Nicht vereinsamt, nicht abgeschoben

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Frank und frei, offen und ehrlich erzählen fünf Bewohner des Pertheshauses über ihr Leben.

Nachrodt-Wiblingwerde -  „Ich finde Altersheime zum Kotzen. Die Vorstellung, jeden Tag die gleichen Leute sehen zu müssen, würde mich rasend machen.“ Hildegard Knef nahm augenscheinlich niemals ein Blatt vor den Mund. Sie starb am 1. Februar 2002 an einer akuten Lungenentzündung - im Krankenhaus, nicht in einer Seniorenresidenz. Die „letzte Station“ ist genau diese aber für viele Menschen. Kann man überhaupt im Altersheim glücklich sein? Diese Frage stand im Mittelpunkt der Serie „Zu Besuch bei“ mit fünf Bewohner des Pertheshauses.

Alt sein, das ist nichts für Feiglinge. Alt sein, das ist etwas für Mutige. Abgeschoben fühlen sich die Bewohner nicht, wenn auch der eine oder andere haderte, wenn auch Tränen flossen, wenn auch nicht bei allen Besuch kommt. Seniorenresidenz. Das hört sich schon mal besser an als Altersheim. Da sind sich die Fünf einig.

 „Wenn Petrus sagt, hier ist die Rückfahrkarte, dann ist das so“ 

Seit März 2016 ist Bernd Neujahr Bewohner des Pertheshauses. Für den gebürtigen Thüringer, der lange Zeit in Münster und Hamm gelebt hat, hatte sich seine Lebensgefährtin um den Platz in Nachrodt bemüht. So ist der 77-Jährige näher bei ihr. Nach einem Schlaganfall konnte er nicht mehr alleine wohnen.

„Ich hatte Glück, dass hier ein Zimmer frei wurde. Hier werde ich versorgt und meine Lebensgefährtin kommt.“ Bernd Neujahr sitzt im Rollstuhl, kann aber noch ein kleines bisschen laufen. Bei den Gottesdiensten ist er gern dabei. „In jungen Jahren habe ich auch die Glocken geläutet.“ Später war er lange Jahre bei der Bundeswehr und arbeitete dann als Bankkaufmann. „Ich habe mich noch mit 30 auf die Schulbank gesetzt“, erzählt er schmunzelnd. Vor dem Tod hat er keine Angst. Er glaubt an ein Leben nach dem Tod. „Wenn Petrus sagt, hier ist die Rückfahrkarte, dann ist das so.“ Und es klingt nicht traurig. Nicht resigniert.

„Ich habe immer gedacht, dass ich nach Hause komme“

 Charlotte Wolf ist 93 Jahre alt. Und bis vor Kurzem ist sie noch regelmäßig ins Gartenhallenbad zum Schwimmen gegangen. „Aber dann hatte ich mir den Fuß gebrochen und seitdem habe ich Angst“, erzählt die agile Frau. Seit eineinhalb Jahren lebt die Nachrodterin im Seniorenheim.

Ihr Zuhause am Langenstück zurückzulassen, ist ihr schwergefallen. Sehr schwer. Aber nach mehreren Stürzen, zwei Oberschenkelhalsbrüchen konnte sie die Treppen nicht mehr bewältigen. „Da sind sieben Stufen bis zur Haustür und Schlafzimmer und Bad sind oben.“ Und ihre Tochter konnte die Unterstützung für Mama nicht mehr stemmen. Nach einer Kurzzeitpflege für drei Wochen musste Charlotte Wolf die bitte Wahrheit erst einmal verdauen. „Es ging halt nicht mehr. Aber ich habe immer gedacht, dass ich nach Hause komme.“

 Drei Tage weinte sie. Haderte mit dem Schicksal. Zwei Monate später starb ihr Sohn. Schicksalschläge, die niemand möchte. Dennoch verlor Charlotte Wolf den Lebensmut nicht. „Ich habe mich jetzt eingefunden, bin mit allen Freund“, sagt die Seniorin, die wie alle anderen viel aus ihrem alten Leben zurücklassen musste. „Ich habe meinen Wohnzimmertisch, Sessel, Fernsehen und meine Puppen mitgenommen.“ Heute ist sie froh, dass sie sich um nichts kümmern muss und dass ihre Familie gerne kommt. Vereinsamt fühlt sie sich nicht. 59 Jahre war Charlotte Wolf verheiratet. Ihr Mann starb vor 14 Jahre. Die Nachricht aus dem Himmel, die er ihr schicken wollte, ist noch nicht angekommen.

