Schlosshotel Holzrichter gibt geflüchtetem Syrer eine berufliche Existenz

Thomas Holzrichter (2.v.r.) hat die Einstellung von Wagih Junbullat (2.v.l.) nicht bereut, auch wenn sie mit viel bürokratischem Aufwand verbunden war. Für das Team ist der talentierte Koch eine Bereicherung.

Nachrodt-Wiblingwerde - Gemüse schneiden, Brot backen, Dessert vorbereiten und was sonst noch in der Küche anfällt. Wagih Junbullat ist in seinem Element. Er gibt alles, schließlich hat er eine Chance auf ein neues Leben bekommen.

Junbullat kommt aus Syrien, spricht kein Deutsch, nur gebrochen Englisch – aber er kann kochen und das sogar so gut, dass er jetzt im Schlosshotel Holzrichter arbeitet. Er ist einer der ersten Flüchtlinge im Märkischen Kreis mit einem sozialversicherungspflichtigen Job. Aber wer denkt, Wagih hat es geschafft, der irrt. Denn die Realität sieht ganz anders aus.

Wenn Wagih kocht, kann er seine Sorgen und Ängste für kurze Zeit vergessen. Denn dann ist er in seinem Element. In seiner Heimat hatte er selbst auch ein kleines Restaurant in der Nähe von Aleppo. Mittlerweile wurde es komplett durch Granaten zerstört. Dort wo er einst seine Gäste bewirtete und für gute Stimmung sorgte, ist jetzt einfach nur noch ein Loch. Er musste fliehen. Über zig Umwege kam er nach Deutschland und schließlich nach Nachrodt. Weil er Christ ist, schloss er sich der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde an.

 „Auf einer privaten Geburtstagsfeier wurde ich angesprochen, ob ich keine Arbeit für einen Koch aus der Gemeinde hätte. Wir suchten gerade, also willigte ich ein und vereinbarte ein Kennenlernen“, erinnert sich Thomas Holzrichter. Der Hotelier erkannte schnell das Talent des Syrers und wollte ihn einstellen. Doch so einfach, wie das klingt, war das gar nicht. Es begann ein wahrer Behörden-Marathon bis Junbullat seinen ersten Arbeitstag hatte – wohlgemerkt als Praktikant. „Wir wollten ihn ganz normal einstellen, ihn nach Tarif bezahlen, sodass er seinen Lebensunterhalt auch selbst erwirtschaftet, aber das ging zunächst nicht. Erst zig Anträge und Gespräche später“, erzählt Holzrichter.

Seit zwei Monaten ist Junbullat nun fest im Schlosshotel angestellt und der Chef ist zufrieden: „Es klappt super, er macht gute Arbeit und auch im Team hat er sich trotz Sprachbarriere eingefunden.“ Gerne würde Holzrichter noch mehr für seinen Koch tun, denn Junbullat leidet. Während er in Veserde kulinarische Genüsse zaubert, kämpfen seine Frau, seine Tochter und sein Sohn ums Überleben, hausen in einem kleinen Keller ohne Tageslicht und hoffen, dass die Wände den Granaten stand halten. Junbullat kämpft, möchte seine Familie her holen – er könnte sie mit dem Lohn schließlich sogar selbst ernähren. Doch das geht nicht. Der Syrer hat vorerst nur eine Aufenthaltsgenehmigung über ein Jahr. Seine Familie dürfte er erst holen, wenn er mindesten drei Jahre in Deutschland bleiben könnte.

„Wir haben alles versucht. Aber es geht nicht. Und selbst wenn so ein Antrag genehmigt würde, wie sollte es dann gehen?“, fragt Holzrichter und erklärt die schwierige Situation: Würde ein solcher Antrag hier in Deutschland genehmigt, müsste seine Frau mit den Kindern in eine deutsche Botschaft. Die gibt es in Syrien nicht mehr. Das heißt, sie müsste in den Libanon. Eine weite und vor allem gefährliche Reise – gerade als Christ. „Über die Entfernungen macht sich keiner Gedanken, selbst wenn sie ihre Flucht selbst organisieren sollte, wer mal auf die Karte guckt, wie weit das ist, verliert jegliche Hoffnung“, so Holzrichter. Sollte sie dort ankommen, ist ihr Antrag vermutlich einer von hunderttausenden. Bis der bearbeitet ist, vergehen Jahre. Und dann? Wie kommt sie dann nach Deutschland? Klar, mit dem Flugzeug, aber das muss auch erst einmal finanziert werden. Eine Situation, die den Koch zermürbt, er schläft nur wenig und versteht einfach nicht, warum es nicht geht. Stellt Antrag um Antrag, jedes Mal mit der Hoffnung, das er bewilligt wird.

Holzrichter hilft, wo er kann. Gerade lautet die gemeinsame Mission Führerschein. Bisher holt die Familie den Koch jeden Tag in der Bachstraße ab. „Wir sind zum Amt nach Dortmund gefahren. Das erste, was uns die Dame sagt: ,70 Prozent aller syrischen Führerscheine sind gefälscht’. Super Einstieg in eine Gespräch.“ Damit will Holzrichter den Behörden keinen Vorwurf machen. „Sie machen die Gesetze schließlich nicht und sind selbst durch die Masse einfach hoffnungslos überfordert.“

Holzrichter würde seinem Koch nur zu gerne helfen. Er versteht nach den Erfahrungen aber auch, warum viele seiner Kollegen aus der Gastronomie die Einstellung von Flüchtlingen mit großer Skepsis sehen. „Die Hürden sind so unglaublich hoch, dass man das als Arbeitgeber entweder aus Überzeugung macht und in Kauf nimmt, dass man tagelang Behördengespräche führt, oder es einfach lässt, weil es zeitlich gar nicht machbar ist“, sagt Holzrichter.

Er bereut es jedoch nicht, sich für den Syrer eingesetzt zu haben. Für das Schlosshotel sei er eine echte Bereicherung. Allerdings habe er auch nicht mehr die Illusion, Wagih Junbullat darüber hinaus irgendwie helfen zu können, seine Familie nach Deutschland zu holen und ein wirklich neues Leben zu beginnen zu können – denn, was einfach klingt, ist es in Wirklichkeit nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare