Wollen die Wiblingwerder den Laden oder wollen sie nicht?

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Arnd, Nathalie und Hiltraut Winkhaus in ihrem kleinen Lebensmittelgeschäft in Wiblingwerde. Sie wollen die Bürger aufrütteln.

Nachrodt-Wiblingwerde -  Sie kommen nur für ein Päckchen Butter, das sie beim Groß-Einkauf vergessen haben. Oder für eine Tüte Milch. Das ist keine Vermutung. Das sagen einige Kunden auch. Und stoßen dem kleinen Laden in Wiblingwerde damit unbewusst und unbedacht „den Dolch“ in den Rücken. „Es wäre doch schade, wenn wir schließen müssten und Wiblingwerde nach und nach ausstirbt“, sagt Nathalie Winkhaus.

 Aufrütteln möchte die Familie. Seit 80 Jahren gibt es das kleine Lebensmittelgeschäft. Aber wie lange noch? Als Wilhelm Winkhaus 1938 das Gemischtwaren-Geschäft im Herzen von Wiblingwerde eröffnete, gab es noch Zucker, Mehl und Öl lose – alles musste verpackt werden. Es gab damals alles, was das Herz begehrte. Inklusive Lieferservice. Ununterbrochen bis heute.

„Früher sind mein Schwiegervater und dann auch mein Mann losgefahren, sind nach Haste, Hahn, Brenscheid, Rennerde und Eilerde, haben dort kleine Bestellbücher abgeholt, in die die Leute ihre Wünsche aufgeschrieben hatten, und haben dann die Einkäufe zusammengestellt und zu den Kunden gebracht“, erzählt Hiltraut Winkhaus, die bei ihrem späteren Schwiegervater eine Ausbildung gemacht hatte.

Volksbank zog in das Wohnzimmer

Sie heiratete 1970 Karl-Heinz Winkhaus. „Wir hatten alles, auch Porzellan und Stickgarn.“ Das Paar übernahm das Geschäft von Opa Wilhelm, das fortan „Lebensmittel Winkhaus“ hieß. Mit der Dorfsanierung 1972 wurde das Geschäft zu klein. Und die Volksbank fragte nach Räumlichkeiten. „Dann ist die Volksbank in unser Wohnzimmer gezogen“, lacht Hiltraut Winkhaus. Und dort, wo jetzt die Bäckerei ist, war bis vor 14 Jahren das Geschäft. Als überall Discounter eröffneten, und Karl-Heinz Winkhaus in Rente ging, stellte sich die Frage nach der Zukunft des kleinen Ladens. Eigentlich sollte im ehemaligen Lager ein Ausverkauf beginnen, doch dann bäumte sich Sohn Arnd auf: Viel zu schade hätte er die Aufgabe des Traditionshauses gefunden. Und Mama Hiltraut war vom Weitermachen sowieso begeistert. Da Arnd als Werkzeugmacher arbeitete, übernahm er zwar das Geschäft, das aber von seiner Mutter und seiner Frau geführt wurde.

Es könnte alles so schön sein

So viel in Kürze zur Geschichte des Familienunternehmens. Und jetzt? Aus dem ehemaligen Lager ist der Laden plus Anbau geworden. Und vor vier Jahren lief das Geschäft recht gut, sodass Arnd Winkhaus sich beruflich veränderte. Er kümmert sich seither um das Geschäft und ist seit dreieinhalb Jahren zudem Betreuer in der Bike-Station in Letmathe, arbeitet in der mobilen Jugendarbeit. Außerdem ist er Jugendtrainer vom deutschen olympischen Sportbund und hat in Wiblingwerde in diesem Jahr auch ein Tattoo-Studio eröffnet. Es könnte alles so schön sein. Denn Hiltraut Winkhaus würde sogar sonntags öffnen, wenn sie dürfte. Sie liebt ihre Arbeit. Arnd und Nathalie haben ihr Herz sowieso am Dorfladen verloren – und auch ihre Kinder sind Feuer und Flamme.

