Problem-Kinder durch gute Eltern-Absichten

Hildegard Falterbaum und Bernd Bäumle betreiben gemeinsam ein Zentrum für systemische Beratung und Therapie. Praktisch täglich haben sie mit Menschen zu tun, in deren Leben es nicht ganz rund läuft. Foto: Koll

Nachrodt-Wiblingwerde -   „Von RTL2 etwa kommen teilweise Lebensentwürfe her...“, sieht Bernd Bäumle die gesellschaftliche Entwicklung der vergangenen zehn Jahre kritisch. Auch seine Kollegin Hildegard Falterbaum wurde schon von Jugendlichen begrüßt: „Ach, Du bist sowas wie die ‘Super-Nanny’?“ Ist sie nicht.

Dennoch ist sie skeptisch: „Viele Eltern geben ihren Kindern doch längst Handys, um sie zu kontrollieren und zu überwachen.“ Die beiden Experten betreiben seit Oktober gemeinsam das Zentrum für systemische Beratung und Therapie in Nachrodt-Wiblingwerde.

„Ein Emoticon fängt direkten, persönlichen Kontakt nicht auf“, stellt Bäumle klar, dass die „schöne, neue Welt“ der sozialen Medien das Zwischenmenschliche keineswegs ersetzen kann. Die zwei Therapeuten bekommen die Gefühle ihrer Kunden manchmal aber auch ganz direkt zu spüren. „Wir kriegen schonmal eine Ladung Kaffee ab“, verrät Falterbaum – und lacht. Es sei sogar schon vorgekommen, dass jemand versucht habe, sich auf sie zu stürzen. Bäumle erinnert sich: „Einmal musste ich eine Therapie abbrechen, als ein Vater mir drohte: ,Ich weiß, wo ihre Söhne zur Schule gehen!’“

Bäumle und Falterbaum lernten sich 2007 kennen, als er bei ihr ein Praktikum absolvierte. Tagtäglich haben sie mit Kunden zu tun, in deren Leben es nicht ganz rund läuft. Doch mitunter sind nicht alle bereit, etwas dagegen zu tun. Falterbaum versteht: „Auch wenn Muster in einer Familie nicht gut sind, geben sie doch eine gewisse Sicherheit. Veränderungen verunsichern.“ Bäumle ergänzt: „Mindestens einer in solch einer Familie hat scheinbar und subjektiv empfunden dabei etwas zu verlieren.“

Die zwei Fachleute arbeiten mit der Methode der Systemischen Therapie, welche seit 2008 wissenschaftlich anerkannt ist. Das bedeute, erläutert Falterbaum, „mit den Kunden gemeinsam und strukturiert“ zu arbeiten. „Diese Denkweise hat uns zwei von Anfang an zusammen gebracht.“ Sie lebe seit drei Jahrzehnten in Nachrodt-Wiblingwerde und sei mit Sicherheit „die erste Familientherapeutin im südlichen Märkischen Kreis gewesen“.

Beide betreuen als Kunden auch Einzelpersonen. Doch zumeist sind es eben Familien, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Falterbaum weiß: „Kinder, die Probleme machen, haben häufig Angst, dass die Eltern sich wieder streiten und trennen könnten.“ Ihre Kunden sind jedoch zu etwa einem Viertel Einzelpersonen und Paare. Als Supervisorin begleitet sie beispielsweise Pflegeeltern.

Bei Bäumle sind 90 Prozent der Kunden Familien. In den anderen zehn Prozent seiner Fälle handelt es sich zum Teil um Erziehungsbeistandschaften. „Dabei gehe ich zwar in eine Familie, bin aber parteilich für einen Jugendlichen.“ Ein weiteres Spezialgebiet Bäumles sind Betreuungsweisungen. „Das heißt, Jugendliche oder junge Erwachsene, die straffällig geworden sind, treffen sich wöchentlich für zwei Stunden mit mir.“ Mit ihnen besucht er Ämter oder Vorstellungsgespräche. Er redet mit ihnen über Probleme oder macht einfach Sport mit ihnen.

