Hof-Aussiedlung vor 50 Jahren: Aufbruchstimmung

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Hans-Jürgen Hohage (links) führte den Hof bis vor wenigen Wochen, jetzt ist sein Sohn Martin (hinten Mitte) der Chef. Vielleicht übernimmt irgendwann einmal der 14-jährige Mike (hinten rechts) den Familienbetrieb.

NACHRODT-WIBLINGWERDE ▪ „Für die alten Leute war das damals alles unvorstellbar“, erinnert sich Hans-Jürgen Hohage noch gut daran, wie die Altvorderen reagiert haben, als ihre Bauernhöfe in den 1960er Jahren ausgesiedelt werden sollten. Heute ist Hohage 65 Jahre alt und weiß, dass es dazu praktisch keine Alternative gegeben hätte. Mittlerweile hat er den Hof, 1962 auf dem Hohenhagen ganz neu errichtet wurde, an seinen Sohn weitergegeben.

Es war die möglicherweise größte Umgestaltungswelle in den deutschen Dörfern in der Nachkriegszeit und sie ging auch an Wiblingwerde und den umliegenden Weilern nicht vorbei. Die Bauernhöfe sollten aus den Dörfern verschwinden, um neuen Wohnungen, Parkplätzen und dem Tourismus Platz zu machen. Sprichwörtlich auf der grünen Wiese sollten sie neu errichtet werden: als Grünlandhöfe mit etwa 40 Milchkühen – das entsprach dem damals als optimal angesehenen Leitbild für die Landschaft. Oberstes Prinzip war die Trennung von Wohnraum und Stallungen, ein Stück alter deutscher Kuhstallromantik sollte zu Grabe getragen werden.

Der Minister kann auch melken: Gustav Niermann mit Staatssekretär Franz Tillmann (r.) und dem Kreistagsabgeordneten Karl Bewerunge (r.) in Hohages Kuhstall.

Sechs Höfe verschwanden im Zuge dieser Neuordnung Anfang der 1960er Jahre aus Wiblingwerde und den umliegenden Orten: Es waren die Höfe der Familien Buttighofer, Heiermann, Becker (Veserde), Dresel und Lippmann (beide Herlsen) sowie Hohage (Haste). Gustav Hohage, der den Betrieb 1957 von seinem Vater übernommen hatte, hatte noch überlegt, das Nachbarhaus von Willi Pühl zu übernehmen, um den 200 Jahre alten Familienbetrieb in Haste weiterführen zu können, erinnert sich Hans-Jürgen Hohage, wie sich sein Vater um die Zukunftssicherung des Hofes bemüht hatte. Diesen Plan gab er aber schließlich auf, denn die Deutsche Bauernsiedlung, die in dem Programm federführend war, machte den Landwirten die Umsiedlung in die Feldflur mit vielerlei Dingen schmackhaft. Sie ließ praktische und preiswerte Fertigteile für Ställe und Wohnhäuser entwerfen, bot den Landwirten aber auch Geld für ihre Althöfe, sehr zinsgünstige Darlehen und sogar Landmaschinen an. Wie die fünf anderen Berufskollegen aus Wiblingwerde – und etwa 25 000 bundesweit – konnte Gustav Hohage der Aussicht auf einen Neuanfang auf einem zeitgemäß ausgestatteten Hof damals nicht widerstehen – obwohl er etwa 200 000 Mark investieren musste. „Das waren damals die modernsten Höfe weit und breit“, erinnert sich Hans-Jürgen Hohage.

Es wird gefeiert

Am Sonntag, 15. Juli, feiert die Familie Hohage ab 10.30 Uhr das 50-jährige Bestehen ihres Hofes auf dem Hohenhagen. Eingeladen sind Nachbarn und Geschäftspartner. „Gefeiert wird im familiären Rahmen in unserer Scheune“, will Hans-Jürgen Hohage trotz des „runden“ Jubiläums keine große Hofparty geben.

Link-Tipp:

Lesen Sie auch einen Artikel aus dem Jahr 1971 über die Aussiedlungskampagne der Deutschen Bauernsiedlung GmbH. Die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" berichtete damals auch über Wiblingwerde:

"Bulle schmeckt besser"

Allerdings war die Aussiedlung mit einer Umstellung der Betriebsführung verbunden. Aus den bisherigen Mischbetrieben Ackerbau und Viehzucht wurden nun reine Grünlandbetriebe mit Milchviehhaltung. „Das war damals ein Aufbruch. Mit elf oder 13 Kühen sind wir damals hier eingezogen, haben dann aber schnell auf 35 Kühe aufgestockt“, weiß Hans-Jürgen Hohage noch ziemlich genau, wie der Umzug von Haste auf den Hohenhagen vor einem halben Jahrhundert vonstatten gegangen ist. Dass die Tier im Stall nicht mehr auf Stroh, sondern auf Betonbalken standen, zwischen denen Kot und Jauche automatisch abflossen, war eine weitere Neuerung. „Unser Opa war ganz aufgeregt, als im neuen Stall damals die erste Kuh melk wurde und kein Stroh da war“, erzählt Hohage, der den Betrieb 1975 übernahm.

Nach und nach wuchs der Hof auf dem Hohenhagen, die Familie steckte auch Rückschläge wie den Brand des Kuhstalls 1978 weg. „Danach haben wir den ganzen Stallkomplex nach neuestem Stand wieder aufgebaut“, klingt in den Worten von Hans-Jürgen Hohage auch ein wenig Stolz darauf mit, dass er fortan 60 Kühe in einem Boxenlaufstall halten konnte.

Mittlerweile führt Martin Hohage den Familienbetrieb in der sechsten Generation. Der 38-Jährige hält etwa 70 Milchkühe und bewirtschaftet 67 Hektar Grünland. Und sogar die siebte Generation steht schon bereit: Mike Hohage (14) würde später gerne ebenfalls gerne Landwirt werden und den Hof weiterführen. Sein Vater weiß aber, dass die Zeiten für Bauern hart sind: „Wenn er möchte, ist das in Ordnung, aber ich würde ihn nie zwingen“, sagt er über die Ambitionen des Juniors. ▪ Volker Griese

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