Langenstück in Nachrodt-Wiblingwerde

Keller nass, undichte Dachfenster, Rattenplage: Viele Mieter auf der Palme

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Langenstück: Hinter der schönen Fassade brodelt es

Nachrodt-Wiblingwerde – Es ist eine wirklich schöne Siedlung. Eine, die auf den ersten Blick verzaubert. Die gepflegt aussieht. 1904 sind die ersten Häuser am Langenstück entstanden. Fast alle Gebäude, zumeist Doppelhäuser, stehen wie gemalt an der Schillerstraße, Niemöllerstraße, Goethestraße und Ebertstraße. Doch seit einiger Zeit bröckelt der Schein der 1988 unter Denkmalschutz gestellten ehemaligen Arbeitersiedlung. „Außen hui, innen pfui“, sagt Verena Vogel.

Nachbarn kommen beim Gespräch mit der Redaktion dazu - alle sind enttäuscht, teilweise auch verzweifelt. Denn die Besitzerin, die LEG Immobilien AG, lässt sie aus ihrer Sicht am langen Arm verhungern. Überteuerte Mieten, keine Hilfe bei der Rattenplage, nasse Keller, veralterte, undichte Dachfenster und hohe, nicht nachvollziehbare Nebenkostenabrechnungen wollen die Mieter nicht mehr hinnehmen. Dass jetzt auch noch alle Spielgeräte aus den Gärten entfernt werden sollen, lässt das Fass überlaufen.

Verena Vogel in ihrer Wohnung  - das undichte Dachfenster im Blick

Die LEG übernahm Mitte 2016 die Werkssiedlung. Zuvor gehörte das „Schmuckstück Langenstück“ dem Wohnungsunternehmen Vonovia, davor der Deutsche Annington Immobilien, die in Vonovia aufgegangen ist, davor dem Unternehmen Viterra. Der erste Bauabschnitt der Modernisierung wurde noch vom Voreigentümer durchgeführt. Die Mieten wurden „angepasst“ – eine Umlage der Modernisierungskosten auf Basis von BGB §§ 559.

Für die, die schon lange oder gar schon immer am Langenstück wohnen, gab es deftige Mieterhöhungen. Doch die, die neu einziehen, müssen sich noch mehr strecken: Für 114 Quadratmeter zahlen Verena und Andre Vogel, die sich mit ihren Kindern Lea und Milow-Luca auf ein neues Zuhause an der Niemöllerstraße 21 freuten, jetzt 1123 Euro warm.

Keine Frage: Dafür möchte man es schön haben. Und nicht nass. Die Reste vom Vormieter liegen noch im Garten. Mit Hund und Kindern eine Wohnung zu finden, war nicht so einfach. Umso mehr war die Familie vom Langenstück begeistert. Zunächst zumindest.

„Es kommt hier überall das Wasser rein“, sagt Verena Vogel zum Keller. Versprechungen von der LEG, sich zu kümmern, seien aber nur verpufft. Die neue Waschmaschine solle sie doch einfach im Keller auf eine Palette stellen. „Wir haben insgesamt 20 Mängelkarten schon vor dem Einzug abgeschickt“, erzählt Verena Vogel – auch über kaputte Türzargen, den defekten Fliesenspiegel und das undichte Dachfenster beispielsweise. Der Dachdecker habe die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen.

Auch die Denkmalschutzbehörde wurde von der Familie eingeschaltet. „Es heißt immer, ‘wir kümmern uns, wir kümmern uns.’ Aber man wird nur hingehalten.“ Entsetzt ist Verena Vogel auch beim Thema Garten: „Im Mietvertrag steht eine Gartennutzung. Aber wir dürfen uns keinen Zaun ziehen, der für den Hund wichtig wäre. Wir dürfen keine Terrasse machen, keine Spielgeräte aufstehen. Wir dürfen nichts.“

Mehrere Mieter erzählen von ihrem Kummer.