Häufig jedoch sind die Jugendämter des gesamten Märkischen Kreises ihre Auftraggeber. Falterbaum weiß: „Ganz viele Jugendamts-Mitarbeiter haben unsere Arbeit mittlerweile zu schätzen gelernt.“

Rund ein Drittel ihrer Aufträge haben ein „co-therapeutisches Setting“, das heißt Falterbaum und ihr Kollege Bäumle gehen gemeinsam in die Familien. Das sei notwendig, „weil in solchen Familien – wie in einem faradayschen Käfig – manchmal ganz viel gleichzeitig passiert“, erklärt Falterbaum . Bäumle konkretisiert: „Im Augenblick sind das etwa sechs oder sieben Familien, die wir zusammen besuchen.“

Das Erstgespräch findet dabei im Beisein eines Jugendamts-Mitarbeiters statt. Falterbaum erläutert: „Dabei legen wir einen Zeitplan fest, benennen Themen unserer Zusammenarbeit und sprechen über Wünsche.“ Probleme, die die zwei dabei vorwiegend aufzuarbeiten haben, sind Gewalt in der Familie, Schulverweigerung, psychische und nicht-psychische Erkrankungen, Sucht – dabei zunehmend auch Mediensucht – sowie Kindesmisshandlung und -missbrauch. Bäumle stöhnt: „Ein Dauerthema.“ Er holt tief Luft und setzt hinterher: „Immer wieder“.

Ein weiteres Thema, welches zuletzt häufiger auftrete, seien Kindesvernachlässigungen. „Wir leiden immer mehr an den Folgen der antiautoritären Erziehung“, sagt Falterbaum. „Manche Eltern vernachlässigen ihre Kinder mit durchaus guten Absichten.“ Sie wollten ihren Töchtern und Söhnen möglichst viele Entscheidungen selbst überlassen, sie nicht bevormunden. „Doch diese Eltern haben ihre Funktion als Leitplanken verloren, die ihre Kinder aber brauchen.“

Die Therapeutin stellt klar: „Elternrecht ist eben auch Elternpflicht. Es gibt bestimmte Dinge, die überfordern Kinder und davor müssen sie auch geschützt werden.“ Durch zu lange Zügel, weiß Bäumle, „haben manche Jugendliche dann eine enorme Macht – nicht nur in der Familie, sondern auch gegenüber Institutionen wie Schule und Polizei.“ Deshalb sei in Zukunft die Netzwerkarbeit solcher Institutionen mit den Therapeuten noch entscheidender als bisher.

„Ganz wichtig ist aber auch“, betont Bäumle, „dass wir gegenüber dem Jugendamt eine Schweigepflicht haben. Das schafft Vertrauen zur Familie.“ Eine einzelne Sitzung mit einem Kunden dauere durchschnittlich zwei Stunden. Mal sei eine Problemlage nach ein paar Wochen bereits bereinigt, mal dauere eine Therapie Jahre. Bäumle hebt deutlich hervor: „Es darf aber keine unendliche Geschichte werden.“ Die Kundschaft komme aus allen gesellschaftlichen Schichten. Falterbaum seufzt und sagt: „Ich bin immer wieder fasziniert, wie querbeet das geht.“ Zudem stellt sie fest, dass „andere Kulturen sich zunehmend unserer Hilfe öffnen“.

Das haben sie immerhin den Krankenkassen voraus, die in der Regel nicht für die Leistungen der Praxis in Nachrodt-Wiblingwerde aufkommen. So erinnert sich Bäumle „an eine alleinerziehende Mutter, die mich alle vier, fünf Wochen anrief, wenn sie wieder Geld für eine Sitzung hatte“. Doch er stellte fest: „Sie hatte dann immer einen Zettel vorbereitet, mit allem, was sie ansprechen wollte. Sie war hoch motiviert. Da ist in kürzester Zeit relativ viel passiert.“

Die beiden Experten bieten auch Fortbildungen, Coachings und Workshops an – beispielsweise für Firmen-Belegschaften und andere Gruppen. - Michael Koll

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