„Ich wäre manchmal froh, wenn ich tot wäre“ 

Heute geht es Gerhard Paul Klosowski nicht so gut. Die „Pumpe“ macht ihm zu schaffen. Er hat vier Bypässe. „Ich war klinisch tot. Ich habe nur an Maschinen gehangen.“ Gerhard Klosowski ist mit seiner Frau erst gemeinsam ins Pertheshaus gekommen. „Weil wir beide nicht mehr konnten. Aber dann ist meine Frau im Krankenhaus verstorben.“

 Der Kummer ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er ist den Tränen nahe. Nach einer Ehe, die 60 Jahre dauerte, erscheint die Zeit alleine ohne Sinn. „Ich wäre manchmal froh, wenn ich tot wäre.“ Schmerzlich vermisst er seine Frau immer noch. Eigentlich wird es sogar immer schlimmer. „Ich möchte so gerne mit ihr sprechen. Ich erzähle ihr jeden Abend, was ich so erlebt habe.“ Heute ist Gerhard Klosowski 86 Jahre alt.

Und die Kriegserinnerungen übermannen ihn. Geboren in Bochum, wurde er nach Pommern evakuiert. „Und da sind vor den Russen türmen gegangen.“ Irgendwann landete er in Altena. „Da durften wir aussteigen. Dann sind wir auf einem offenen LKW nach Wiblingwerde gefahren worden und wurden da verteilt wie in Stück Vieh. Und keiner wollte uns haben.“

Trotzdem ist er heimisch geworden in der Gemeinde. Gearbeitet hat er als Werkzeugmacher. Heute will er eigentlich nur seine Ruhe haben. „Ich bin mit allem, was hier im Haus ist, zufrieden“, sagt Gerhard Klosowski, der keine Angehörigen mehr hat. Seine Beerdigung hat er geregelt. „Das ist alles fix und fertig. Ich weiß auch, wo ich hinkomme. Nach Oberrahmede.“

Hängt nicht jeder am Leben? Egal, wie alt man ist‘? „Wenn man so krank ist und abends nur an die Decke starrt, dann nicht. Mit wem soll ich reden? Mit dem Herrn Höllerhage rede ich manchmal. Aber ich kann nicht jedes Mal das Gleiche erzählen. Gerhard Klosowski möchte niemanden auf die Nerven gehen. Enttäuscht vom Leben ist er nicht.

„Ich habe mich von Anfang an hier zu Hause gefühlt“ 

Helene Hinrichs wird im September 81. Sie macht einen sehr gelassenen Eindruck. „Das bin ich auch“, lächelt sie. „Ich kam mit meinem Mann hierher. Ich hatte zuvor einen Schlaganfall und eine Sepsis. War beidseitig gelähmt. Mein Mann war oberschenkelamputiert. Er hatte einen Arbeitsunfall als Metzger. Nach einer Reha kam das Paar nach Nachrodt. Vor eineinhalb Jahren ist ihr Mann verstorben. Er hatte COPD.

„Ich habe mich von Anfang an hier zu Hause gefühlt. Weil mein Mann dabei war.“ Als er starb, schaffte sie es, nicht in ein Loch zu fallen. Sie nimmt gern an den Veranstaltungen teil, die das Pertheshaus anbietet. „Es fahren immer dieselben mit, das wird auch geredet. Sollen sie reden. Mit Rollator kann ich gut laufen.“ In Schlesien geboren, geflüchtet in die Lüneburger Heide hat Helene Hinrichs später in Reda ihren Mann kennengelernt. Da war sie 21 Jahre alt. Aufgrund der Möglichkeit, bei Graetz zu arbeiten, kam das Paar nach Altena.

