Applaus aus der Corona-Krise ist verhallt

Pfleger aus MK fühlt sich im Stich gelassen: „Man fühlt sich verschaukelt“

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Andreas Schlennstedt ist Krankenpfleger und wohnt in Nachrodt.

Es gab viel Applaus. Die Menschen standen in ganz Deutschland auf ihren Balkonen, sie klatschten begeistert, sie riefen Danke – für alle, die sich in der Hochphase der Corona-Krise kümmerten, ihren Kopf hinhielten. Also auch für Pfleger Andreas Schlennstedt aus Nachrodt. Der Applaus ist schon längst verhallt. Der Traum von Solidarität zerplatzt.

Nachrodt-Wiblingwerde – Es gab viel Applaus. Die Menschen standen in ganz Deutschland auf ihren Balkonen, sie klatschten begeistert, sie riefen Danke – für alle, die sich in der Hochphase der Corona-Krise kümmerten, ihren Kopf hinhielten. Auch also für Andreas Schlennstedt. „Ich habe es im Fernsehen gesehen“, sagt der Krankenpfleger aus Nachrodt  und schmunzelt. Über seinen Alltag, die Diskussionen um den Corona-Bonus und über die Geringschätzung seines Berufes spricht er mit der AK-Redaktion. "Der Job ist nichts für Weicheier."

Der Applaus ist schon längst verhallt. Der Traum von Solidarität zerplatzt. Nur kurz war die Anteilnahme für die Pflegenden. Corona ist geblieben. Die Arbeit auch. Den versprochenen Corona-Bonus gab es bisher nur für Mitarbeiter in der Altenpflege. Wer glaubt, dass es ein Happy End geben wird, weil die gesetzlichen Krankenversicherungen und die Deutsche Krankenhausgesellschaft jetzt 100 Millionen Euro bereitstellen, um doch noch Prämien für 100000 Klinik-Pflegekräfte zu zahlen, der irrt. Das Geld reicht wohl nur für einen Bruchteil der insgesamt 440000 Krankenpfleger und -schwestern in Deutschland. 

Andreas Schlennstedt arbeitet in der Vamed-Klink in Hagen-Ambrock, einer Fachklinik für neurologische und neurochirurgische Rehabilitation und für Pneumologie. Er ist im neurologischen Bereich tätig, arbeitet also mit Patienten, die an einer Schädigung des zentralen oder peripheren Nervensystems leiden. Seit 13 Jahren ist der Nachrodter dort, gelernt hat er seinen Beruf in Sondershausen in Thüringen. Ein Traumberuf? Für den 34-Jährigen tatsächlich immer noch. „Ein sozialer Mensch war ich schon immer“, sagt er. Und ergänzt: „Der Job ist nichts für Weicheier. Man muss es gerne machen, sonst hält man es nicht durch, aber man wird mit vielen Dingen konfrontiert. Wenn im Büro Arbeit liegen bleibt, wird es irgendwann aufgeholt. Aber wenn du Menschen betreust, dann kannst du sie nicht einfach liegenlassen.“ 

"Das Traurige ist die Meinung, dass man nur alten Leuten den Hintern abwischt"

Applaus hin oder her: „Der Beruf des Krankenpflegers, der Krankenschwester wird nur gering geschätzt. Das Traurige ist die Meinung, dass man nur alten Leuten den Hintern abwischt. So lange es dir gut geht, interessiert dich das eigentlich alles nicht. Wenn du krank bist, bist du froh, wenn es jemanden gibt, der sich Zeit für dich nimmt und vernünftig und menschlich mit dir umgeht“, ist sich Andreas Schlennstedt sicher, der sich um Rehapatienten im stationären Bereich kümmert. Er ist also nicht im Brennpunkt und hautnah bei den Covid-Patienten – und doch ebenfalls in der Maschinerie Klinik, die aufgrund der Pandemie noch mal ganz anders funktionieren muss.

 „Die Klinik hat sich immer sofort auf die Situation eingestellt, es wurden täglich Sachen angepasst. Es ist ein separater Bereich auf der Intensivstation geschaffen worden, wo die Corona-Patienten von sehr gutem Personal versorgt werden“, sagt Andreas Schlennstedt. Die Reha konnte nur eingeschränkt weitergeführt werden. „Alle Patienten, die neu kommen, werden isoliert und es werden Abstriche genommen“, erzählt Andreas Schlennstedt. Er selbst ist mit infizierten Patienten bislang nicht in Kontakt gekommen. 

