Impfpriorisierung wird aufgehoben: Andrang erheblich / Erzürnte Patienten

Praxis-Mitarbeiter gehen am Stock

Praxis Matthias Hartig: Die Mitarbeiter sind im Dauerstress.
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Praxis Matthias Hartig: Die Mitarbeiter sind im Dauerstress.

Ungeduldige und verärgerte Patienten, 200 Anrufe am Tag, von denen sich 180 nur um Impfungen drehen, nicht ausreichend gelieferter Impfstoff: In der Hausarzt-Praxis von Matthias Hartig gehen alle Mitarbeiter am Stock.

Nachrodt-Wiblingwerde – Wenn nun am 7. Juni die Priorisierung für die Corona-Schutzimpfungen aufgehoben wird, könnte sich der Andrang noch einmal verschärfen. „Wir können aber nicht einen 58-Jährigen mit Bluthochdruck hinten anstellen, weil ein 18-Jähriger schneller durchgekommen ist“, sagt Britta Klein, die sich mit ihrer Kollegin Sarah Schmoetten um die Impflisten kümmert.

Der Impfstoff ist begrenzt

Vieles, was die beiden Frauen am Telefon erleben, bekommt der Chef gar nicht mit. „Sie kriegen mehr ab als ich weiß“, sagt Matthias Hartig. Seine chronisch kranken Patienten sind geimpft, so dass die Priorisierung mehr oder weniger jetzt schon nicht mehr gilt. „Der Andrang wächst natürlich, ganz besonders mit Blick auf den Urlaub wollen viele geimpft werden“, hat Matthias Hartig durchaus Verständnis für das Anliegen. Aber der Impfstoff ist begrenzt. Schneller geht es mit Astrazeneca. Biontech gibt es aktuell nur noch für die Zweitimpfungen, aber der Impfstoff von Johnson & Johnson soll jetzt auch ausgeliefert werden. Letzterer wird nur einmal geimpft, „ist aber ähnlich wie Astra nicht für Frauen vor der Memopause“, sagt Matthias Hartig.

Es gibt keinen Anlass aufzugeben

Obwohl im Dauerlauf und Dauerstress sieht er keinen Anlass, nicht mehr zu impfen. Andere Hausärzte hatten dies schon aufgrund der Überbelastung angekündigt und weil sie Schwierigkeiten mit der regulären Versorgung von Patienten haben. „Davon bin ich weit entfernt. Es ist immer noch eine gesellschaftliche Aufgabe, die wir zu erfüllen haben. Es geht nicht um den Urlaub, es ist der Kampf gegen die Pandemie, damit ein normales Leben wieder möglich wird. Die Folgeschäden sind erheblich. Es wird Zeit, dass die Menschen wieder Sport treiben, soziale Kontakte gegen die Einsamkeit pflegen können und vieles mehr. Dabei zu helfen, dazu fühle ich mich verpflichtet“, sagt der Nachrodter Hausarzt.

Man kann es nicht alle Recht machen

Unterdessen hat sein Team eine Menge auszuhalten. „Es ist schon heftig“, sagt Britta Klein und ergänzt: „Man wirft uns vor, dass die Nachbarn geimpft sind und es doch eine große Sauerei sei, wenn sie selbst noch nicht dran seien. Andere wollen nur mit Biontech geimpft werden und geben uns die Schuld, weil wir zu wenig bestellt hätten.“ Die Impflisten sind alles andere als willkürlich. Es geht nicht nach der Devise, wer am lautesten brüllt, kommt zuerst dran. „Wer zuckerkrank ist, muss doch eher geimpft werden als jemand, der ein Rückenleiden hat“, sagt Britta Klein, die sich „einen Wolf telefoniert“, wie sie schmunzelnd erzählt. „Man kann es leider nicht allen Recht machen.“ Da die jungen Kolleginnen sich gegen die Angriffe von erbosten Patienten oft nicht zur Wehr setzen können, übernehmen Britta Klein und Sarah Schmoetten die Telefonate. Schön findet Britta Klein, dass es auch Patienten gibt, die sich für den Einsatz bedanken oder die ihre Freunde kundtun.

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