1. come-on.de
  2. Lennetal
  3. Nachrodt-Wiblingwerde

Intercity-Unfall im Lennetal: Ermittlungen der Bundespolizei laufen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Markus Wilczek, Susanne Fischer-Bolz

Kommentare

Am Bahnübergang Bachstraße stieß der Intercity 34 mit dem roten Renault zusammen.
Am Bahnübergang Bachstraße in Nachrodt-Wiblingwerde stieß der Intercity 34 mit einem roten Renault zusammen. © Lydia Machelett

[Update 16.40 Uhr:] Weil ein Bahnübergang im Lennetal nicht gesichert war, krachte am Mittwochabend ein Intercity auf der Ruhr-Sieg-Strecke in ein Auto, die Fahrerin wurde verletzt. Warum die Sicherung des Bahnübergangs nicht funktioniert hat, ermittelt die Bundespolizei. Andere Autofahrer melden sich jetzt zu Wort. Es gab bereits vor dem Unfall heikle Situationen am Bahnübergang Einsal.

Auf dem Bahnübergang an der Bachstraße in Nachrodt-Wiblingwerde stieß am Mittwochabend ein Intercity mit einem Auto zusammen, die Fahrerin wurde verletzt und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Passiert ist der Unfall, weil der Bahnübergang nicht gesichert war.

Wegen der noch laufenden Restarbeiten an der Ruhr-Sieg-Strecke, die nach dem Juli-Unwetter erst seit Montag wieder befahrbar ist, sind die Schranken an der Bachstraße derzeit außer Betrieb. Streckenposten sollen den Bahnübergang sichern, sobald sich ein Zug nähert. Warum dies am Mittwochabend nicht erfolgt ist, ermittelt nun die Bundespolizei Dortmund, die für die Zugstrecke durch das Lennetal zuständig ist.

Polizei wertet Protokolle und Tondokumente aus

„Die Ermittlungen gehen in Richtung menschliches Versagen“, sagte ein Polizeisprecher am Donnerstagmorgen auf Anfrage der Redaktion. Die Kollegen seien nach dem Unfall vor Ort gewesen, um sich die Örtlichkeit anzuschauen und mögliche Spuren zu sichern. „Zudem werden die Protokolle der Zugfahrten in dem betroffenen Abschnitt und die Audioaufnahmen ausgewertet“, sagte der Polizeisprecher. So bekämen die Streckenposten vor Ort vom zuständigen Fahrdienstleiter bei jedem Zug, der sich dem Bahnübergang nähert, schriftlich und auch per Audioaufnahme eine Mitteilung, wann der Bahnübergang zu sichern ist. Diese Anweisungen würden nun ausgewertet. Dafür habe sich die Polizei auch die Empfangsgeräte der Streckenposten am Bahnübergang Bachstraße angeschaut.

Das Auto wurde bei dem Zusammenstoß mit dem Intercity schwer am Heck beschädigt.
Das Auto wurde bei dem Zusammenstoß mit dem Intercity schwer am Heck beschädigt. © Lydia Machelett

Eine 19-jährige Nachrodterin hatte mit ihrem Fahrzeug von der Bachstraße auf die Bundesstraße 236 abbiegen wollen und fuhr dafür über den Bahnübergang, als sich aus Richtung Nachrodt der Intercity näherte. Weil die junge Frau dies noch rechtzeitig bemerkte und Gas gab, wurde das Auto „nur“ am Heck getroffen und einmal um die eigene Achse gedreht, allerdings nicht genau im Bereich der Fahrertür. Dennoch wurde die 19-Jährige leicht verletzt und wurde nach einer Behandlung vor Ort durch die Rettungskräfte in ein Krankenhaus gebracht.

Zug fährt mit reduzierter Geschwindigkeit

„Glücklicherweise war der Intercity in diesem Bereich mit nur reduzierter Geschwindigkeit unterwegs, weil die Schranken dort außer Betrieb sind und es keine freie Strecke ist. Andernfalls hätte die Sache noch viel schlimmer ausgehen können“, so der Bahnsprecher. Die Ermittlungen liefen auf Hochtouren.

Der Intercity 34, hier am Bahnhof in Plettenberg, fährt erst seit Montag durch das Lennetal. Debi kam es schon häufig zu Verspätungen und nun auch zu einem schweren Unfall.
Der Intercity 34, hier am Bahnhof in Plettenberg, fährt erst seit Montag durch das Lennetal. Debi kam es schon häufig zu Verspätungen und nun auch zu einem schweren Unfall. © Christos Christogeros

Die Ruhr-Sieg-Strecke war nach dem Unfall von 17.55 bis 20.45 Uhr für den Zugverkehr gesperrt. 14 Züge fuhren dadurch eine Verspätung von rund 500 Minuten ein, 13 Züge fielen komplett aus. Die Fahrgäste des Intercitys, der Polizeisprecher sprach von 34 Personen, nachdem an der Unfallstelle noch von 60 Menschen die Rede gewesen war, mussten mehr als eineinhalb Stunden im Zug ausharren, bevor sie mit angeforderten Taxis ihre Fahrt fortsetzen konnten.

