Von Ferkeln, Kastrationen und vielen Nöten

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Regina Weustermann ist erleichtert.

Nachrodt-Wiblingwerde -  Regina Weustermann könnte Luftsprünge machen. Sie ist erleichtert. Union und SPD wollen das zum 1. Januar 2019 greifende Verbot der betäubungslosen Kastration von Ferkeln verschieben. Es soll eine Übergangsfrist von zwei Jahren geben. „Das bedeutet erst einmal Luft holen“, sagt die Landwirtin, die in der vergangenen Woche beim Demonstrationsmarsch zur Agrarministerkonferenz in Bad Sassendorf dabei war.

Wenige Stunden vor dem Bekanntwerden des Kompromisses hatte Regina Weustermann am Dienstag allerdings kaum noch Hoffnung auf ein positives Signal gehabt. Viele ihrer Kollegen wollten die Ferkelzucht Ende des Jahres aufgeben. „Das war erschreckend“. In Deutschland werden Ferkel wenige Tage nach der Geburt ohne Betäubung – aber mit einem Schmerzmittel – kastriert, um zu vermeiden, dass Fleisch von Ebern einen strengen Geruch und Beigeschmack bekommt. Doch es gibt aktuell keine praktikablen Alternativverfahren. Das Thema ist für Außenstehende komplex.

Manchmal muss man Flagge zeigen, sich vom Sofa bewegen und demonstrieren. Aber das machen nicht so viele. Sie waren beim Demonstrationsmarsch zur Agrarministerkonferenz in Bad Sassendorf dabei. Wie war es für Sie?

Regina Weustermann: Es war ein gutes Gefühl, mit so vielen Berufskollegen für unseren Berufsstand und den vierten Weg in der Ferkelhaltung zu demonstrieren – und dass wir Landwirte zusammen halten. Bewirkt hat die Demo für uns, dass wir Kampfgeist bewahren müssen und nur gemeinsam stark sind. 

Die Politik, so hieß es, lässt Schweinehalter im Regen stehen. Können Sie mir das Problem erklären?

Regina Weustermann: Das Problem ist, dass es bis heute keine richtige Lösung gibt, wie die Landwirte nach dem 1. Januar 2019 mit ihren männlichen Ferkeln hätten umgehen sollen, denn bei den vier Wegen, die in Frage kommen, gibt es entweder Probleme mit dem Gesetz, der Durchführung oder dem Lebensmitteleinzelhandel.

Die Möglichkeiten konkret: Der erste Weg ist die Ebermast. Die Eber werden nicht kastriert, bleiben unversehrt. Die Landwirte können die Tiere dann als Eber mästen, allerdings bedeutet das die Trennung von den weiblichen Tieren, mehr Platz und der Handel nimmt nur einen gewissen Teil davon ab, nämlich acht Prozent. Und ein Teil des Eberfleisches könnte beim Erhitzen stinken. Der Landwirt bekommt auch weniger Geld. Aufgrund der Schweinepest sind alle noch ängstlicher und die Preise sind nochmal runtergegangen. Das ist also keine Lösung.

Der zweite Weg ist die Immunokastration. Die männlichen Tiere werden nicht kastriert, aber zweimal geimpft. Das wird in Biobetrieben schon praktiziert. Aber die Schlachtunternehmen lehnen das ab, und keiner weiß, was die Impfungen noch für Auswirkungen haben. Also ist dieser Weg auch nichts für die Landwirte.

Der dritte Weg ist die Vollnarkose. Dieser Weg ist schwierig, weil ein Tierarzt anwesend sein muss, um die Tiere in Narkose zu legen. Es ist schwierig, denn die Ferkel sind noch sehr klein und erst drei Tage alt. Einige überleben das nicht. Und es gibt auch nicht genug Tierärzte. Die Ferkel leiden danach, frieren, zittern und müssen lange intensiv vom Landwirt betreut werden, damit sie nicht von der Sau erdrückt werden. Zudem verpassen sie bis zu drei Muttermilchmahlzeiten. Also scheidet dieser Weg auch aus.

Der vierte Weg ist die Lokalanästhesie: Diesen Weg wünschen sich die Landwirte. Hierbei wird das Tier örtlich betäubt und hat keine Schmerzen. Dafür könnten die Landwirte geschult werden. Die Dänen und viele andere EU-Länder gehen diesen Weg auch. Die Ferkel haben keinen Stress, es geht ihnen gut und sie verpassen keine Muttermilch.“ Wenige Wochen vor dem Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration will die Bundesregierung nun die Frist um zwei Jahre verlängern. „Jetzt können die Landwirte geschult werden und gute Gesetze auf den Weg gebracht werden“, sagt die Nachrodt-Wiblingwerderin.

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