So sieht es auch Carolin Weitz, die in der Goethestraße 19 wohnt. Sie hat drei kleine Kinder: drei, fünf und zehn Jahre alt. Und Schimmel in der Küche. Leider allerdings auch Ratten. Drei Rattenlöcher hat sie fotografiert: im Flur, hinterm Herd, unterm Fenster. „Ich habe die angeknabberte Nudelpackung gesehen und dann war es bei mir vorbei.“ Auch einen Nager höchstpersönlich entdeckte die junge Frau. Die Handwerker haben ein Teilstück aufgerissen und von außen eine halbe Dränage gelegt. Das war 2017. Beide Probleme sind längst wieder da. „Da macht Kochen besonders viel Spaß.“

Marcel Weihe und Pia Brandt aus der Niemöllerstraße 27 haben ebenfalls die Nase gestrichen voll. „Mietern, die bereits seit mehr als 70 Jahren hier wohnen, wird nahe gelegt, alles abzureißen, was sich ihren Gärten befindet“, so Pia Brandt. Außerdem sollen die Trockenböden geräumt werden. Wenn nicht, würde eine Firma beauftragt, die die Mieter dann bezahlen müssten.

„Wie sollen über 80-Jährige, allein stehende Rentner, ihre schweren Brocken vom Dachboden tragen, zumal all dies nie ein Problem dargestellt hat?“, ist die Mieterin entsetzt über die LEG-Forderung. Schweres Geschütz fährt Pia Brandt auch in Sachen Nebenkostenabrechnung auf: „Die kaum nachvollziehbaren Forderungen veranlasst ältere Anwohner dazu, sich ihre Lebensversicherung auszahlen zu lassen, aus Angst, ihre Wohnung im hohen Alter noch zu verlieren.“

Es sei eine permanente Terrorisierung, die die Mieter vom Langenstück tagtäglich erleben würden. Eine Unterschriftenaktion planen die Mieter. Als Einzelkämpfer, wie 2016 Harald Langer, der den Kummer in der Siedlung veröffentlichte, verpufft das Problem. Oder die Masse an Problemen. „Für Gartenpflege wird Geld abgebucht, aber es kommt überhaupt keiner, der überhaupt was macht“, sagt Carolin Weitz, die in der Siedlung aufgewachsen ist. Die Anwohner machen alles selber.

„Ich habe einen Wasserschaden gehabt. Es hat 37 Stunden gedauert, bis der Notdienst gekommen ist“, sagt Angelika Franz. Sie ist 62 Jahre alt und in der Siedlung geboren. Schon vor vielen Jahren hatte sie schon einmal eine Bürgerinitiative ins Leben gerufen und beim damaligen Bürgermeister vorgesprochen. Als die Nachtspeicheröfen kamen. „Wir hatten aber eine Genehmigung für eine Ölheizung. Und wir haben uns standhaft gewehrt“, schmunzelt sie.

 Heute sieht sie sich wieder für ihre Rechte kämpfen. Wenn auch alles noch viel komplizierter geworden ist. Einige Mieter hätten längst das Weite gesucht, weil sie die Miete nicht mehr zahlen könnten. Mit der Mieterhöhung sei noch ein Euro pro Quadratmeter für die Heizung-Vorauszahlung gekommen. „Und am Ende des Jahres sind 1000 Euro das Günstigste, was man nachzahlen muss.“ Angelika Franz erzählt von einer 92-Jährigen aus der Schillerstraße, die sich gar nicht mehr traue, die Heizung anzumachen. „Sie musste 1200 Euro Heizkosten nachzahlen.“ Kein Wunder sei es, dass der Leerstand mittlerweile erheblich sei. Kein Wunder sei es auch, dass viele Mieter längst vor Gericht ziehen würden.

Stellungnahme der LEG

 Stimmen die Vorwürfe, die die Mieter vom Langenstück erheben?

