Nachrodt: Interview mit Pastor Kube zum Weihnachtsfest in Corona-Zeiten

„Was ist mir wirklich wichtig?“

Wer zu Weihnachten einen Gottesdienst in der evangelischen Kirche Nachrodt-Obstfeld mitfeiern möchte, muss sich anmelden
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Wer zu Weihnachten einen Gottesdienst in der evangelischen Kirche Nachrodt-Obstfeld mitfeiern möchte, muss sich anmelden.

Es gibt einen Gottesdienst für die Feiertage, den man bei Youtube mitfeiern kann. Und einer der Heiligabendgottesdienste wird live übertragen. Warum Weihnachten trotz Pandemie ein schönes Fest sein kann, erzählt Pastor Wolfgang Kube im Interview.

Warum kann Weihnachten 2020 trotz Pandemie ein schönes Fest sein?
Die kirchlichen Feste sind immer ein besonderer Augenblick im Leben, es sind Gelegenheiten, sich deutlich zu machen: Was ist mir wichtig? Das Kind in der Krippe verkündet die Botschaft: Gott macht sich schutzlos. Menschen suchen nach Schutz für ihr Leben, gerade, wenn sie sich unsicher und hilflos fühlen. Bei diesen Gedanken ist Gott nahe. Weihnachten ist ein Familienfest mit Besuchen und manchem Trubel. Dieser Trubel fehlt in diesem Jahr. Aber der Kern der Weihnachtsbotschaft bleibt. Maria und Josef schützen dieses Kind in der Krippe. Ihre Not ist anders damals, aber es ist auch eine Notzeit. Wir versuchen heute, die Pandemie zu überstehen, uns und unsere Mitmenschen zu schützen und diese Zeit in gegenseitiger Rücksichtnahme zu bewältigen. Im kleinen Kreis der Familie, mit vielen Telefongesprächen, Postkarten und Weihnachtsbriefen können wir uns auch nahe sein. Viele haben tolle Ideen, machen das Beste aus der Situation und freuen sich an dem, was möglich ist. Schwierig ist es für die Menschen, die sonst auch eher alleine sind an Feiertagen. Ich wünsche mir, dass die mancherorts wieder erwachte Achtsamkeit eine Hinwendung möglich macht und es vielleicht gelingt, diesen Menschen mit kleinen Gesten Aufmerksamkeit zu schenken.
Sie sind sicher schon längst in den Vorbereitungen. Werden es mehr Gottesdienste als sonst, um alle Menschen irgendwie unterzubringen?
Wir versuchen, über die Feiertage mehr Gottesdienste anzubieten als sonst, allerdings ohne damit jedem die Teilnahme am Gottesdienst wie unter normalen Umständen möglich machen zu können. Deshalb sind wir dabei, einen Gottesdienst für die Feiertage zu erstellen, den man bei Youtube mitfeiern kann und einer der Heiligabendgottesdienste wird live übertragen. Das wird alles noch rechtzeitig auf unserer Homepage veröffentlicht. Die Hinweise an die Gemeindeglieder sind schon per Post unterwegs.
Es gibt Gemeinden, die andere Orte für die Weihnachtsgottesdienste planen, zum Beispiel in Stadien ausweichen. Ist so etwas für Nachrodt auch im Gespräch oder im Gespräch gewesen?
Wir hatten anfangs solche Überlegungen, haben dann aber feststellen müssen, dass das unsere Möglichkeiten übersteigt. Vom technischen Aufwand, aber auch vom Personal her. Man braucht einen professionellen Ordnungsdienst, allein schon für die Einweisung auf den Parkplätzen. Dann muss man gewährleisten, dass die Gottesdienst Teilnehmer an einem zugewiesenen Platz stehen bleiben, denn der feste, durchnummerierte Sitzplatz fehlt. Aber abgesehen davon finde ich das unangemessen. Die Sportvereine nutzen ihre Anlagen nicht mehr, weil das Risiko zu hoch ist, und wir laden dorthin zu einem Fest ein mit der Sorge, den Überblick zu verlieren. Wir sind dann wieder zu der Erkenntnis gekommen, dass wir unser Hygienekonzept in der Kirche besser garantieren können. Vielleicht sind wir besonders vorsichtig, aber wir wollen auch keine unkalkulierbaren Risiken eingehen. Man kann nicht von Rücksichtnahme predigen und dann alle rechtlich zulässigen Möglichkeiten ausreizen, ohne Rücksichtnahme. Abgesehen davon wissen wir ja gar nicht, ob weitere Einschränkungen auf uns zukommen.
Heiligabend ist der Tag, an dem auch diejenigen in die Kirche möchten, die sonst gar nicht oder nicht so oft zum Gottesdienst gehen. Kann das in diesem Jahr auch so sein?
