woche wurde gefeiert. © Privat

Die Lennehalle. Noch steht sie. Und kann erst einmal weiter genutzt werden. Als festgestellt wurde, dass ein Verband in der Halle fehlte, wurde die Halle gesperrt und nachgerüstet. Doch bei starkem Schnee und starkem Sturm muss wegen allgemeiner Überbelastung der Halle auch zukünftig sofort reagiert werden, wie Statiker Rainer Hempel erklärte. „Wir müssen das aber nicht bei der leisesten Schneeflocke tun.“ Richtwerte sind zum Beispiel die Unwetterwarnungen des Wetterdienstes, man müsse aber auch aus der Situation heraus reagieren. Es gibt zudem ein sehr praxisnahes System, wie Holger Selve erzählte. Die Hausmeister haben eine Form, die exakt einen halben Quadratmeter darstellt. Die wird nah ans Gebäude gestellt – nicht aufs Dach, sondern auf den Boden. Und wenn es Schnee gibt, wird das Gewicht mithilfe einer Tüte gemessen.

Reine Sicherheitssperrung

Es gibt leichten Schnee, wie Griesel oder Matsch. Die Schneehöhe selbst sei kein Maßstab für das Gewicht. „Das Gewicht mal vier in der Tüte ist das Gewicht pro Quadratmeter“, so Holger Selve. Grenzwerte für die Lennehalle: 85 Kilo. Bei Orkan wird natürlich auch gesperrt. Grundsätzlich gilt: Die Vereine können weiter sorglos Sport in der Lennehalle betreiben. Steht eine temporäre Sperrung an, werden sie direkt informiert. „Wenn wir sperren, dann ist es nicht, dass wir existenzielle Ängste hätten, dass die Halle zusammenbricht. Es ist eine reine Sicherheitssperrung, um Menschenschäden auszuschließen“, so Holger Selve.

Grundsteuer muss erhöht werden

Höchst interessant für die Bürger: Wie sollen alle Bauprojekte bezahlt werden? „Ist es uns überhaupt möglich, dies ohne Erhöhung der Grundsteuer zu stemmen?“, fragte Ronny Sachse. „Wir werden unausgeglichene Haushalte einbringen. Ich glaube nicht, dass wir um Grundsteuer-Erhöhungen grundsätzlich herumkommen“, so Bürgermeisterin Birgit Tupat.

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