Judith-Maria Gillies, Pressesprecherin der LEG Management GmbH, beantwortete die Fragen der AK-Redaktion.

  • Zum Thema Gärten: Die Siedlung wurde zur Jahrhundertwende erbaut (1904 bis 1907) und steht unter Denkmalschutz. Daher gelten besonders strenge Auflagen für die Bewirtschaftung, auch für die Pflege und Ausstattung der Mietergärten. Da sich viele dieser Gärten zurzeit in einem schlechten Zustand befinden und die verkehrssicherungstechnischen Anforderungen nicht erfüllen, vergeben wir im Zuge der Neuvermietung nun keine neuen Gärten mehr. Zieht ein Mieter also aus, lassen wir die entsprechende Gartenparzelle von uns mit Rasen bepflanzen. Dass das Aufhängen von Wäsche demnächst verboten sei, ist nicht korrekt. Sofern es einen verkehrssicherungstechnischen Mangel gibt, sind wir dazu angehalten, diesen abzustellen: Zu den potenziellen Risikofaktoren gehören auch Spielgeräte, Pools, defekte oder nicht genehmigte Gartenhütten, insbesondere, wenn die Gartenparzelle nicht eingezäunt ist und fremde Personen diese Fläche betreten können.
  •  Zum Thema Dachböden: Generell dürfen Mieter aus Brandschutzgründen keine Gegenstände auf dem Dachboden lagern. Dafür stehen die Mieterkeller zur Verfügung. .
  • Zum Thema fristlose Kündigungen: 2018 und 2019 haben wir sechs fristlose Kündigungen ausgesprochen. Gründe hierfür waren größtenteils nicht eingegangene Mietzahlungen. Generell sind wir allerdings gewillt, jede fristlose Kündigung zurückzunehmen, sobald der Mieter die geschuldete Summe zahlt. Als sozial verantwortliches Wohnungsunternehmen ist uns daran gelegen, alle unsere Mieter zu halten. Dies gelingt uns grundsätzlich auch sehr gut. Die durchschnittliche Mietzeit bei der LEG ist gerade erst von elf auf zwölf Jahre gestiegen. Auch in Nachrodt leben unsere Mieter gern, wie eine niedrige Fluktuationsrate von unter zehn Prozent zeigt. Allein vier Mieter sind innerhalb unseres Bestands umgezogen, haben also eine LEG-Wohnung gegen eine andere LEG-Wohnung getauscht.
  •   Zum Thema nasse Keller: Baujahresbedingt ist hier in den Kellern grundsätzlich mit einer Feuchte zu rechnen, sodass man dort keine wertvollen Gegenstände einlagern sollte. Darauf weisen wir auch bereits in den Mietverträgen hin. Mit der Unterschrift haben die Mieter daher diesen Zustand auch rechtlich anerkannt. .
  •  Zum Thema unterschiedliche Mietpreise: Hierfür gibt es zwei Ursachen. Erstens handelt es sich bei der Siedlung um ein Ankaufsobjekt. Da wir die Siedlung 2016 angekauft haben, sind einige Unterschiede der Mietpreisgestaltung in der Historie zu suchen. Der Mieter mit der geringsten Miete zum Beispiel wohnt bereits seit 1976 dort. Zweitens ergeben sich Unterschiede aus dem Zeitpunkt der Modernisierungen und dem jeweiligen Wohnkomfort der einzelnen Wohnung (etwa durch neu eingebaute Bäder oder Böden). Insgesamt liegen die Durchschnittsmieten in der Siedlung mit 5,18 Euro pro Quadratmeter immer noch weit unter dem NRW-Schnitt von 6,67 Euro,
  • Zum Thema Ratten: Ein Rattenproblem ist uns hier nicht bekannt. Sobald wir hierauf Hinweise erhalten, beauftragen wir immer einen Schädlingsbekämpfer

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