Grundsätzlich stehen unsere Gottesdienste natürlich jedem zur Verfügung. Da wir unter der Bedingung des Hygienekonzeptes aber deutlich weniger Plätze pro Gottesdienst anbieten können, müssen wir in diesem Jahr um Voranmeldungen bitten. Außerdem ist die doppelte Nachverfolgbarkeit vorgeschrieben, wir müssen dokumentieren, wer an welchem Platz gesessen hat. Für einen möglichst reibungslosen Ablauf müssen wir Listen mit den Namen der angemeldeten Personen vorbereiten, die wir beim Betreten der Kirche ankreuzen können, um der Dokumentationspflicht nachzukommen und den Besuchern einen festen Platz zuzuweisen. Ich bedaure diese Einschränkung sehr, sehe aber leider keine andere Möglichkeit, die gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. In dieser Zeit, für die es keine Blaupausen gibt, suchen wir nach dem bestmöglichen Prozedere und lernen dabei auch aus Fehlern. Wir verstärken z. B. unsere Bemühungen auf die erforderlichen Anmeldungen in der Presse, im Internet, durch persönliche Anschreiben an die Gemeindeglieder und durch Abkündigungen in jedem Gottesdienst hinzuweisen. Bei mehr Anmeldungen als verfügbaren Plätzen können wir eine Absage ein paar Tage vorher leider nicht ausschließen. Für diesen Fall haben wir mehr Gottesdienste als üblich und bieten Online-Gottesdienste an. Für den Heiligabend ist eine vorherige Anmeldung obligatorisch und wir verschicken rechtzeitig eine Antwort. Die Feier der Gottesdienste an den Weihnachtsfeiertagen war bisher ohne Anmeldung geplant. Durch die jetzige Situation sind wir leider gezwungen, auch bei diesen Gottesdiensten mit Anmeldungen zu arbeiten und ich bitte jeden sich rechtzeitig zu melden.
Viele Menschen erwarten sicher auch Halt in dieser schweren Zeit von ihrem Pastor. Ist heute Seelsorge mehr denn je gefragt?
Es ergeben sich immer wieder Situationen, in denen ein Gespräch wichtig ist, aber das Thema Corona hat darauf keinen signifikanten Einfluss. Die Situation jetzt findet niemand schön, es gibt immer wieder Sorgen und ein Gefühl, das ich eher als Erschöpfung durch die ja schon lange währenden Einschränkungen und fehlenden Kontakte bezeichnen würde. Aber meinem Eindruck nach sind die meisten Menschen sehr einsichtig und bei Sorgen hilft oft schon ein kleines Gespräch, meist am Telefon.
Arbeiten Sie schon heute an Ihrer Predigt für Weihnachten? Und wird die Pandemie ein zentrales Thema sein?
Ja, ich arbeite nicht nur an den organisatorischen Vorbereitungen, in der Tat schon am Heiligabendgottesdienst selber. Corona wird da nicht zentrales Thema sein. Gottes Menschwerdung ist das Thema an Heiligabend, das kann kein Virus ändern. Wenn Gott klein, schwach und hilfsbedürftig in unsere Welt kommt und in der Krippe im Stall seine erste Unterkunft findet, dann ist das gerade die Botschaft, die eine Perspektive aufzeigt, wie man sein eigenes Leben unter Corona -Bedingungen verstehen kann: Machtlosigkeit aushalten, nicht resignieren, bedacht handeln und solidarisch denken.
Heiligabend ist und bleibt am 24. Dezember. Ist das das Einzige, was auch das Virus nicht ändern kann oder gibt es weitere Dinge aus Ihrer Sicht?
Wie schon gesagt, die Weihnachtsbotschaft bleibt die Gleiche. Und wenn wir nicht verquer denken, sondern vernünftig bleiben, dann gibt es auch keinen Grund dafür, anzunehmen, alles stünde auf dem Kopf. Gesellschaftlich gibt es bestimmt einige notwendige Diskussionen und daraus folgende Veränderungen. Wie wird zum Beispiel medizinisches Personal bezahlt, was darf uns das Gesundheitssystem kosten, bis hin zum Desinfektionsmittel und Masken, die vorgehalten werden, die man normalerweise nicht braucht, aber im Notfall einer Pandemie fehlen. Muss man Medikamente in Asien produzieren, damit sie noch billiger sind? Wenn die Handelswege blockiert sind, fehlt ein 08/15 Präparat in der Apotheke. Das haben ja manche schon vor Corona gespürt, als zeitweise ihr bewährtes Medikament nicht sofort lieferbar war, und sie darauf warten mussten, weil eine der Firmen in Asien, an die outgesourct war, Probleme hatte. Trotz Impfmüdigkeit sollte inzwischen deutlich geworden sein, wie wichtig es ist, dass sich alle, die es gesundheitlich können, impfen lassen, um die, die es nicht können, damit zu schützen. Oder, wollen wir wirklich in solch eine Notlage kommen, dass entschieden werden muss, welcher Patient behandelt werden kann, und für wen kein Beatmungsgerät zur Verfügung steht?
Kann man als gläubiger Mensch einen Sinn in der jetzigen Zeit finden?
Ein Virus ist sinnlos, das ist ein rein biologisches Phänomen. Insofern hat das nichts mit Sinn zu tun. Sinn entsteht bei der Art, wie wir mit Notsituationen umgehen.

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