Eine Anfrage in der zuständigen Bahnpressestelle am Donnerstagmorgen brachte zunächst noch keine neuen Erkenntnisse zum Unfall. „Zum konkreten Hergang dieses Unfalles und möglicher Konsequenzen können wir aufgrund der aktuellen Ermittlungen der Polizei derzeit noch nichts sagen und unterstützen diese bei der Aufklärung“, sagte ein Bahnsprecher. Der Bahnübergang in Nachrodt sei bei der Flutkatastrophe stark beschädigt worden. „Da wir noch auf Ersatzteile warten, muss er derzeit durch sogenannte Bahnübergangsposten mit rot-weißem Flatterband gesichert werden“, so der Bahnsprecher.

Posten müssen permanent erreichbar sein

Bahnübergangsposten würden telefonisch vom Fahrdienstleiter informiert, dass der Zug passieren soll und der Bahnübergang geschlossen werden muss. Die Posten müssten hierzu permanent erreichbar für die Fahrdienstleiter sein. „Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die den Kollegen und Kolleginnen volle Aufmerksamkeit abverlangt. Sie gewährleisten den sicheren Bahnbetrieb sowie den fließenden Verkehr“, sagt der Bahnsprecher.

Voraussichtlich ab der nächsten Woche solle am BAhnübergang Bachstraße eine schon länger geplante technische Hilfsschranke zum Einsatz kommen, die von den Bahnübergangsposten bedient werden. „Ab Anfang nächsten Jahres, ein konkretes Datum können wir noch nicht benennen, soll dann die automatische Schrankenanlage wieder in Betrieb gehen“, so der Bahnsprecher.

Züge haben häufig Verspätung

Zur Anfrage, warum es auf der Ruhr-Sieg-Strecke häufig zu Verspätungen kommt, seitdem diese seit Montag auch von der Intercity-Linie 34 befahren wird, äußerte sich der Bahnsprecher nicht. Betroffen davon sind die Intercity-Züge der Deutschen Bahn und die Regionalverkehrszüge von Abellio. Die Züge fuhren in den ersten Tagen eine Verspätung von fünf bis zu 80 Minuten ein.

Es gab bereits zuvor heikle Situationen

„So kurz vor Weihnachten war das noch mal ein richtiger Schock“, sagt Bürgermeisterin Birgit Tupat. Dass viele Menschen jetzt von mehreren Fast-Unfällen in der jüngsten Vergangenheit am Bahnübergang berichten, erschüttert sie. „Warum hat sich niemand bei uns oder bei der Polizei gemeldet? So etwas müssen wir doch wissen.“ Heraus kommt nämlich jetzt, dass die Sicherung des Bahnübergangs auch vorher das eine oder andere Mal nicht geklappt hat. „Ist es normal, dass die Schranken an den Gleisen nicht schließen und auch niemand dort steht, um den Übergang zu überwachen? Wäre ich eine halbe Minute vorher da drüber gefahren, wäre ich auch erfasst worden“, schreibt ein Nachrodter auf der gleichnamigen Facebook-Seite.

„Ich habe mich noch gewundert“

Und Ulrike Herbel erzählt der Redaktion: „Ich bin am Bahnübergang Richtung Altena vorbei gefahren und habe eine ähnliche Situation beobachtet wie die, die eineinhalb Stunden später zu dem Unfall geführt hat. Linksabbieger auf den Gleisen, die beiden Bahnmitarbeiter standen am Bahnübergang an der Bachstraße und unterhielten sich. Auf Höhe der Einsaler Walzwerke kam der Abellio Richtung Letmathe angefahren. Dafür, dass der Zug nur 200 bis 300 Meter entfernt war, habe ich mich noch gewundert, dass der Bahnübergang nicht abgesperrt war und gehofft, dass der Pkw noch rechtzeitig wegfahren konnte.“

Streckenposten werden beschimpft

Viele Nachrodter machen die Streckenposten für das Unglück verantwortlich, die augenscheinlich auch nicht selten von Autofahrern beschimpft werden. „Allein, wie sich einige dort aufführen. Hupen, die armen Jungs anbrüllen, die dort bei Wind und Wetter stehen und fast umgefahren werden.“

Wie verhält man sich richtig?

Bei allen Vorwürfen Richtung Bahn steht ein Thema über allem: die Diskussion, wie sich Autofahrer an Bahnübergängen zu verhalten haben. Schon in der Fahrschule lernt man, dass man auch bei geöffneten Schranken nicht auf die Gleise fährt, wenn sich der Verkehr staut. „Ich fahre tagtäglich daher und rege mich jeden Tag darüber auf, dass es immer wieder Idioten gibt, die sofort den Bahnübergang befahren, obwohl der Wagen vorne gar nicht wegkommt. Lasst doch einfach alle den Bahnübergang frei, wenn es vorne nicht weiter geht“, so der Appell einer Facebook-Nutzerin. Dass dann andere hupen und ungeduldig werden, hat auch Birgit Tupat schon erlebt. „Aber mir ist es egal, ob da hinten jemand in mein Auto kriecht. Selbst als gar keine Züge gefahren sind, habe ich vor den Gleisen gewartet“, erzählt die Bürgermeisterin abschließend.

Auch interessant

Kommentare