Visionen für Nachrodt-Wiblingwerde

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Bürgermeisterin Birgit Tupat im AK-Interview.

Nachrodt-Wiblingwerde - Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben… ob dieses populäre Zitat wirklich von Albert Einstein ist, ist nicht belegt. Fakt ist aber, dass auch Bürgermeisterin Birgit Tupat gern nach vorn blickt – obwohl es einige „Baustellen“ in Nachrodt-Wiblingwerde gibt. Im Interview spricht sie über den neuen Gemeindeentwicklungsplan, über die anstehende Bürgermeisterwahl, aber auch über die Sorgenkinder Amtshaus, Rastatt, Vorraum der Lennehalle.

Der Förderbescheid für den Gemeindeentwicklungsplan ist da. Die Gemeinde hat lange darauf gewartet, nicht wahr? 

Birgit Tupat: Ja. Angesprochen hatte ich es bereits im Frühjahr. Dann wurden entsprechende Angebote von Planungsbüros eingeholt. Damit sind wir in die Ratssitzung gegangen. Anfang August haben wir den Antrag in Arnsberg gestellt. Dann gab es natürlich die neue Landesregierung, man musste sich dort erst mal finden. Aber letzte Woche ist er endlich gekommen.

 In welcher Höhe gibt es Zuschüsse? 

Birgit Tupat: 75 Prozent (für die Kosten des Planungsbüros Plan lokal, die bei 35000 Euro liegen). Wie geht es jetzt weiter? Birgit Tupat: Zunächst gibt es ein Gespräch mit den Planern, um eine Zeitschiene festzulegen. Es geht um Bürgerbeteiligung, also Einwohnerversammlungen, – aber auch Gewerbetreibende und die Politik sind natürlich im Boot. Es wird ein Arbeitskreis gebildet. Dann werden Projekte für Nachrodt-Wiblingwerde gesammelt. Man rechnet etwa neun Monate, bis der Plan steht.

Es geht also um Zukunftsvisionen? 

Birgit Tupat: Ja durchaus. Es wird erst einmal der Ist-Zustand erfasst und dann geht es um Visionen, Pläne. Man kann zum Beispiel ein Gebiet rund um das Amtshaus als Sanierungsgebiet schaffen. Und für solche Maßnahmen können städtebauliche Mittel beantragt werden. Es geht darum, Fördertöpfe zu bekommen, die es in riesiger Vielfalt gibt. Lüdenscheid hat zwei Leute beschäftigt, die sich nur um eben diese Fördermittel kümmern: Wo, wie, wann kann ich die bekommen. Auch private Haushalte können profitieren – es gibt beispielsweise Fassadenprogramme. Dann hatte ich immer schon über eine Fußgänger-, Radfahrerbrücke über die Lenne nachgedacht. Bei den Schul- und Sportstätten könnte/sollte man Barrierefreiheit herstellen. Dazu können auch energetische Sanierungsprogramme gehören. Oder aus der alte Schule Veserde könnte ein Dorfgemeinschaftshaus entstehen. 

Man denkt also auch an die Außenbezirke?

 Birgit Tupat: Natürlich. Es geht um das ganze Gemeindegebiet. Und es wird auch nicht nur eine Einwohnerversammlung stattfinden. Jetzt liegt ja einiges im Argen. Baulich gesehen. Soll das auch eingebunden werden? Birgit Tupat: Für das Amtshaus wäre es beispielsweise eine Möglichkeit. Da könnte man Fördergelder bekommen. Aber wenn man einmal umbaut, dann muss man auch an Barrierefreiheit denken. Es reicht nicht der Zugang, man kommt ja nicht in die anderen Etagen. Wenn man das Amtshaus also erhält und durch eine Barrierefreiheit erweitert, fallen Büros weg. Eventuell müsste dann ein Anbau geplant werden. Es geht darum, Ideen, Visionen zu entwickeln und die Bürger dabei mitzunehmen. Da müssen alle an einen Tisch.

