Libellen auf der Schulter und 13 Kilo weniger

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Geheimnisvoll und voller Schönheiten: So hat die Wiblingwerderin Larissa Römer China erlebt und fotografiert.

Nachrodt-Wiblingwerde - Wenn ihr jemand jetzt ein Flugticket in die Hand drücken würde, dann wäre sie wohl wieder weg. Weit weg. Denn die sechs Monate in China haben Larissa Römer überwältigt. Obwohl tatsächlich auch mal Gehirn zum Essen serviert wurde. Und obwohl sie die einzige Europäerin – und damit ein „bunter Hund“ auf dem Campus war.

Larissa studierte sechs Monate in Foshan, einer Stadt in der Nähe von Guangzhou in Kanton, knapp 250 Kilometer von Hong Kong. Es ist eine andere Welt. Eine Welt mit vielen Schönheiten. Und einer fremden Kultur. Zurück in Wiblingwerde muss die junge Frau die Eindrücke erst einmal verarbeiten – und auch ein paar Tränchen kullern, wenn sie an den Abschied von ihren neuen Freundinnen Sayue, Gourou und Lizzy denkt.

17 Stunden war Larissa zurück in die Heimat unterwegs – über Helsinki nach Frankfurt. Mitgebracht hat sie nicht nur ein schönes Tattoo, das jetzt die Schulter ziert, sondern auch viele Eindrücke und Erlebnisse. „Was mich wirklich schockiert hat, war das Gehirn in der Auslage. Wenn man Hotpot isst (ein Topf in der Mitte), dann sucht man sich in der Auslage das Essen aus“, erzählt Larissa. „Die verwerten alles.“ Also auch Gehirn. Vom Schwein. Larissa hat es nicht probiert. Die Hühnerfüße aber durchaus. „Die schmecken nicht schlecht. Aber ich mag das Abnagen von Knochen nicht.“

Das Essen in China war die größte Herausforderung für die deutsche Studentin. „Aber es ist sehr viel gesünder. Ich habe 13 Kilo abgenommen.“ Und nicht, weil es ekelig war. „Es wird nichts frittiert und es gibt auch keine Pizza.“ Die Essenstände auf der Straße sollte man nach Möglichkeit umgehen. Also wer einen Urlaub in China plant, dem möchte Larissa sagen: „Wir vertragen das einfach nicht. Am Anfang hatte ich auch wirklich Probleme, besonders mit den Lebensmitteln, die draußen gelagert worden waren.“ Magengrummeln. Ihr war oft schlecht. Später dann aber hat sie alles gegessen.

Die Menschen, so sagt Larissa, sind in China sehr kulturell geprägt. Die jungen Frauen, die mit Larissa studierten, wollen in den nächsten zwei, drei Jahren auf jeden Fall heiraten. Und in spätestens sechs Jahren soll das erste Kind auf die Welt kommen. „Alles ist groß geplant.“ Am Campus: 93 Prozent Männeranteil. An der technischen Uni konnte man die Mädels suchen. „Aber am anderen Campus sah die Verteilung ganz anders aus.“ Frauen wollen durchaus studieren, aber dann auf jeden Fall eine Familie gründen und auch dem Mann gern den Job überlassen.

Larissa spricht jetzt chinesisch, keine Frage. „Es reicht für die Grundlagen. Ich kann mir Zugtickets kaufen, Essen bestellen. Doch mit meinen Professoren habe ich gar nicht geredet. Die haben auch kein Wort Englisch gesprochen.“ 

 Verloren sieht sie das halbe Jahr in China nicht, auch wenn sie manche Klausuren verhauen hat. „Wenn man Beziehungen aufbauen kann, die Sprache kann, die Kultur kennt, dann hat man im Beruf sicher viele Vorteile.“

Sie selbst hat sich durch das halbe Auslandsjahr sehr verändert: „Ich bin selbstständiger geworden. Und ich schaffe es jetzt, mir etwas zu essen zu machen. Das war vorher eher ein kleines Problem“, lacht die junge Frau. Absolutes Lieblingsessen in China von Larissa: gefüllte Teigtaschen mit Lamm oder Gemüse. Auch war sie manchmal ganz allein unterwegs – und zwar nicht um die Ecke. „Ich habe mir Klamotten in den Rucksack geworfen und bin nach Hezhou gefahren, mitten in den Bergen, 700 Kilometer entfernt.“

Einsam hat sie sich nie gefühlt. „China ist das letzte Land, in dem man sich unsicher fühlt. Man wird angesprochen, aber niemals böse.“ Wer aber glaubt, mit Englisch in China weit zu kommen, der irrt. „Viele sprechen kein Englisch. Sie brauchen auch nicht mehr als Chinesisch. Die meisten verlassen das Land nicht. Und wenn, dann in Reisegruppen.“

Larissa wurde übrigens sehr oft für eine Russin gehalten – wobei gar nicht klar ist, warum. „Das fand ich richtig lustig.“ Deutschland gegenüber, so sagt die Wiblingwerderin, sind die Menschen in China sehr positiv eingestellt. Und auch die deutsche Industrie sei stark vertreten. Zudem gebe es im Supermarkt einige Produkte „importet from Germany“ – wie deutsche Zahnbürsten oder Haribo-Süßigkeiten zum Beispiel.

Mit drei Mitbewohnerin hat Larissa in einem Zimmer gelebt. „Ich habe bis auf meine Vorlesungen jede Minute mit ihnen verbracht. Man wird zu einer kleinen Familie. Die ersten zwei Wochen haben wir aber kein Wort miteinander geredet. Ich habe mich nicht getraut, chinesisch zu reden, sie haben sich nicht getraut, englisch zu sprechen. So war es das große Schweigen. Aber dann haben wir uns super verstanden. Und ich war sehr traurig, als wir uns verabschiedet haben. Eine hat nicht tschüss gesagt, sondern bis bald. Und dieses ‘bis bald’ hat mich so zum Weinen gebracht.“

Für die Freundinnen Sayue, Gourou und Lizzy war Larissa durchaus eine ungewöhnliche Frau „Ich war immer überpünktlich. Das ist man in China nicht. Und wenn ich mal schlechte Laune hatte, dann habe ich das auch gezeigt. Das macht man in China auch nicht. Man schluckt einfach alles runter und macht weiter. Einmal habe ich meine Mitbewohnerinnen zur Weißglut gebracht. Ich bin um 19 Uhr aus dem Zimmer raus und war um 23 Uhr noch nicht zurück. Da haben sie angefangen, Suchtrupps zu bilden und haben mich auf dem ganzen Campus gesucht. Dabei saß ich in der Kantine und habe gequatscht. Als ich zurückgekommen bin, haben sie mich angeschissen, wo ich denn gewesen sei.“ Den Anfang eines chinesischen Gedichts und Libellen, die es überall am Campus gab, trägt Larissa nun als Tattoos zur Erinnerung an eine unfassbare Zeit.

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