Jäger können Abschusspläne nicht erfüllen

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Christof Schäfer und sein Hund Jacky sind die Experten für die Nachsuche. Der Jagdhund ist spezialisiert darauf, verletzte Wildtiere zu finden.

Nachrodt-Wiblingwerde - Wenn es draußen dunkel wird, die Dämmerung einsetzt und so langsam alle Menschen in ihre Häuser gehen, dann erwacht der Wald zum Leben. Gelassen grasen Rehe auf den Wiesen, die Wildschweinrotten ziehen übers Land und der Fuchs begibt sich auf Nahrungssuche. Aber nicht nur die Tiere sind dann hellwach, sondern auch die Jäger.

Wenn Harry Laus, Udo Kalthoff und Alexander Grote „auf den Bock gehen“, wie es in der Jägersprache heißt, vergessen sie alles um sich herum. Dann gibt es nur sie, den Wald und die Tiere. „Das ist etwas, was viele Menschen gar nicht sehen. Uns geht es nicht darum, Tiere zu töten. Im Gegenteil – unsere Aufgabe ist es, sie zu hegen und pflegen“, erklärt Harry Laus, der kommissarische Vorsitzende des Hegerings. Jedoch sei es auch die Aufgabe der Jäger, die Bestände so zu regulieren, dass die Natur in ihrem natürlichen Gleichgewicht bleibt. „Es gibt hier keinen Wolf oder sonstige Wildtiere, die Rehen oder Wildschweinen gefährlich werden könnten. Das ist ein großes Problem“, erklärt Laus. Noch nie habe es in den Wäldern beispielsweise so viele Wildschweine gegeben, wie im Moment.

Abgesehen von der Seuchengefahr sind es vor allem die immensen Schäden, die den Landwirten und Waldbesitzern zu schaffen machen. Die Folgen des großen Wildbestandes sind überall deutlich zu erkennen. Insbesondere auf den Feldern. „Wir hatten keinen strengen Winter. Hinzu kommt, dass es extrem viele Eicheln und Bucheckern für die Schweine gibt. Klar, dass die Population so steigt. Die Bedingungen sind ideal. Und so zieht es immer mehr Tiere auf die Felder“, sagt Laus. Denn nur dort bekämen die Schweine tierisches Eiweiß. Sie durchwühlen den Boden nach kleinen Insekten – mit fatalen Folgen. Allein in diesem Jahr gab es im Höhendorf Schäden von mehreren tausend Euro.

Damit das Gleichgewicht erhalten bleibt, bekommen die Jäger genaue Vorgaben, wieviel Wild sie pro Jahr erlegen müssen. Das steht in den so genannten Abschussplänen. „Aber die Maßgabe können wir gar nicht erfüllen“, erklärt Udo Kalthoff, Ehrenvorsitzender des Hegerings. Zum einen sei die Bejagung kompliziert, da sich die Tiere in den dicht bewachsenen Kyrillflächen verfangen, zum anderen weil die Jäger durch Gesetze eingeschränkt würden. „Und das wird jetzt noch schlimmer. Mit der Novellierung des Jagdgesetzes sollen wir noch mehr Tiere schießen und das in noch kürzerer Zeit“, erklärt Kalthoff. Das geht den Jägern eindeutig zu weit. „Wenn Minister Remmel vom Grundsatz ,Wald vor Wild‘ spricht, gibt mir das doch zu denken“, sagt Laus. Denn noch mehr Tiere zu töten, sei auch nicht der richtige Weg. Zudem dürften Tiere im Winter nicht mehr gefüttert werden. „Sollen wir zuschauen, wie die Tiere im tiefen Schnee verhungern?“, fragt Kalthoff. Das habe nichts mehr mit dem eigentlichen Hege- und Pflegeauftrag zu tun. Denn deutlich lieber als das Schießen genießen auch die Jäger den Anblick der Tiere. „Es gibt doch nichts Schöneres, als eine Ricke mit ihren Kitzen zu sehen, die über eine Wiese toben“, sagt Laus. Da könne er den Finger am Gewehr auch gerne einmal gerade lassen.

