Evangelische Kirche ist weit mehr als eine Kulisse

Der Organist Helmut Brandt ließ das Publikum hören, was für kraftvolle und variationsreiche Töne die Orgel hervorbringen kann. - Foto:Krumm

Nachrodt-Wiblingwerde - Normalerweise ist die evangelische Kirche in Nachrodt die Kulisse für Gottesdienste, Konzerte oder Andachten. Doch am Sonntag stand sie selber im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Kirchen klingen“ demonstrierte der Mendener Organist Helmut Brandt, was an Tönen in dem 1971 gebauten Instrument steckt.

Pfarrer Wolfgang Kube stellte dem mit rund 60 Besuchern recht stattlichen Publikum die Kirche vor und erzählte ihre Geschichte.

Eine Besucherfrage war schnell beantwortet: Der Grundstein der Kirche befindet sich an der Außenseite des Chores unterhalb des mittleren Glasfensters, das eine symbolische Darstellung der Kreuzigung und der Auferstehung zeigt. Der Stein trägt das Jahr der Einweihung.

Am 6. Dezember 1904 konnte sich die Gemeinde erstmals in ihrem neuen Gotteshaus versammeln. 1902 war das Grundstück von der Familie Löbbecke gekauft worden, deren Stammsitz Haus Nachrodt gegenüber der Kirche bis heute erhalten ist. Der Bau ging schnell voran: Im Frühjahr 1904 wurde der Grundstein gelegt. Zur Einweihung schickte Königin Auguste Victoria eine Luther-Bibel mit einer persönlichen Widmung – ein üblicher Segensgruß in einer Zeit, in der viele Kirchen gebaut wurden.

Die Besucher nahmen die Bibel mit ihren Evangelisten-Symbolen in Augenschein und lasen den handgeschriebenen Bibelspruch aus dem Hebräerbrief: „Denn wir haben hier keine bleibende Statt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Im Licht des Spätnachmittags leuchteten die Chorfenster, als wären sie für die Besucher eigens illuminiert worden. Pfarrer Wolfgang Kube erläuterte die symbolischen Darstellungen des Weihnachts-, Oster-, und Pfingstgeschehens des Künstlers Karl Hellwig, die 1965 eingebaut wurden.

Zu berichten war auch von den Verlusten, die die Kirche erlitten hatte – weniger durch den Krieg als durch radikale Umbaumaßnahmen Mitte der 60er Jahre, als die Kirche ein anderes Inneres bekam: „hell, freundlich und offen“ sollte es sein. „So eine Umgestaltung wäre heute nicht mehr möglich“, sagte Pfarrer Wolfgang Kube – die Kirche ist mittlerweile denkmalgeschützt.

1997 folgte eine große Außenrenovierung, die 400 000 DM verschlang. Und vor acht Jahren wurde die Kirche mithilfe von Spenden erneut renoviert, ohne ihren Grundcharakter anzutasten.

Die Bemerkung einer Besucherin aus Hemer machte deutlich, dass die Kirche nach dem Krieg tatsächlich entscheidend verändert worden war: Sie sei 1954 aus Nachrodt weggezogen und könne die Kirche kaum wiedererkennen, sagte sie.

Auf den Rundgang der Blicke folgte eine ganz andere Form der Erfahrung des Kirchenraums. Helmut Brandt, Kantor der evangelischen Kirchengemeinde Menden, setzte sich an die 1971 eingebaute Orgel und ließ das Publikum hören, wie vielseitig und kraftvoll das Instrument klingen kann. „Ich versuche, Ihnen alle Register vorzustellen“, kündigte Brandt zu Beginn an, und was dann folgte, war Musik vom Barock bis zur Zeit Mendelssohn-Bartholdys, als der alte Bach schon zum ersten Mal wiederentdeckt wurde. Natürlich war der Thomaskantor prominent vertreten mit Präludium und Fuge D-dur (BWV 532). Dazu kamen Werke von Domenico Zipoli, Dietrich Buxtehude und ein kleiner Spaß von Malcolm Archer. - Thomas Krumm

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