Wahlkampf mit Abstand: So läuft's für die Parteien

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Es gibt nur eine einzige Stelle in Nachrodt, an der Wahlwerbung erlaubt ist: am Rande des Märkischen Platzes.

Wahlkampf in Corona-Zeiten: Wie funktioniert das? Die Spitzen der Nachrodter Parteien und Gruppierungen haben eine klare Strategie.

Nachrodt-Wiblingwerde – Es ist ein Wettstreit um jede Stimme. Wer kann die Bürger am besten überzeugen? Wem wird das Vertrauen bei der Kommunalwahl geschenkt? Doch einen Wahlkampf während der Pandemie anständig über die Bühne zu bringen, ist gar nicht so einfach. 

Der ist schon ohne Corona durchaus umstritten, wird oft mehr als Selbstdarstellung und Selbstbeweihräucherung als wichtig für die Demokratie gesehen. Und jetzt durch Corona erst recht? 

Fakt ist: Innovative Ideen gab es in der Gemeinde nicht. Trotzdem sind CDU, SPD und UWG mehr als zufrieden. Ein Gespräch mit Jens-Philipp Olschewski (CDU), Martin Neumann (SPD) und Sonja Hammerschmidt (UWG). 

Kommunalwahl in Nachrodt: SPD und UWG setzen auf Videos

Wer nicht wirbt, der stirbt? Das glaubt niemand. „Für uns ist der Wahlkampf gar nicht langweilig“, gibt Martin Neumann, stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzende, zu – und weiß natürlich, dass jeder Wähler vom Skandal rund um den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Aykut Aggül gehört hat. 

Die Sozialdemokraten schraubten die Anzahl ihrer Wahlstände auf ein Minimum herunter, klingelten auch nicht an den Türen der Bürger, sondern drehten ein Video.

„Die Resonanz war genial. Nicht, weil es ein SPD-Video war, sondern aufgrund der Machart“, erzählt Martin Neumann von einer Truppe, die sich „unheimlich gut zusammengerauft hat“.

Kommunalwahl in Nachrodt: "Wähler bilden Meinung nicht in letzter Minute" 

Herausgekommen sind zehn Minuten Film mit etlichen Orten und Themen der Gemeinde, der auf der Webseite der SPD, bei Youtube und bei Facebook zu sehen ist und mittlerweile 6200 Mal geklickt wurde. 

„Für die zehn Minuten Video haben wir mindestens 15 bis 18 Stunden gedreht, sind drei Wochen permanent unterwegs gewesen“, sagt Martin Neumann. Ob das Video einen für die SPD positiven Einfluss auf die Wahl haben kann, glaubt er allerdings nicht wirklich. 

„Es war natürlich eine Punktlandung, aber ich denke nicht, dass sich die Wähler ihre Meinung in der letzten Minuten bilden. Das ist ein Prozess.“ 

Kommunalwahl in Nachrodt: Jeder für politisches Handeln bekannt

Genauso sehen es Jens-Philipp Olschewski, Fraktionsvorsitzender der CDU, und Sonja Hammerschmidt, Vorsitzende der UWG. Die Vorteile einer kleinen Gemeinde, in der man sich nicht mühselig ins Bewusstsein bringen muss, sondern durchaus durch sein politisches Handeln bekannt ist, hat gerade jetzt große Vorteile. 

Die Unabhängige Wählergemeinschaft hat von den wenigen Möglichkeiten, die es in Corona-Zeiten gibt, sogar noch eine sehr bewusst gestrichen: die Plakatwerbung. „Wir sind der Meinung, dass ein Plakat keine einzige Stimme mehr bringt“, erklärt Sonja Hammerschmidt. 

Kommunalwahl in Nachrodt: Keine Plakate - der Umwelt zuliebe

Auch sie selbst würde niemanden wählen, weil er freundlich von einer Werbetafel herunter lächelt. Ganz wichtig für den Verzicht war der UWG auch der Umweltgedanke. „99 Prozent der Sachen landen doch im Müll.“ Das gelte ebenso für die Flyer. 