"Du kannst zum Patienten keinen Mindestabstand halten"

Und doch: Seit März arbeiten alle Mitarbeiter mit Mundschutz, kontinuierlich. „Schön ist anders, aber es ist ein notwendiges Übel, um sich und andere zu schützen.“ Das strikte Hygienekonzept an seinem Arbeitsplatz hält der Nachrodter für dringend erforderlich und selbstverständlich. Schutzkleidung hat oberste Priorität. „Es gibt immer die Gefahr, dass man es nach Hause mitschleppt. Du kannst zum Patienten keinen Mindestabstand halten. Du kannst nicht eineinhalb Meter von einem Patienten wegstehen, wenn er sich nicht selbst helfen kann.“ Aber es ist genau das, nämlich der Umgang mit den Menschen, den der Krankenpfleger so liebt. „Im Idealfall können die Patienten ganz viel Lebensqualität für sich zurückgewinnen.“ 

"Ich verstehe nicht, warum da selektiert wird"

Als Posse schlechthin bezeichnet Andreas Schlennstedt die Diskussion um den Bonus, der gezahlt werden sollte. „Es hieß erst, Pflegekräfte sollten 1500 Euro bekommen. Irgendwann wandelte es sich und dann hieß es: Nur Pflegekräfte in Pflegeheimen sollen dies bekommen. Und so ist es gewesen. Das sei ihnen natürlich herzlich gegönnt. Aber die Kliniken sind leer ausgegangen. Jetzt sollen Pflegekräfte in Kliniken doch 1000 Euro bekommen. Warten wir es mal ab. Ich verstehe nicht, warum da selektiert wird. In der Pflege wollen immer weniger junge Leute arbeiten. Wie soll man es ihnen auch schmackhaft machen? Drei-Schicht-System, das Arbeiten in intimsten Bereichen und stellenweise kriegt man auch Sachen um die Ohren gehauen. Das muss man erst mal wegstecken. Dann wird von der Bundesregierung eine Unterstützung versprochen, die nicht kommt. Irgendwann fühlt man sich verschaukelt.“ 

Den Applaus in einer wirklichen Notsituation empfand Andreas Schlennstedt durchaus als aufrichtig, „aber es ist wirklich schade, dass es nur jetzt in der Corona-Zeit ist oder war.“ Dass es aufgrund der Krise nun eine höhere Wertschätzung für den Beruf gibt, „sehe ich so nicht.“ 

Verändert hat sich in den vergangenen Jahren vieles. Es gibt beispielsweise deutlich mehr Dokumentationsarbeit, die die Mitarbeiter bewältigen müssen. Und: „Als ich damals die Ausbildung gemacht habe, da gab es noch viele Krankheiten, an denen die Menschen gestorben sind. Heute ist medizinisch viel mehr möglich. Wir hatten einmal einen Patienten, der nur den Kopf bewegen konnte. Zum Schluss konnte er am Rollator laufen.“ 

Kein Verständnis für Desinfektionsmittel-Diebstahl

Kein Verständnis hat er für die Krankenhaus-Besucher, die sich auf die Hygieneartikel stürzten und sie klammheimlich aus der Klinik schafften. Als noch nicht für Besucher gesperrt war, haben Angehörige stellenweise Handschuhe, Mundschutz und Desinfektionsspender geklaut. „Da, wo es gebraucht wird, wird es weggenommen, und am Ende des Jahres sitzen die Leute zu Hause und haben im Keller haufenweise Toilettenpaper und Desinfektionsmittel und wissen nicht, was sie damit anfangen sollen.“ Besucher dürfen jetzt übrigens wieder kommen. Aber es ist streng geregelt.“ 

Man muss sich anmelden, bekommt einen Termin und wird vor Ort von einem Mitarbeiter zum Angehörigen gebracht und später auch wieder abgeholt. Eine logistische Hochleistung. Zudem gibt es den telefonischen Kontakt zu den Angehörigen. „Die rufen auch täglich an. Das ist nicht nur vollkommen in Ordnung, sondern auch wichtig für Patienten und Angehörige. Wenn ein Patient neu kommt, kommen die Angehörigen meist mit. Dann wird ein Passwort ausgemacht. Und nur wer dieses Passwort hat, bekommt Auskunft am Telefon.“ Das ist kein neues Vorgehen. „Für uns ist das Passwort eine Sicherheit, es dürfen ja keine Daten ‚rausgehen, die keinem etwas angehen.“ Angst, sich mit dem Virus anzustecken, hat Andreas Schlennstedt nicht. „Dann kann man den Job nicht machen. Wichtig ist: Umsichtig sein.“

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