2018 steht die Bürgermeisterwahl an. Es steht noch nicht fest, ob Sie einen Gegenkandidaten bekommen. Sie kandidieren, obwohl Ihre Amtszeit nicht immer so einfach war, auch manchmal von Anfeindungen im Rat geprägt waren. Hat das nicht viel Kraft gekostet?

 Birgit Tupat: Das hat sicherlich Kraft gekostet, aber ich habe auch ganz viele Menschen – und nicht nur Familie und Freunde – von denen ich Zuspruch bekomme. Auch von ganz unterschiedlichen Leuten übrigens, die mich unterstützen. Das bestärkt mich schon, das weitermachen zu wollen.

Ist es mehr als schwierig, als parteilose Bürgermeisterin zu arbeiten?

 Birgit Tupat: Nicht unbedingt schwierig. Aber es gibt sicherlich die Fraktion, die mich nicht unterstützt, mich genau beobachtet, die das Handeln ganz genau unter die Lupe nimmt. Und das führt natürlich auch zu Spannungen. 

Sind Sie guter Dinge für den Wahlkampf? Gehen Sie von Haus zu Haus?

Birgit Tupat: Ja. Warum nicht? Letztes Mal habe ich einen Flyer verteilt. Aber man sollte nicht so viel drauf schreiben. Das liest kein Mensch. Und natürlich stelle ich mich wieder vor Edeka. Meine Familie muss wieder Waffeln backen (lacht). Ich mache auf jeden Fall was und halte es nicht für selbstverständlich, dass mich die Leute wählen.

 Bürgermeister oder -meisterin ist man 24 Stunden...

Birgit Tupat: Ja. Das ist kein Lehrberuf, kein Job wie jeder anderer. Man steht im Fokus der Öffentlichkeit. Auch beim Einkaufen sprechen mich die Leute an. Das dürfen sie auch gerne machen. Ich habe meist einen Zettel in der Tasche, damit ich nichts vergesse (lacht).

Werden Sie auch angefeindet? Mit Hass- oder Droh-Mails?

 Birgit Tupat: Nein. Natürlich gibt es auch Leute, die sauer über die eine oder andere Entscheidung sind. Die mir auch Mails schreiben. Aber es geht nicht unter die Gürtellinie. Ich kann in vielen Situationen auch Unmut verstehen, dass man mit Entscheidungen nicht einverstanden ist. Oft geht es um Dinge, die ich nicht alleine entscheide, sondern die im Rat getroffen werden.

Apropos Rat. Die Entscheidung, Ulrich Vogel von der letzten Ratssitzung auszuschließen, könnte das Nachspiel haben, dass alle Beschlüsse ungültig sind. Im Rückblick gesehen: War das eine Peinlichkeit?

Birgit Tupat: Nein, so möchte ich das nicht sehen. Die Stimmung war emotional aufgeladen, und deshalb ist diese Entscheidung gefallen. Ich hätte die Sitzung unterbrechen müssen. Aber es ist anders passiert. Wir wissen aber noch nicht, ob die Beschlüsse ungültig sind. Wir warten darauf, was die Aufsichtsbehörde dazu sagt.

Schauen wir auf die Windkraft. Es ist entschieden, dass die 22. Änderung des Flächennutzungsplanes auf Eis gelegt wird und die 10. und 19. Änderung nicht aufgehoben wird. Hat sich Kreis mittlerweile geäußert?

Birgit Tupat: Nein, noch nicht.

Was denken Sie denn, wie es weitergeht?

 Birgit Tupat: Ich weiß nicht, wie sich der Kreis positioniert. Ich könnte mir schon vorstellen, dass er die Ersatzvornahme anstößt und die 19. und 10. Änderung aufhebt.

Dann käme das Szenario zum Tragen, das Petra Triches in der Ratssitzung formuliert hat. Feuer frei für alle Windenergie-Investoren.