Es gibt bei der UWG nicht für jeden Kandidaten Werbematerial, sondern einen gemeinsamen Flyer. „Das ist natürlich auch eine finanzielle Frage. Unsere Kassen sind wahrscheinlich nicht so gut gefüllt wie die der anderen. Wir haben keine Mitgliedsbeiträge“, so Sonja Hammerschmidt. 

Kommunalwahl in Nachrodt: Junge Generation ansprechen

Eine Übersicht über alle Infos und Kandidaten für die Kommunalwahl in Nachrodt finden Sie hier.

Dass die UWG die sozialen Medien bespielt, war aber auch für sie selbstverständlich. Die Wählergemeinschaft bietet „Eine Minute UWG“ an – mit den wichtigsten Anliegen. 

„Dass wir das so machen, ist vielleicht auch dem Umstand geschuldet, dass jetzt eine andere Generation am Werk ist“, so Sonja Hammerschmidt. „Die jungen Leute sind gar nicht mal auf Facebook, die sind auf Instagram.“ 

Kommunalwahl in Nachrodt: Bürger nicht "auf falschem Fuß erwischen"

Den Wahlkampf empfindet Sonja Hammerschmidt dennoch nicht ungewöhnlich oder sehr viel anders. „Die Wahlstände gab es ja trotzdem. Bei uns sind die meisten ohnehin nie von Tür zu Tür gegangen, weil man natürlich auch die Sorge hat, dass man die Leute vielleicht auf dem falschen Fuß erwischt.“ 

Das kann Jens-Philipp Olschewski so bestätigen. Die CDU macht mit einer Broschüre auf sich aufmerksam, die mit der Post geschickt wurde. „Jeder hat auch einen Kandidaten-Flyer, die wir persönlich herumgebracht haben.“ 

Der Fraktionsvorsitzende hat bewusst „respektvoll wegen Corona entschieden, nicht bei den Bürger zu klingeln“. Gespräche, so sagt er, habe es aber dennoch viele gegeben. Auch seine Parteikollegen wollten „niemanden zu nahe treten“. 

Kommunalwahl in Nachrodt: Niemandem auf die Nerven gehen

Alle Infos zum Coronavirus im MK finden Sie in unserem News-Blog

Bei der letzten Kommunalwahl sei man offensiver gewesen, sei auch von Tür zu Tür gegangen. „Ich glaube, dass die meisten Leute es gut finden, wenn man sich für eine demokratische Partei engagiert“, sagt der Fraktionsvorsitzende. 

Man müsse aber auch lernen, auf die Menschen zuzugehen. Man möchte den Kontakt suchen, „aber auch nicht auf die Nerven gehen“. 

Kommunalwahl in Nachrodt: Gespräche wichtiger als Promo-Aktionen

Die Christdemokraten haben sich gegen ein Video entschieden. „Dafür haben wir uns aber sehr breit aufgestellt, in dem wir alle sozialen Medien bespielt haben. Ich habe auch unsere Internetseite komplett überarbeitet. 

Wir haben zudem Plakate, und ich finde das gut. Die Leute haben meines Erachtens ein Recht darauf, die Kandidaten kennenzulernen und wenn sie ein Gesicht dazu haben und die Möglichkeit der Kontaktaufnahme durch Telefon oder E-Mail, dann ist das gut. Es gibt schließlich auch noch Leute, die kein Internet haben“, sagt Jens-Philipp Olschewski. 

Der Flyer der einzelnen Kandidaten sei auch sehr persönlich. Jens-Philipp Olschewski bekommt viele Rückmeldungen. „Das Wichtigste im Wahlkampf ist keine Riesenaktion, sondern dass man ins Gespräch kommt“, sagt der CDU-Fraktionsvorsitzende. 

