Bahn fährt fast durch den Garten: Darum will Bewohner keine Lärmschutzwand

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Der Zug fährt direkt am Garten von Rudi Draheim vorbei.

Nachrodt-Wiblingwerde – Die Bahn will Lärmschutzwände in Nachrodt bauen. Bei Rudi Draheim fährt der Zug direkt am Garten vorbei. Doch er hält nichts von der Idee der Bahn.

„Kommt sie jetzt gleich?“ – „Ich weiß es nicht.“ Rudi Draheim zuckt mit den Schultern. Wann die nächste Regionalbahn an seinem Haus vorbeifährt oder der nächste Güterzug rattert, spielt für ihn keine Rolle. Denn: Rudi Draheim hört den Krach nicht.

 Ob er sich einfach daran gewöhnt hat? Vielleicht. Aber eigentlich war die Bahnstrecke vor seiner Nase nie ein Thema. Dass die geplanten Schallschutzwände der Weisheit letzter Schluss sind, glaubt der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde deshalb auch nicht. 

Doppelte Lärmbelastung

Rudi Draheim wohnt Im Grund 11. Sein Haus, 1970 gebaut, ist 16 Meter von den Bahngleisen entfernt. Zwischen Garten und Gleisbett gibt es noch ein Stück wilde Bepflanzung. „Die schneide ich einmal im Jahr zurück.“ Objektiv betrachtet, hat Rudi Draheim sogar doppelt Lärm zu verkraften: von der B 236 und von der Bahn. „Ich wohne inzwischen 78 Jahre hier – mein Elternhaus ist da oben – und ich höre nichts. Auch nachts nicht“, sagt der Nachrodter. Sein Schlafzimmer und sein Wohnzimmer liegen Richtung Garten, also Richtung Bahngleise. 

Und dennoch: keine Probleme. Auch seine Tochter, die mit ihrer Familie ebenfalls im Haus wohnt, empfindet keine Not wegen Krach, Lärm oder Schall. Für die Pläne der Bahn, Schallschutzwände aufzustellen, gibt es also nicht allerorts ein Hurra. 

Wände haben bedrängende Wirkung

Hauptgrund: „Sie werden eine bedrängende Wirkung haben“, meint Rudi Draheim. Vor allem die Bürger, die noch näher als er an den Gleisen wohnen, würden geradezu durch die Schallschutzwände eingeschlossen. 

Drei Schallschutzwände sollen auf einer Länge von insgesamt 2,8 Kilometern aufgestellt werden: Eine beginnt am ehemaligen Stellwerk und führt nach Süden weiter bis zum Tunnel, eine weitere hat ihren Anfang am Tunnel und führt am Bahnübergang Einsal vorbei bis zum Helbecker Weg, eine dritte soll in Lasbeck entstehen. Bausumme: 4,2 Millionen Euro. 

„Wie wollen unsere Planungen 2020 beim Eisenbahnbundesamt einreichen und voraussichtlich 2021/22 bauen“, erläuterte Sabrina Reinecke von der DB Netz AG, die auf ein Förderprogramm des Bundes zurückgreift, aus dem aktiver und passiver Lärmschutz finanziert werden. 150 Millionen Euro werden dafür pro Jahr zur Verfügung gestellt. 

Grundlage ist die Überschreitung des Grenzwertes von 57 Dezibel und das Gebäudealter. Häuser, die vor dem 1. Januar 2015 gebaut wurden, sind förderfähig – also auch das Haus von Rudi Draheim. Der Eigentümer erhält eine 75-prozentige Förderung für Kosten, die er in Lärmschutz investiert. Doch auch für mögliche Umrüstungen des Hauses sieht Rudi Draheim keine Veranlassung. 

Ob die Bürger ein Mitspracherecht haben und sich gegen die Schallschutzwände aussprechen können, dürfte eine Frage sein, die während einer Informationsveranstaltung zu klären ist, die die Bahn in Nachrodt plant. Dafür gibt es noch keinen Termin. Geplant ist das Treffen Ende Juni im katholischen Vereinsheim. Letztlich muss sich auch der Rat zum Vorhaben der DB Netz AG äußern. 

Zweifel an höherer Lebensqualität

„Das Förderprogramm ist eine einmalige Gelegenheit“, warb Projektleiter Andreas Tecklenburg im Planungs- und Bauausschuss. Er weiß, dass sich vor allem Bürger, dieschon länger an der Bahnlinie wohnen, oft wenig belästigt fühlen. 

Bei Zugezogenen oder jüngeren Menschen sei das aber anders. Mit den Schallschutzwänden könnten die Grenzwerte eingehalten werden. Ein Stück mehr Lebensqualität? Daran glaubt Rudi Draheim nicht, wenn die Bewohner vor eine drei Meter hohe Wand gucken. 

Die Frage sei auch, wo genau die Wände aufgestellt würden. Direkt an den Gleisen? Dort, wo jetzt das Haus von Rudi Draheim steht, war früher eine Wiese. „In der schlechten Zeit waren hier große Kartoffelfelder“, erzählt der Sozialdemokrat, der in der Kommunalpolitik viele Jahre die Geschicke der Gemeinde mitbestimmt hat. 

Rudi Draheim lebt und gerne mit der Bahnstrecke direkt am Garten.

Mit der Bahnstrecke ist er aufgewachsen. „Die Bundesbahn hatte hier mal drei Gleise vom Bahnübergang Einsal bis zum Bahnübergang Helbecke“, erzählt er. Ein Gleis war ein sogenanntes totes Gleis. Da warteten Züge beispielsweise, um andere vorbeizulassen. „Und da wurden auch hin und wieder Kohlewagen abgestellt.

 Kohlezug lädt zum Klauen ein

Nicht nur meine Brüder, sondern auch alle Nachbarn wussten, dass der Kohlezug kam. Es gab ja nichts. Es waren schwere Zeiten, und dann wurde auch mal Kohle geklaut“, erinnert sich Rudi Draheim. Das wussten damals allerdings auch die Bahnpolizisten. „Und dann sind sie hinter meinem Bruder her, schnappten ihn irgendwann und brachten ihn zurück. Meine Mutter zitterte wie Espenlaub.“ 

Die Bahngleise waren also in ganz früheren Zeiten niemals ein Dorn im Auge, sondern teilweise auch ein Segen. Auch später fand Rudi Draheim nichts an dem Zugverkehr auszusetzen: „Die Bahn war zuerst da. Ich hätte ja hier nicht bauen müssen.“ 

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