 Birgit Tupat: Ja. Aber die müssten natürlich auch alle Gutachten vorlegen. Es werden jetzt nicht auf einmal zehn Genehmigungen ausgesprochen. Wir wissen alle, wie lange so ein Verfahren dauert.

 Die Gemeinde selber will aber nicht gegen den Kreis klagen, oder?

Birgit Tupat: Ich wüsste nicht, in welcher Form. Gegen die Ersatzvornahme ist keine Klage möglich.

Anderes Thema: Die Flüchtlingshäuser an der Hagener Straße 114/116 sind abgerissen, das Haus 150 steht zum Abbruch an. Man hat den Eindruck, dass Nachrodt in Schutt und Asche liegt?

Birgit Tupat: Ich hätte mir das auch anders gewünscht. Gar keine Frage. Aber wenn natürlich Liegenschaften oder Häuser so marode sind, wenn Hausschwamm gefunden wird, dann ist die Entscheidung sicher richtig.

 Was ist aber, wenn noch einmal sehr viele Flüchtlinge in die Doppelgemeinde kommen? Birgit Tupat: Die Unterbringungen in den Wohnungen funktioniert gut. Am Anfang hakt vielleicht manches. Wir haben noch Wohnungen, die wir angemietet haben. Die sind mit dem Notwendigsten eingerichtet. Wir hatten im August von der Bezirksregierung die Ankündigung, dass 25 Flüchtlinge zugewiesen werden. Die sind nicht gekommen. Wir sind aber vorbereitet und haben Möglichkeiten der Unterbringung geschaffen. Sollten es wirklich mehr Menschen werden, so wie 2015, dann muss man gucken, ob wir vielleicht Wohncontainer übergangsweise mieten. Das Ziel sollte aber immer die dezentrale Unterbringung sein. Man merkt einfach, dass sich die Menschen viel eher eingewöhnen und sie das Gefühl haben, akzeptiert zu werden. Und es baut auch Berührungsängste ab.

 Kommen wir zur Rastatt – auch schon seit einem Jahr in aller Munde. Rat und Verwaltung haben sich entschieden, jetzt erst einmal alle Gebäude in Augenschein zu nehmen. Welche sind das?

 Birgit Tupat: Hagener Straße 96, Hagener Straße 7 (Bücherei/Jugendzentrum), Alte Schule Veserde, die Schulen, Lennehalle, Sportstätten. Und es ist sinnvoll, den Stand der Dinge zu erfahren.

Die Gemeinde ist eine der wenigen, die mit der Rastatt eine eigene Gaststätte hat. Wenn die Rastatt aufgegeben wird, gibt es im unteren Gemeindebezirk nichts mehr für die Bürger, wo sie sich treffen, wo sie feiern können.

Birgit Tupat: Ja und deshalb muss man gucken, wie man mit der Problematik, wie man mit den Sanierungskosten umgeht. Da muss man ein Konzept entwickeln. Wenn wirklich nur der Abriss in Frage kommen würde, muss man weiterdenken. Kann ich dort etwas Neues errichten mit Lokalität?

Neubau mit Amtshaus, mit Saal, mit Gaststätte?

Birgit Tupat: Vielleicht. Aber wie groß wird so etwas, was würde es kosten?

Aber dann würde man das Amtshaus an jetziger Stelle aufgeben?

 Birgit Tupat: Da müsste man gucken. In Iserlohn gibt es beispielsweise jemanden, der so alte Gebäude saniert. Natürlich haben wir da auch schon drüber nachgedacht. Der Vorraum der Lennehalle ist auch ein Dauerbrenner-Thema. Er sollte schon längst renoviert sein.

Birgit Tupat: Wir haben die Vereine angeschrieben. Die Nutzungsmöglichkeiten haben wir ja schon gemeinsam gesammelt. Sobald wir die Rückmeldungen haben, werden wir uns noch einmal mit den Leader-Managerinnen zusammensetzen, um das Förderprojekt anzustoßen.

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