30 Jahre Wiedervereinigung: Doreen Eisenreich fand in Nachrodt neue Heimat

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Doreen Eisenreich zog als junge Frau von Sachsen-Anhalt nach Nachrodt.

Sie kann auf Kommando sächseln, hat das Pionier-Halstuch noch daheim - ebenso wie viele schöne Erinnerungen an die Kindheit in der DDR. Doreen Eisenreich fand als junge Frau in Nachrodt eine neue Heimat - durch Zufall.

Nachrodt-Wiblingwerde – „Oma und Opa sprechen ganz anders als wir.“ Doreen Eisenreich muss immer schmunzeln, wenn ihre Kinder über den Dialekt der Großeltern staunen. Und dann plaudert auch Doreen wie von Zauberhand einfach wie früher. Da trifft man sich beispielsweise um dreiviertel Neun und nicht um viertel vor. 

Dialekt ist Heimat. Und diese ist für Doreen Eisenreich im Osten Deutschlands. Genau in der Mitte von Sachsen-Anhalt, am Ostrand des Harzes, liegt das Städtchen Könnern, aus dem Doreen Eisenreich stammt. 

Exakt 430 Kilometer von Nachrodt entfernt. Als sie ihr Zuhause verließ, war die Mauer längst gefallen, war sie einfach auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ob Westen oder Osten, war der jungen Frau „damals wurscht“. 

Mit 23 Jahren ganz auf sich allein gestellt

Sie wollte nicht auf Biegen und Brechen weg, sie setzte sich einfach ins Auto und stellte sich im Amtshaus vor. Dort gab es eine Ausbildungsstelle als Verwaltungsangestellte. Da war sie 23 Jahre alt und von heute auf morgen auf sich alleine gestellt. 

Heute, 30 Jahre nach der Wiedervereinigung, wenn allerorts über den Mauerfall und das vereinte Deutschland gesprochen wird, erinnert sich die 42-Jährige daran, wie wenig Politik von ihren Eltern thematisiert wurde, als sie klein war, „dass sich zwar alle über den Mauerfall gefreut haben“, aber die Familie nicht sofort nach Berlin gefahren ist. 

Doreen Eisenreich war zwölf Jahre alt, als die Mauer fiel. „Ich hatte aber vorher nie das Gefühl gehabt, dass mir irgendetwas fehlte. Ich habe auch nie darüber nachgedacht. Ein bisschen ging deshalb dann auch die Wiedervereinigung an mir vorbei“, gibt die junge Frau zu. 

Pionier-Halstuch als Erinnerungsstück

In ihrer Kindheit war es für sie selbstverständlich, Pionier zu werden. Fast jedes Kind der DDR war ein Pionier, das gehörte zum Schulalltag dazu. Die Absicht dahinter war, die Kinder im Sinne des sozialistischen Staates zu erziehen. 

Für Doreen Eisenreich war es aber nur einfach eine Gruppe, mit der man Spaß zusammen hatte. Das Erkennungs-Halstuch der Pioniere hat sie noch – und möchte es irgendwann ihren Kindern zeigen, wenn sie Interesse an Geschichte haben. Das könnte aber vielleicht noch etwas dauern, denn der Nachwuchs ist erst acht, sieben und drei Jahre alt. 

Als der ostdeutsche Arbeitsmarkt nach der Wiedervereinigung einen brutalen Niedergang erlebte, wurde auch Doreens Mutter arbeitslos. Sie verlor ihren Job als Elektrikerin, der Papa konnte weiter als Schlossermeister arbeiten. „Es war nicht einfach, als ein Verdienst wegfiel. Aber meine Eltern wollten nie aus ihrer Heimat weg. ,Wenn ich den Kirchturm nicht mehr sehe, bin ich krank’, hat meine Mama immer gesagt.“ 

Religion war nicht gern gesehen

Apropos Kirchturm: Dass die Familie kirchlich verbunden war, wurde in der DDR nicht gern gesehen. „Ich wurde deshalb auch immer gehänselt. Aber ich habe es nie als schlimm empfunden“, erzählt Doreen Eisenreich, die die Christenlehre besuchte. In der DDR wurde der christliche Unterricht an den Schulen Ende der 1950er Jahre verboten. 

Einzige Möglichkeit bliebt die Christenlehre in den Räumen der Kirchengemeinden. Sie wurde von Eltern als Alternative zum sozialistischen Erziehungssystem angenommen. Übrigens zum Thema Unterricht: Russisch kann Doreen Eisenreich nicht mehr sprechen, auch wenn sie die Sprache bis zur zehnten Klasse gelernt hat. 

Nach dem Abitur hat die heutige Verwaltungsfachangestellte, die jetzt im Personalamt der Gemeinde arbeitet, Landwirtschaft studiert. Damit war sie aber nicht glücklich, entschied sich für eine Ausbildung und landete in Nachrodt. In der Bachstraße fand sie eine kleine Wohnung. 

Heimweh: Am Wochenende ging es heim

„Es war fremd, aber nicht anders, als hätte ich im Osten irgendwo eine Stelle gefunden. Und einsam habe ich mich hier nie gefühlt.“ Gegen das „klitzekleine bisschen“ Heimweh fuhr sie jedes Wochenende nach Hause – freitags mittags los und sonntags zurück. „Ich brauchte das einfach.“ 

Ganz zurück nach Ostdeutschland wollte sie aber nie. Was war gut in der ehemaligen DDR? „Die selbstverständliche Kinderbetreuung“, sagt Doreen Eisenreich, die nach der Geburt jedes Kindes nach einem Jahr wieder zurück in den Job kehrte.

 „Ich kannte das auch nicht anders. Meine Mama war auch immer berufstätig“, erzählt die junge Frau. Während sie Glück hatte, eine Betreuung zu finden, „ist es für manch andere schwierig. Jetzt kommen noch die unter Zweijährigen, und die Einrichtungen und Tagesmütter sind ausgelastet.“ 

Westpakete von der Oma

Wie das Leben in der DDR war, „vergisst man eigentlich“, sagt Doreen Eisenreich und schaut sich deshalb auch gern die Beiträge im Fernsehen an, die im Moment laufen. In Doreen Eisenreichs Familie gibt es eine Tante, die in den Westen geflohen ist – aber schon vor dem Mauerbau. 

Und manchmal gab es von ihr dann auch Westpakete, die an die Oma geschickt wurden. „Das wurde dann verteilt. Und natürlich haben wir uns darüber gefreut, wenn da Süßigkeiten drin waren. Aber das war sehr unregelmäßig.“

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