Hiltraut Winkhaus an der Kasse. Sie möchte gern weitermachen.

Zwei Mal in der Woche fährt Arnd zum Großmarkt nach Dortmund, in der Erdbeerzeit auch dreimal. Die Kinder Lasse, Leon und Maximilian fahren in den Ferien auch mitten in der Nacht gerne mit. Staunen kann man über das begehbare Kühlhaus in Wiblingwerde mit herrlichem Obst und Gemüse. „Wir haben auch Flugmangos. Das ist Obst, das mit dem Flugzeug kommt. Das hört sich dekadent an, ist es aber nicht. Das ist frisch geerntete Ware, die drei Tage später dann im Regal ist“, sagt Arnd Winkhaus.

 In seinem Geschäft gibt es alles, was man zum Leben benötigt. Auch Duschgel. Nur nicht 50 verschiedene Duschgels. „Es macht mir Freude, vernünftige Sachen anzubieten“, so Arnd Winkhaus. Nur: Die Dinge müssen auch verkauft werden. Doch 55 Stammkunden, die regelmäßig bei Winkhaus eingekauft haben, sind in den vergangenen 14 Jahren verstorben. Die Kundschaft verstirbt – so könnte man formulieren. Denn die jungen und jüngeren Bürger fahren morgens aus Wiblingwerde heraus, kommen abends wieder und kaufen unterdessen in den Städten ein.

 „Dass in so einem kleinen Laden die Preisgestaltung nicht so sein kann wie bei Edeka beispielsweise, ist klar“, sagt Arnd Winkhaus. Das Hauptproblem sei aber nicht der Preis, sondern der Wunsch, „vorne im Geschäft eine Unterhose, hinten einen Fernseher und dazwischen Lebensmittel kaufen zu können.“

„Ich möchte nicht aufhören“

Die Auswahl, die die Kunden heute erwarten würden, „können wir so nicht bieten“, sagt Arnd Winkhaus. Er setzt auf Markenprodukte. Auch bei der Wurst. „Und darauf, dass die Tiere vernünftig gehalten werden. Und das meiste Obst kommt aus integriertem Anbau. Da ist das Preisniveau aber auch ein bisschen höher.“ Viele ältere Kunden wissen das Angebot zu schätzen. Es ist nicht nur das Einkaufen, es ist auch das Gespräch. Ein freundliches Miteinander. Keine Anonymität. Günstig, günstig, günstig – und eine große Auswahl. Das gibt es nicht im Lebensmittelgeschäft Winkhaus. Doch was angeboten wird, kann sich durchaus sehen lassen.

Lebensmittel von bekannten Herstellern, Getränke, Süßigkeiten. Selbst eine kleine Auswahl an Heimdekoration oder an Blumen fehlt nicht. „Wenn die Leute nicht kommen, dann stehen alle irgendwann dumm da“, sagt Nathalie Winkhaus und möchte die Wiblingwerder aufrütteln. Statt zu sagen, „in Wiblingwerde gibt es nichts“, sollte man wissen, dass es durchaus alles gibt. Das haben die Wiblingwerder spätestens gemerkt, als vor ein paar Jahren aufgrund eines heftigen Schneefalls kein Fortkommen mehr möglich war. Da war Winkhaus fast ausverkauft. „Ich möchte nicht aufhören“, sagt Hiltraut Winkhaus. Mit 68 Jahren denkt sie nicht im Traum daran, ihren Traum aufzugeben. „Wenn hier gar nichts hier mehr ist, wird es für alle schwierig“, findet Nathalie Winkhaus. „Und dann wundern sich die Leute, wenn alles den Bach runtergeht“, ergänzt ihr Mann. Der Franzose fahre mit der Ente vor dem Feinkostrestaurant vor und der Deutsche mit dem Mercedes vor dem Aldi. Das sei der falsche Trend. „Das werde ich nicht ändern können, aber vielleicht kann man mal darüber nachdenken“.

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