Gescheiterte Strafaktion

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ Gescheiterte Strafaktion gegen untreuen Familienvater: Ein Mann verlässt seine Frau und seine drei Kinder und zieht zu seiner Geliebten. So etwas ist bedauerlich, kommt im echten Leben aber nun mal vor.

Seltener ist eine andere Geschichte: Ein Mann mit türkischem Migrationshintergrund verlässt seine Frau und seine drei Kinder und zieht zu seiner Geliebten. Was diese Variante auslösen kann, erkundet derzeit die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Wuppertal. Denn der 72-jährige Vater des untreuen Ehemanns aus Fall Zwei wollte die Untreue seines Sohnes nicht hinnehmen und dachte mit entfernteren Familienmitgliedern über eine Strafaktion gegen den untreuen Ehemann nach. An der Planung beteiligt waren ein 56-Jähriger aus Nachrodt-Wiblingwerde, ein 50-Jähriger aus Remscheid und ein 60-Jähriger aus Cheratte in Belgien.

Sie planten eine Entführung und später auch die Tötung der neuen Freundin des Sohnes. Der wütende Vater und die beiden erstgenannten Mittäter legten gestern weitgehende Geständnisse ab. Der 72-Jährige gab über seinen Anwalt zu, dass ihn die familiäre Situation seines Sohnes in einen „emotionalen Ausnahmezustand“ versetzt habe. Die Enkel hätten immer wieder gefragt, wann ihr Papa wiederkomme.

Dadurch sei er zu der Auffassung gelangt, dass sein Sohn zu seiner Familie zurückkehren müsse und dass er „mit allen Mitteln“ dafür sorgen müsse. So suchte sich der verzweifelte Großvater mögliche Helfer, die ihn „aufgrund seiner Stellung“ unterstützen mussten. Es sei ihm „ein sehr deutliches und ausdrückliches Bedürfnis zu erklären, dass er die Gesamtverantwortung trage“, ließ der 72-Jährige mitteilen. Und er bat vor allem mit Blick auf seine Enkelkinder um eine baldige Entlassung aus der Haft: „Sie leiden, weil nun auch der Opa von heute auf morgen verschwand.“ Für ein Ende der Untersuchungshaft sah die Schwurgerichtskammer jedoch noch keinen Anlass – obwohl sie auch positive Signale sandte: Es kann sein, dass Sie in nicht allzu ferner Zukunft wieder bei Ihrer Familie sein werden.“ Das galt auch für den Nachrodter Angeklagten, dem offenbar eine besondere Rolle zugefallen war: Als Cousin des Hauptangeklagten hörte er dessen Aufforderung dem untreuen jungen Mann „die Nase zu brechen, damit er begreift, dass er zu seiner Familie zurückkehren muss“. Als der Hauptangeklagte den Eindruck hatte, dass seine Telefongespräche von der Polizei mitgehört wurden, organisierte der Nachrodter die Kommunikation. „Er leitete die Aufträge weiter“, hieß es. Aber auch er wurde bereits abgehört.

Um zukünftigen Racheakten keine Nahrung zu geben, hob der Vorsitzende Richter mit Nachdruck hervor, dass die Polizei von den Vorbereitungen der Täter nur aufgrund der Telefonüberwachung erfuhr – nicht etwa durch eine Strafanzeige des Sohnes oder seiner Freundin.

Dass die Angeklagten überhaupt ins Visier der Ermittler kamen, war purer Zufall. Die Beamten überwachten das Handy des 50-jährigen Remscheiders wegen ganz anderer Delikte und stießen dabei auf die Verabredungen der Angeklagten, die eine Entführung und einen Mord planten. Zum Auftakt des Verhandlungstages wurde deshalb lange über die Rechtmäßigkeit der zufällig zustandegekommenen Telefonüberwachung gestritten. Die Begrenzung des möglichen Strafmaßes auf vier Jahre machte den Weg frei für die Geständnisse von drei Angeklagten, der vierte behielt sich weiter vor, den Vorwürfen der Anklage im Verfahren entgegenzutreten. ▪ Von Thomas Krumm

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