Von Zeugnissen, Angst und dicker Luft zu Hause 

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Anne Rohde, Leiterin der Sekundarschule Altena/Nachrodt-Wiblingwerde hält nichts vom Sitzenbleiben

Nachrodt-Wiblingwerde - Angst vor schlechten Noten ist ein Dauerbrenner – vor allem dann, wenn es Zeugnisse gibt. Schüler setzen sich unter Druck, Eltern machen sich Sorgen um die Zukunft ihrer Kinder. Ein Gespräch über Zeugnisse, Noten und Nachhilfe mit Anne Rohde, Leiterin der Sekundarschule Altena/Nachrodt-Wiblingwerde.

Eine Forsa-Umfrage unter 1000 Eltern hat ergeben, dass die Zeugnisse regelmäßig für schlechte Stimmung in den Familien sorgen. Danach führen schlechtere Noten in 41 Prozent der Familien zu Ärger. Muss das denn sein? 

Anne Rohde: Nein. Und wir beugen dem Ärger im Elternhaus vor, indem wir intensiv beraten und ein sehr ausgeklügeltes Beratungskonzept haben. Eltern und Schüler sind über die Zusammensetzung der Noten informiert. Bei uns gibt es eine große Klarheit über die Notengebung, es gibt also keine Überraschungen. Die Schüler wissen, anhand welcher Kriterien die Noten vergeben werden, und können die Noten auch selbst einschätzen. Tatsächlich gibt es selten Stress wegen der Noten, die auch durch Zeugnisbemerkungen ergänzt werden.

Wie wichtig sind Noten überhaupt? 

Rohde: Das ist wirklich ein zweischneidiges Schwert. Wir müssen Noten geben. Die Schüler haben ein Recht auf guten Unterricht und das Recht auf eine faire Bewertung. Zum Leistungsstand gehören aber nicht nur Noten, sondern viele andere Mechanismen, andere Kompetenzen, wie soziales Engagement, Fleiß und Zuverlässigkeit. Bei uns gibt es auch Prämien für Leistungsverbesserungen – und zwar nicht nur für Bestleistungen, sondern auch für reine Verbesserungen. Das ist ganz individuell zu sehen. 

Das inhaltliche Interesse tritt zurück, und es geht nur noch um die Zensur. Wie richtig ist diese Aussage?

Rohde: Das stimmt bei uns nicht.

879 Millionen Euro investieren Eltern jährlich in Nachhilfestunden für ihre Kinder. Ist das nicht absurd?

Rohde: Ja. Durchaus. Bei uns gibt es Förderschienen, in denen die Schüler gefördert und gefordert werden. Das ist Bestandteil des Ganztags. Nachhilfe ist nicht das Problem, weil es diese Gruppen für alle gibt – von Klasse fünf bis zehn. 

Viele Eltern lernen mit ihren Kindern am Nachmittag oder in den Abendstunden. Und die meisten denken, dass es nicht anders geht, weil der Stoff nicht ausreichend in der Schule vermittelt wurde. Sind die Eltern aus Ihrer Sicht deshalb von allen guten Geistern verlassen?

Rohde: Eltern sollten durchaus die schulische Arbeit unterstützen, aber die Vermittlung der Unterrichtsinhalte ist und bleibt Aufgabe der Schule. Kinder müssen auch Kinder bleiben dürfen. Und dazu gehört nicht, dass bis abends um 10 Uhr gepaukt wird.

Zwei Prozent der Schüler in NRW haben im Jahr 2015 eine Klasse wiederholt. Wie sieht es an Ihrer Schule aus?

Rohde: Sitzenbleiben ist selten hilfreich. Dazu gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen. Bei uns gehen die Schüler bis zur Klasse 9 in die nächste Klasse über. Nur in besonderen Ausnahmefällen wiederholen sie eine Klasse nach gemeinsamer Absprache mit den Eltern, Schülern und Lehrern. Ab der Klasse 9 wird bei uns der Hauptschulabschluss angeboten und dann greift die Versetzungsordnung.

Seit Freitag, 3. Februar, laufen die Anmeldetermine an der Sekundarschule – bis zum 8. Februar. Weil die Sekundarschule auch im vergangenen Jahr Schüler abweisen musste, findet das Anmeldeverfahren bereits vor den Anmeldeterminen der anderen Schulen statt, damit sich ggf. Schüler, die abgewiesen werden mussten, zu den regulären Anmeldeterminen an den anderen Schulen anmelden können. 

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