Kommunalwahl in Nachrodt: Eindeutig Personenwahl

Das glauben Sonja Hammerschmidt und Martin Neumann auch. „Die meisten haben sich schon längst entschieden, wen sie wählen. Es ist eine Personenwahl. Und wenn die Leute dich kennen, und wissen, wofür du stehst, dann hast du auch gute Chancen in deinem Wahlkreis“, ist Sonja Hammerschmidt überzeugt. 

Auch Martin Neumann glaubt, dass es eine Personenwahl wird. Er hofft nicht, dass aufgrund des Skandals um den ehemaligen Spitzenkandidaten jetzt die Abrechnung der Wähler kommt. Und Jens-Philipp Olschewski sagt: „Es geht doch um konstant gute Politik. Die Leute verbinden uns mit der Pflegeberatung, mit der Immobilien-Tour, die wir angeregt haben. 

Kommunalwahl in Nachrodt: Martin Neumann (SPD): "Man kennt mich"

Die Bürger wissen, wofür wir stehen. Das ist zehn Mal wertvoller, als Ziele zu formulieren: Das hätten wir gern und das auch.“ Die Punkte, die die UWG im Wahlkampf ins Gespräch gebracht hat, „sind Ziele, die wir seit Jahren erreichen wollen. Da ist nichts aus der Luft gegriffen“, so Sonja Hammerschmidt. 

Dass man keine Aktionen wie „Triff deinen Wahlkreiskandidaten“ veranstaltet hat, erklärt Martin Neumann so: „Wir kennen uns untereinander. Die müssen mich nicht extra treffen, wir sehen uns sowieso mittwochs am Mattenwagen.“ 

Man sei das ganze Jahr also im Gespräch, „völlig unabhängig vom Wahlkampf“, wie Jens Philipp Olschewski meint. Und Sonja Hammerschmidt ergänzt: „Einen Wahlkampf sollte man nicht übertreiben. 

Kommunalwahl in Nachrodt: Einzelkämpfer machen es spannend

Es ist immer wichtig, dass man da ist und bereit ist, mit den Leuten zu sprechen. Natürlich kann man auch nicht auf jeden Stand verzichten. Dann würden die Leute vielleicht glauben, dass man es nicht nötig hat.“ 

Dass die Kommunalwahl in diesem Jahr sehr spannend wird, glauben übrigens alle –nicht zuletzt auch wegen der besonderen Situation der fünf Einzelkandidaten. „Für Matthias Lohmann würde ich mir wünschen, dass er wieder dabei ist“, sagt Martin Neumann, der aber auch skeptisch ist: „Für Matthias wäre es attraktiver gewesen, in den Wahlkreis 10 zu gehen.“ 

Kommunalwahl in Nachrodt: Blick auf persönliche Chancen

Martin Neumann selbst ist, wie er sagt „verhältnismäßig neu in Wiblingwerde“, ist auf der Reserveliste aber nicht gut abgesichert. „Ich sehe das ganz sportlich. Ich trete da oben an. Und wenn ich den Wahlkreis nicht gewinne, dann nicht. Entweder bin ich drin oder eben nicht.“ 

Sonja Hammerschmidt hält alle Ausgänge für möglich, alle Wahlkreise für sehr spannend. Für sich selbst sagt sie: „Wenn ich nicht direkt gewählt werde, bricht mir kein Zacken aus der Krone.“ 

Die UWG-Vorsitzende schätzt besonders das freundschaftliche Verhältnis in der Wählergemeinschaft. „Wenn bei uns so etwas passiert wäre wie bei der SPD, wäre ich längst weg.“ 

So sieht es auch Jens Philipp Olschewski, der die Harmonie in seinem Team lobt. Für seine Kandidatur sagt er: „Es wäre schon schön, wenn man ein Direktmandat holt, wenn man von seinem Wahlbezirk die Rückendeckung bekommt.

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