Falsche Liebesschwüre und ein gebrauchter Ring

Nachrodt-Wiblingwerde - Ein 28-jähriger Oberhausener muss sich derzeit vor dem Amtsgericht Altena wegen Betruges verantworten. Mehrere Frauen soll er unter Vorspiegelung falscher Tatsachen um ihre Ersparnisse gebracht haben – darunter auch eine 28-Jährige aus Nachrodt-Wiblingwerde.

Der bereits in einem anderen Verfahren verurteilte Mann hatte sich zunächst seiner Haftstrafe entzogen, indem er von Mai bis Oktober 2012 unter dem Pseudonym Gregory James Earl of Gloucestershire bei einer 28-jährigen Frau in Nachrodt unterschlüpfte. Diese und ihren Bruder soll er durch eine angebliche Krebserkrankung veranlasst haben, ihm insgesamt 36 000 Euro zu übergeben. Außerdem soll er von Nachrodt aus Internet-Bestellungen im Wert von 9000 Euro getätigt haben, die nie bezahlt wurden.

Als der „Earl“ sich ab Oktober 2012 sich nur noch selten in Nachrodt aufhielt, war er vorzugsweise bei seiner Freundin in Wuppertal. Nachdem diese herausbekommen hatte, dass er ein mindestens doppeltes Spiel spielte, nahm sie Kontakt zu seiner Nachrodter Freundin auf. Fazit: „Der hat mir das Leben zerstört.“ Die Nachrodterin konterte mit schlimmeren Übeln: „Was soll ich sagen – mit dem (teuer gekauften) Auto und dem Kredit?“

Gleichzeitig begann die Wuppertalerin mit Nachforschungen über ihren merkwürdigen Freund, dessen wirklichen Namen sie bei einem gemeinsamen Besuch in seiner Heimatstadt Oberhausen erfahren hatte. Sie suchte im Internet nach Spuren des mutmaßlichen Betrügers: „Er war in diversen Foren unterwegs. Facebook macht alles möglich.“ So fand die 28-Jährige Hinweise, dass die Zahl vergleichbarer Fälle bereits zweistellig war und bekam Kontakt zu einer dritten Betrogenen, die emotional und finanziell ebenfalls über den Tisch gezogen worden war: „Er hat Schulden ohne Ende auf meinen Namen gemacht“, gab die Wuppertalerin deren Worte wieder. Ihre ziemlich drastisch formulierte Schlussfolgerung lautete nach der Recherche: „Der Typ verarscht die Frauen reihenweise.“

Der Hinweis auf weitere Geschädigte interessierte auch Richter Dirk Reckschmidt. Er kündigte an, jene Frauen zu laden, die die Zeugin ausfindig gemacht habe. „Gern“, freute sich die Wuppertalerin.

In ihrer Rache, die bekanntlich sehr süß sein kann, vermied sie jene Dinge, die in solcher Lage Spaß machen können, aber strafbar sind. Stattdessen machte sie den Oberhausener glauben, „dass ich nicht zur Polizei gehe, wenn er sich stellt“. Tatsächlich wurde der falsche „Earl“ aber bald darauf nach einem Hinweis in seinem Nachrodter Unterschlupf verhaftet. Nun gaukelte die Wuppertalerin ihm vor, dass sie unverändert zu ihm halte: „Zwei oder drei Mal habe ich ihn im Gefängnis besucht und ihm 15 Briefe geschrieben, wie sehr ich ihn liebe und vermisse. Dem habe ich richtig schön in die Haftanstalt geschrieben und ihn dann fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel.“

Richter Dirk Reckschmidt fasste zusammen: „Sie hatten das Bedürfnis, ihm aus verletzter und verschmähter Liebe einen zu verpassen.“ Die 15 Briefe aus Wuppertal in die Strafanstalt, die dem Gericht inzwischen vorliegen, belegen diesen kleinen Rachefeldzug. Dazu kam ein sehr starkes Symbol: Um sich mit seiner Wuppertaler Freundin zu verloben, hatte der Earl of Gloucestershire den Verlobungsring seiner Nachrodter Freundin mitgenommen. Die Wuppertalerin wunderte sich über die Kratzer, deren Herkunft sie erst später erfuhr. Dieses Beweismittel steht dem Gericht allerdings nicht mehr zur Verfügung: Der Ring ging in die Restgoldverwertung. Gerade mal 120 Euro habe sie dafür bekommen, erzählte die 28-Jährige.

Der Prozess wird morgen vor dem Amtsgericht Altena fortgesetzt. - von Thomas Krumm

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