Auch Eltern gehen falschem „Earl“ auf den Leim

Nachrodt-Wiblingwerde - Die Eltern der 28-jährigen ehemaligen Nachrodterin schilderten am Dienstag im Amtsgericht Altena ihre Sicht auf ihre beiden Kinder und deren Blauäugigkeit.

Die Tochter stellte ihnen den „Earl aof Golucestershire“ als ihren neuen Freund vor, die Eltern gingen davon aus, dass sie möglicherweise ihren zukünftigen Schwiegersohn vor sich hatten. „Er hat sich als Greg vorgestellt, war gut gekleidet, hatte gute Manieren und fuhr ein großes Auto“, sagte die Mutter der Nachrodterin.

Sie war beeindruckt von dem „dicken schwarzen BMW“, in dem sich Greg von ihrer Tochter in das kleine Dorf an der hessisch-thüringischen Grenze fahren ließ. Seinen Schwiegereltern gegenüber zeigte sich der „Earl“ eher wortkarg. Dennoch erfuhren sie, worauf es ankommt: Dass er vermögend sei, ein Anwesen in Großbritannien besitze, Pferde halte und wegen des frühen Todes seiner Eltern bei seinen Großeltern in Deutschland aufgewachsen sei. Über seine Tätigkeit in der Werbebranche dürfe er nicht sprechen, bog der „Earl“ schwierige Nachfragen ab.

Die Eltern machten weitere Beobachtungen: „Er war etwas korpulenter als heute und hat gern Süßes gegessen, Chips und Waffeln“, erinnerte sich der Vater. Und dass der Gast etwas müde wirkte: Schon die Hügel im Zoo von Erfurt hätten ihn gefordert.“

Der Vater hegte keinerlei Misstrauen: „Ich hatte nie den Eindruck, dass das, was er erzählt, nicht der Wahrheit entspricht.“ Ja, das Vertrauen war so groß, dass der Vater nicht zögerte, eine Bürgschaft für den Autokauf seiner Tochter zu unterschreiben. Die Mutter berichtete, dass Greg durch sein stilsicheres Auftreten anfänglich einen positiven Eindruck vermittelt habe. Beide Eltern erzählten, wie Greg ihnen und ihrem Sohn am Heiligen Abend 2012 jeweils einen Kaufvertrag für ein Auto überreichte. Dieser BMW sollten im April/Mai 2013 geliefert werden – doch leider wurde der falsche Graf im Februar in Nachrodt festgenommen.

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Die Mutter schien nicht ganz so blauäugig wie ihr Mann gewesen zu sein: „Es gab einen schleichenden Prozess, wo ich immer mehr Zweifel hatte“, schilderte sie ihre Empfindungen im Amtsgericht. Und nach der Eröffnung, dass ihr nobler Gast unheilbar an Magen- oder Darmkrebs erkrankt sei, wunderte sich die Mutter: „Wie kann ein Mensch mit Magenkrebs soviel Süßes und Chips essen und soviel Cola trinken?“ Er habe mit Sicherheit keine Diät gehalten, versicherte die Zeugin und korrigierte: „Doch, die drei ‚B’ hat er nicht gegessen, weil er sie angeblich nicht vertrug: Bananen, Brokkoli und Blumenkohl.“

Erst nach Gregs Festnahme erfuhren die Eltern von den beiden 18 000 Euro schweren Krediten, die ihre Kinder für die Behandlung des schwerkranken Mannes aufgenommen hatten. „Ich habe meinen Sohn zur Rede gestellt, was das sollte“, erklärte die Mutter. „Ich war so geschockt.“ Genau wie der Vater sagte sie etwas aus, was den Aussagen ihrer Kinder nicht entsprach: „Ich weiß nur, dass er dieses Geld seiner Schwester gegeben hat.“

Konfrontiert mit diesen überraschenden Aussagen erinnerte Richter Dirk Reckschmidt daran, um was es in der Gerichtsverhandlung eigentlich geht: „Um den Vorwurf an den Angeklagten, dass er dieses Geld für sich ergaunert hat“. Allerdings waren auch die Eltern nicht dabei, als das Bargeld wem auch immer übergeben wurde. Und denkbar ist auch, dass es ihrem zur Rede gestellten Sohn leichter fiel zu sagen, er habe das Geld im weitesten Sinn seiner Schwester gegeben. Das klingt immerhin besser als zuzugeben, er habe es einem Betrüger in den Rachen geworfen.

Der Prozess wird am 8. Juli ab 10 Uhr im Amtsgericht Altena fortgesetzt. - Thomas Krumm

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