Unfassbare Merkwürdigkeiten beschäftigen das Gericht

Nachrodt-Wiblingwerde - Im Prozess gegen einen 28-jährigen mutmaßlichen Hochstapler und Heiratsschwindler sagte am Freitag jene Zeugin aus, bei der der schon vor dem laufenden Verfahren verurteilte Straftäter ab Frühjahr 2012 Unterschlupf gesucht hatte.

„Ich bin nach Oberhausen gefahren, habe ihn dort abgeholt und nach Nachrodt-Wiblingwerde gefahren“, erzählte die Zeugin. Kennen gelernt habe sie den Mann, der sich ihr als „Gregory Gloucestershire“ vorstellte, über einen Chat im Internet. Anschließend lebte der Mann in ihrer Wohnung. „Ich bin arbeiten gegangen“, erzählte die Zeugin. „Was er gemacht hat, habe ich erst erfahren, als die Polizei ihn abgeholt hat.“

Zu den Straftaten, deretwegen der 28-Jährige verurteilt worden war, sollen in Nachrodt weitere gekommen sein. Das Schöffengericht in Altena beschäftigte sich am Freitag allerdings weniger mit der Frage, ob der Angeklagte in seiner Freizeit zahlreiche Waren im Internet bestellte. Es ging mithilfe der Zeugin vielmehr der Frage nach, ob der Angeklagte sie und ihren Bruder über seine angebliche Krebserkrankung belog und die beiden dadurch veranlasste, insgesamt 36 000 Euro an Krediten aufzunehmen. Dabei gab es kaum zu glaubende Merkwürdigkeiten: Wenige Tage, nachdem ihr 23-jähriger Bruder dem Angeklagten 18 000 Euro in bar übergeben haben soll, übergab jener ihr 15 000 Euro, mit denen sie eine Anzahlung für einen BMW bezahlte. Richter Dirk Reckschmidt wunderte sich in mehreren Hinsichten: Warum glaubte die Zeugin die Geschichten von der angeblichen Krebserkrankung, obwohl der Angeklagte keinerlei ärztlich Hilfe in Anspruch nahm? Warum sah die Zeugin keinen Bezug zwischen dem von ihrem Bruder dem Angeklagten übergebenen Geld und jenem Geld, das der Angeklagte ihr scheinbar aus seinem großen Vermögen gab? „Da bin ich mit meiner Dummheit genug gestraft“, klagte sich die Zeugin selber an. „Klar war ich blöd, dass ich nicht eins und eins zusammengezählt habe.“ Auch die 28-Jährige nahm einen Kredit in Höhe von 18 000 Euro auf, um ihr Girokonto auszugleichen und weitere Rechnungen zu bezahlen. „Er hat gesagt, er brauche noch Geld.“ Das teure Leben mit dem Angeklagten musste offenbar irgendwie finanziert werden.

Deutlich wurde die Stimmigkeit eines alten Spruches, den Richter Dirk Reckschmidt schließlich beisteuerte: „Liebe macht blind.“ Die Zeugin widersprach nicht. „Ich war dumm, naiv und verliebt.“ Weil auch ihr Verhalten in vielen Aspekten sehr merkwürdig war, fand Verteidiger Frank Hatlé bei seiner Befragung der Zeugin ein weites Betätigungsfeld. Er bezichtigte sie bewusster Lügen und schien damit weit über das Ziel hinauszuschießen.

Der Prozess wird am 3. Juni ab 12 Uhr im Amtsgericht Altena mit weiteren Zeugen fortgesetzt. - Thomas Krumm

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