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„Ihr müsst aber auch mal atmen“: Kabarettistin Esther Münch begeistert in Wiblingwerde

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Von: Michael Koll

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Putzfrau „Walli“ sieht Land, Leute und Leben um sich herum kritisch. Wie kritisch, erfuhren die Besucher des Kabarettabends am Samstag im evangelischen Gemeindehaus in Wiblingwerde.
Putzfrau „Walli“ sieht Land, Leute und Leben um sich herum kritisch. Wie kritisch, erfuhren die Besucher des Kabarettabends am Samstag im evangelischen Gemeindehaus in Wiblingwerde. © Koll

Kreischendes Gelächter erfüllte das evangelische Gemeindehaus in Wiblingwerde am Samstagabend. Der Saal war ausverkauft.

Nachrodt-Wiblingwerde – Auf der Bühne stand die Reinigungsfachkraft Waltraud Ehlert, dargestellt von Esther Münch, die im breitesten Ruhrgebiets-idiom die Menschen mitriss wie ein Orkan und begeisterte wie Freibier.

Münch kam auf Einladung der SPD im Nachgang zum Internationalen Frauentag, der jährlich am 8. März begangen wird. „Walli“ ist dabei allerdings weniger feministisch als männerhassend. Doch auch die – wenigen – Herren im Publikum hatten ihre helle Freude an der Komikerin.

Mit der Grammatik auf Kriegsfuß

Ihre Bühnenfigur ist einfach gestrickt und weicht vor keiner schlüpfrigen Zote zurück. Jede Frau bezeichnet sie als „Olle“ und alle Kinder als „Blagen“. Statt Abitur sagt sie „Appretur“ und mit der Grammatik steht sie auf Kriegsfuß, was Preziosen entstehen lässt wie: „Ich warte schwanger und neun Monate später kamte unser Werner. Doch der warte damals noch keine Kaiserschnitte.“ Stolz verkündet sie also: „Ich habe Deutsch-Kurse für Flüchtlinge gegeben.“

Putzfrau Walli sieht Land, Leute und Leben um sich herum kritisch. Künstliche Fingernägel sind für sie „Ibiza-Schüppen“. Und neumodische Kaffee-Kreationen bezeichnet sie als „Latte Matschekato“.

Lachsalven beim Publikum

Münch löst durch das bloße Verlesen eines Thermomix-Rezeptes oder mit der bildlichen Schilderung, wie sie sich in formgebende Unterwäsche zwängt, bei ihrem Publikum Lachsalven aus. Diese geraten derart heftig, dass sie besorgt ausruft: „Ihr müsst aber auch mal atmen!“

Die SPD hatte zum Kabarettabend nach Wiblingwerde eingeladen und durfte sich über ein ausverkauftes Haus freuen.
Die SPD hatte zum Kabarettabend nach Wiblingwerde eingeladen und durfte sich über ein ausverkauftes Haus freuen. © Koll, Michael

Die Kittel tragende Walli schimpft: „In den Städten haben die Kinder kaum noch Muskulatur in die Beine. Die dürfen heute ja nicht mehr in die Schule laufen.“ Und immer wieder bekräftigt sie ihre Abneigung gegen dieses oder jenes: „Ich bin da ja fies für.“

„Walli“ trägt das Herz auf der Zunge

Münchs Kunstfigur trägt das Herz auf der Zunge. So fragt sie die Zuschauer im Saal: „Ich weiß nicht, ob Ihr das kennt, wenn Du denkst, Du denkst, dabei ist es schon raus?“ Und dann ertappt sie einen Zuschauer, der unaufmerksam ist und raunzt ihn an: „Hömma Schätzken, ich sehe, dass’de dat Handy anhast!“

Immer wieder lacht Walli über ihre eigenen Sprüche. Es klingt wie das Krächzen einer Krähe. Über ihre Ehe sagt sie: „Wir leben vegetarisch: also nicht auffen Teller – sondern im Bett.“ Zu ihrem Mann Willi fällt ihr nur ein: „Ich frag’ mich auf den Weg im Urlaub immer, warum man das nur mit den Hunden macht – das Aussetzen?“

Probleme mit dem veränderten Zeitgeist

Mit dem veränderten Zeitgeist hat die Reinigungskraft so ihre Probleme, womit sie offen umgeht: „Ich bin gar nicht dafür, Kinder zu schlagen. Aber die Eltern haben sich danach immer besser gefühlt.“

Doch auch die Eltern kriegen bei der resoluten Frau ihr Fett weg: „Viele Erwachsene haben ja keine Zeitung mehr“, kritisiert sie. „Die lesen im Internet nur die Überschrift. Für mehr müssten sie ja bezahlen“, echauffiert sie sich. Und schon giftet sie: „Und sowas hat nun Blagen!“

Die Zuschauer gehen voll mit

Die Zuschauer in Wiblingwerde gehen voll mit. Mal lachen sie, weil sie sich ertappt fühlen. Mal, weil Walli ihnen aus der Seele redet. Und dann auch wieder, weil die Bühnenfigur Dinge ausspricht, die sich selbst nicht zu sagen getrauen.

Wer im Saal nicht vorher schon Fan von Esther Münch war, ist es wohl in diesen zwei Stunden geworden. Und am Ende werden die Anhänger der Komikerin überrascht von der Zugabe, bei welcher sich Walli von der Kittel-Frau in eine Abendkleid tragende Sängerin verwandelt.

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