Doch wenn er auf Jagd ist, so wie an diesem Abend, geht es vor allem darum, die Abschusspläne einzuhalten. Bevor er sich überlegt, wo er sich auf den Hochsitz setzt, wird der Wind geprüft. „Wenn ich den Wind im Rücken habe, weht der Menschengeruch direkt zum Wild, dann habe ich keine Chance“, sagt er. Besonders Wildschweine hätten einen feinen Riecher. An diesem Abend kommt jedoch kein Wild vorbei. Das ist allerdings nichts ungewöhnliches, sondern eher die Regel. Anders sei das bei so genannten Gesellschaftsjagden. Dann kommen zahlreiche Jäger, Treiber und Hunde zusammen. Die Jäger verteilen sich an strategischen Punkten und die Treiber versuchen mit den Hunden das Wild aus dem dichten Unterholz zu treiben. „Wichtig ist dabei, dass immer die richtigen Tiere geschossen werden. Hier geht es nicht um Trophäen. Vor allem Jungtiere und schwaches Wild wird dort erlegt“, erklärt Kalthoff. Ein Muttertier oder einen kerngesundes ausgewachsenes Tier zu schießen, sei verboten.

Den hohen Wilddruck merken momentan vor allem auch die Autofahrer. Nahezu wöchentlich kommt es im Gebiet des Hegerings zu Wildunfällen. „Im Jahr haben wir so 55 bis 70 Meldungen“, sagt Kalthoff. Daher haben die Jäger aufgerüstet. Sie versuchen beispielsweise mit blauen Reflektoren an den Straßen das Wild abzuschrecken. Dennoch lassen sich die Unfälle nicht vermeiden. Meistens bleibt es bei Blechschaden. „Das könnten jedes Mal auch schwere Unfälle sein“, gibt Kalthoff zu bedenken.

Ist es zu einem Unfall gekommen, sind die Jäger gefragt. Sie müssen ausrücken und die verletzten Tiere töten, damit sie sich nicht quälen. Allerdings ist das leichter gesagt als getan. Denn nicht immer liegen die Tiere am Unfallort. Ihr Fluchtinstinkt ist so ausgeprägt, dass sie sich manchmal noch mehrere Kilometer weit schleppen.

Das ist dann ein Fall für Christof Schäfer. Er ist der Spezialist für so genannte Nachsuchen. „Ich verschaffe mir erst einmal einen Überblick, gucke, ob Knochensplitter oder Innereien am Unfallort liegen, damit ich die Folgen abschätzen kann“, erklärt der Jäger. Dann setzt er seine speziell ausgebildeten Hunde ein. Oft geht es mehrere Kilometer bergauf und bergab, durch Dornen und Sträucher. Kein ungefährlicher Job. „Letztens war ich in den Serpentinen nach Nachrodt im Einsatz, ich sollte ein Wildschwein suchen. Ich kam gar nicht durch die Kyrillfläche. Mein Hund hatte das Schwein allerdings gefunden. Er bellte und das Schwein griff an“, berichtet Schäfer. Der Hund sei unbeschadet davon gekommen, das Schwein allerdings auch. Schäfer fand es einen Tag später in der Nähe des Kindergartens auf einem Feld an der Bachstraße. Es hatte den Unfall nicht überlebt.

„Je mehr Tiere in einem Wald leben, desto mehr sind die Tiere gezwungen, sich ihren Lebensraum zu suchen. Und der liegt dann nun einmal in Straßennähe oder in der Nähe von Siedlungen“, sagt Laus. Das mache deutlich, wie wichtig es auch für die Sicherheit sei, die Bestände zu regulieren. Laus: „Aber eben mit Bedacht und nicht willkürlich.“ - Lydia Machelett

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