Dienstags und donnerstags ist Gymnastik. Kegeln gibt es montags. Mittwochs steigt Bingo. Freitags ist Gottesdienst. Man muss sich nicht zu Tode langweilen. Ein Tanzcafé gibt es auch. Die Herren werden aber nicht aufgefordert. Dass sich jemand verliebt hat, hat es im Pertheshaus noch nicht gegeben. In Altena ist das durchaus schon passiert. Die Friseurin kommt auch ins Haus. Fußpflege ebenso. Und wenn sich die Hundestaffel ankündigt, freuen sich alle. Die Hunde streicheln, Leckerchen geben. „Das ist schön“, sagt Helene Hinrichs.

 „Wem es hier nicht gefällt, ist mit sich und der Welt nicht zufrieden“, ergänzt Bernd Neujahr. Gemeckert wird immer mal gern beim Essen. Zwei Menüs stehen zur Auswahl. „Wenn man beide nicht mag, kann man in der Küche Bescheid sagen. Dann bekommt man etwas anderes“, erzählt Gerhard Paul Klosowski, dem es jetzt etwas besser geht. Viele Bewohner haben früher gern gekocht. Und deshalb ist das Wohnküchenkonzept super. In der Küche wird gemeinsam gekocht und gebacken. „Bei so vielen Leuten kann man es aber nicht allen recht machen“, schmunzelt Charlotte Wolf.

„Ich hatte mich so sehr an meine Wohnung geklammert“ 

Helena Westerwelle ist die Jüngste in der Runde. Vier Jahre ist sie im Pertheshaus. Mittlerweile fühlt sie sich wohl. Aber anfangs, das gibt sie zu, ist es ihr sehr schwergefallen, in das Pertheshaus zu ziehen. Mit 66 Jahren wollte sie eigentlich nicht ins Altersheim. „Ich hatte mich so sehr an meine Wohnung geklammert. Ich hatte mich gerade neu eingerichtet.“

Doch nach einer Kurzzeitpflege blieb sie im Pertheshaus. Und fühlte sich am Anfang etwas überfahren. Auch sie hatte gehofft, dass der Aufenthalt nur vorübergehend sein würde. Doch ihre beiden Töchter konnten die Pflege nicht übernehmen. „Da fehlte die Zeit.“ Dass ihr Mann im Nachrodter Hof lebt und sie im Pertheshaus, ist kein Thema, über das sie sprechen möchte. „So nach und nach habe ich mich hier an alles gewöhnt. Ich fühle mich gut hier. Ich koche gerne, backe gern. Das habe ich zu Hause gemacht, das mache ich hier auch. Und dass es ein paar Menschen im Pertheshaus gibt, die sie besonders mag, macht das Leben leichter. „Ich werde auch regelmäßig von meinen Töchtern abgeholt. Ich fühle mich nicht im Stich gelassen.“ Das größte Problem ist, wenn überhaupt kein Besuch kommt. Auch das passiert einigen. „Da hab ich mich mit abgefunden“, sagt Gerhard Paul Klosowski .

Beerdigung: „Das ist alles geregelt und bezahlt“ 

Mit der Beerdigung haben sich schon alle beschäftigt. Sachlich. Realistisch. „In Einsal“, sagt Helene Hinrichs. „Der Tod gehört zum Leben dazu.“ Gerhard Paul Klosowski kommt „auf die Füße“ seiner Frau. „Das ist alles geregelt und bezahlt.“ Eigentlich hat auch Charlotte Wolf ein Doppelgrab mit ihrem Mann. „Aber ich will nicht mehr zu ihm“, erzählt die Seniorin lachend. „Meine Kinder sind auch schon älter geworden. Und ich müsste das Grab noch für 25 Jahren kaufen. Ich könnte noch da rein, aber ich will nicht mehr. Ich möchte nach Einsal. Gras drauf. Fertig. Das muss keiner pflegen.“ Die Asche von Bernd Neujahr soll in die Ostsee verstreut werden. Nur Helena Westerwelle hat noch keine Idee. „Wir können darüber reden wie über Mode“, lacht Helene Hinrichs.

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